Länderspielpause – ein kurzes Zwischenfazit zur bisherigen Saisonleistung des FC Bayern

Bayern_Herbst 2019

Nach einem etwas holprigen Saisonstart schien der weitere Saisonverlauf für den FC Bayern durch die „Eroberung“ der Tabellenführung am 6. Bundesliga-Spieltag und nicht zuletzt durch das grandiose 7:2 beim Champions League Finalisten der vergangenen Spielzeit, Tottenham Hotspur, eindeutig in die richtige Richtung zu gehen. Die unnötige 1:2-Heimniederlage am Samstag gegen die TSG Hoffenheim hat jedoch sämtliche Euphorie wieder nahezu weggefegt.

Wo steht der FCB augenblicklich wirklich?

Man bewegt sich immer etwas auf Glatteis, wenn man als Autor eine Frage stellt, auf die man selbst keine richtige Antwort weiß. Denn noch viel mehr als dies schon in der ersten „Kovac-Saison“ der Fall war, scheint die augenblickliche Bayern-Mannschaft hinsichtlich ihres Leistungsvermögens so etwas wie ein „Überraschungsei“ zu sein. Symptomatisch hierfür die Leistungen der letzten Woche.

Beim 3:2-Auswärtssieg in Paderborn, welcher aufgrund des Ausrutschers von RB Leipzig die Bundesliga-Tabellenführung bedeutete, spielten die Bayern größtenteils hochüberlegen, vergaben aber fahrlässig eine Vielzahl an Torchancen und ließen drei Chancen von Paderborn zu, welche der Aufsteiger zu zwei eigenen Treffern nutzte. Ein Spiel, dass eigentlich frühzeitig klar hätte entschieden sein müssen, wurde am Ende scheinbar noch einmal unnötig knapp.

Vor dem Champions League Spiel in London beim letztjährigen Europapokalfinalisten Tottenham wäre man sicher schon mit einem Unentschieden, welches für den Gruppensieg alle Optionen offen gelassen hätte, zufrieden gewesen. Nach einer „schwierigen“ heißumkämpften ersten Halbzeit, nach der man dank eines Geniestreichs von Robert Lewandowski und einer erstklassigen Partie von Manuel Neuer mit 2:1 in die Pause ging, spielte man eine nahezu perfekte zweite Halbzeit. Serge Gnabry spielte wohl die Halbzeit seines Lebens und trug mit seinen vier Toren maßgeblich zum sensationellen 7:2-Sieg bei.

Dieser Kantersieg bei den Hotspurs löste erstaunlicherweise keinen einheitlichen Jubelsturm in der FCB-(Fan-)Gemeinde aus. Kovac- (und Brazzo-)Zweifler beharrten weiter stur auf ihrer These, dass die Mannschaft mit diesem Trainer (und auch diesem Manager) in dieser Saison zur Erfolgslosigkeit verdammt sein wird. Die Kovac-Fans dagegen sahen in diesem Sieg den endgültigen Beweis für die Eignung des kroatischen Coaches für den FCB-Cheftrainer-Posten. Es kam weniger Freude über den unerwartet klaren Sieg auf, als dass dieser eine weitere verschärfte Debatte nach sich gezogen hätte. Komisch und logisch zugleich.

Waren die Kovac-Kritiker fast schon eher verstimmt über den sensationell hohen Europapokalsieg in London, sahen sie sich am vergangenen Samstag durch die Heimniederlage gegen Hoffenheim wieder in ihrer Meinung bestätigt: Der Niko Kovac kann gar nichts. Und wenn er was beherrscht, dann ist es, verdiente Spieler wie Thomas Müller und Javi Martinez zu verstimmen, wenn nicht gar zu demütigen.

Tatsache ist, dass die im Vergleich zur 2. (grandiosen) Halbzeit in London unveränderte FCB-(Start-)Elf fast über die gesamten 90 Minuten gegen Hoffenheim keine richtige Einstellung zum Spiel fand. Der Auftritt wirkte lustlos, uninspiriert, pomadig. Bezeichnend für das ganze Spiel: Als in der 73. Minute nach der besten Bayern-Viertelstunde des Spiels der 1:1-Ausgleich durch Lewandowski gefallen war, nutzte man nicht etwa das Momentum und überrannte einen mittlerweile klar unterlegenen Gegner, sondern nahm völlig unerklärlich wieder das Tempo aus der Partie. Der kollektive Tiefschlaf der gesamten Defensive, der nur kurz später zum erneuten Rückstand führte, war nur eine logische Folge der erneut nachlassenden Konzentration.

Es bleibt die Frage, inwieweit ein Trainer Einfluss auf die Leistung der Mannschaft hat, die nach einer Superleistung vier Tage zuvor kollektiv einen derart fürchterlich pomadigen Fußball anbietet? War Kovac machtlos? Hat Kovac beim Coachen versagt? Die Antwort dürfte auch unter ehemaligen Kickern mit derartigen Erfahrungswerten sympathieabhängig sein …

Wohin geht der Weg des FCB in dieser Saison?

Die nächste gute – und schwierige – Frage 😉 . Persönlich bin ich der Meinung, dass das Leistungsvermögen des Teams – die Leistung in London als Beweis – sogar um einiges über dem der vergangenen Saison liegt.

Seit dem Weggang von Pep Guardiola scheinen die Bayern zusätzlich den „Fußball-Herbst“ nicht mehr allzu sehr zu mögen … Dies hat vor zwei Jahren Carlo Ancelotti den Job gekostet, der von Niko Kovac schien letztes Jahr zumindest in Gefahr und auch in diesem Jahr ist die Situation – Barometer FCB-Fans – erneut ähnlich.

Glücklicherweise wird, wenn nicht alles schief geht, nichts im Herbst entschieden. Zudem stehen die Bayern nach den beiden klaren Auftaktsiegen in der Champions League international bestens da. Und – auch wenn die letzten beiden Spiele keine Offenbarung waren – selbst in der Bundesliga könnte der FCB aufgrund der Spiele-Konstellation nach dem nächsten Spieltag wieder von der Spitze grüßen.

Was könnte / sollte man besser machen?

Laut Aussagen der Vereinsbosse haben die Bayern im Spätherbst des letzten Jahres aufgrund der Beendigung der Rotation wieder zurück in die Erfolgsspur gefunden. Dieses Jahr ist meiner Meinung nach der Kader insgesamt besser und ausgeglichener besetzt: Könnte der umgekehrte Weg – Start der Rotation – dieses Mal das Erfolgsrezept sein?

Außerdem würde ich dem nach langer Verletzungspause zurückgekehrten französischen Weltmeister Corentin Tolisso eine Auszeit geben. Es macht keinen Sinn, wenn man Woche für Woche an einem weit von der eigenen Bestform entfernten Spieler festhält, dessen regelmäßig vorkommende gravierende Fehler sogar Punktverluste zur Folge haben (zuletzt vor dem Hoffenheimer 0:1). Ein hochmotivierter Javi Martinez steht ganz sicher schon in den Startlöchern und möchte es allen zeigen.

Um Thomas Müller mache ich mir übrigens keine großen Sorgen. Natürlich ist aktuell die Weltklasseverpflichtung Philippe Coutinho gesetzt. Aber Müller ist flexibel auf nahezu jeder offensiven Position einsetzbar und augenblicklich sogar als Joker ein höchst effizienter Vorlagengeber.

 

(Kein) Fazit:

Wohin geht die Reise des FCB in dieser Saison?

Wenn ich jetzt das in Dortmund so verachtete Wort mit dem großen „M“ verwende? 😉  „Mentalität“ kann man aber auch mit Willen, Lauf- und Einsatzbereitschaft, Disziplin etc. beschreiben – alles was die Bayern in London so grandios gezeigt haben und gegen Hoffenheim so schmerzlich vermissen ließen …

Abschließend möchte ich auf eigenen Beitrag vor fünf Wochen hinweisen: https://petersgradmesser.wordpress.com/2019/09/03/bayernkader-2019-20-triple-reif-oder-droht-sogar-das-ende-der-bundesliga-vorherrschaft/

Der ist immer noch gültig!

7 Kommentare zu „Länderspielpause – ein kurzes Zwischenfazit zur bisherigen Saisonleistung des FC Bayern“

  1. So, nun gibt auch noch der „El Tren“ seinen Kommentar ab: zunächst einmal stimme ich Dir völlig zu, dass der diesjährige Bayern-Kader besser ist als der der vergangenen Saison! Das Spiel ist meiner Meinung nach dadurch auch variabler geworden. Von daher bin ich eigentlich optimistischer als vor einem Jahr. Ich halte die Bayern vor allem international für konkurrenzfähiger. Das Spiel gg Hoffenheim hat mich dann auch etwas überrascht. Nicht dass es nicht durchaus üblich ist, dass sich viele Mannschaften nach CL-Einsätzen schwertun. Eine Niederlage ist da auch schon mal vorgekommen. Aber die Art und Weise hat mich dann doch konsterniert.
    Daher bleibt derzeit nur zu hoffen, dass das ein Ausrutscher zum richtigen Zeitpunkt war. Denn : noch ist nichts passiert.
    Saludos amigos! Euer El Tren

    1. Da sind wir uns absolut einig, mein kolumbianischer Freund 🙂

      Kleine Ausnahme: Die Niederlage gegen Hoffenheim hat mich nicht konsterniert, sondern maßlos geärgert … Was aber insgesamt positiv zu werten ist 😉

      Denn: Es ging nicht darum, dass man keine Antwort, keine Mittel auf die Hoffenheimer Führung(en) bzw. das Hoffenheimer Spiel gehabt hätte. Nein, es hat schlichtweg die Einstellung gefehlt.

      Nach dem 1:1 hatten die Bayern ALLE Vorteile auf ihrer Seite – und was machen sie? Sie werden (wieder) passiv? Waren die Jungs zu dem Zeitpunkt tatsächlich mit einem Unentschieden zufrieden? Kaum vorstellbar.

      Aber besser jetzt wieder diesen nun schon alljährlichen herbstlichen Blues als wenn dasselbe wieder in einem KO-Spiel wie gegen Liverpool passiert (der FCB ging bekanntermaßen nach dem 1:1-Ausgleich mit viel Rückenwind in die Kabine, den aber unerklärlicherweise der LFC aus dieser dann mitbrachte…)

      „Wundertüte“, „Überraschungsei“ FC Bayern … hoffentlich am Saisonende positiv!

  2. Der Bayernfan als solcher ist manchmal komisch. Lässt sich eher von den Medien beeinflussen als einfach mal an seinen Verein zu glauben und sich Gedanken zu machen, warum manches so passiert wie es gerade passiert:

    1. Der große Vorteil des früheren Positionsspiels (ich nenne es „passenaccio“) war, dass man so 80 – 90% der Spiele gewinnt bzw. wenigstens nicht verliert. Diese Spielweise hat der FC Bayern aber aufgegeben, und, wie ich meine, zu recht. Also wird halt mal verloren.

    2. Verein und Trainer denken weiter als bis zum nächsten Spiel. Sie denken auch weiter als bis zum Saisonende, sondern haben einen längerfristigen Plan. Da wird gejammert, dass Kovac Davies und Cuissance nicht eingesetzt hat. Was wäre denn, wenn sie gespielt hätten und das Spiel trotzdem verloren worden wäre? Das hätte die beiden medial zum Abschuss frei gegeben. Und Tolisso hat mich bisher zwar auch nicht begeistert. Aber Kovac wird sich schon etwas dabei denken, einen Mann aufzubauen, bei dem auch Deschamps ins Schwärmen gerät.

    3. Du hast recht, das jetzige Bayernteam hat ein viel größeres Leistungsvermögen als das vom letzten Jahr. 2018, das war eine Mannschaft die ihr Potential ausgeschöpft hatte (insb. sind Hummels, Boateng und Müller zu nennen). 2019 wird spannend. Um so weniger verstehe ich das Rumgeheule wenn mal ein Heimspiel verloren geht.

  3. Hallo Peter, auch ich gebe dir zu 100% recht, aber manchmal kann man einfach nicht verstehen was in den Köpfen der Spieler vorgeht.

  4. Eigentlich braucht man nur auf Deine Zusammenfassungen warten.
    Da steht immer alles drin, präzise, durchaus leidenschaftlich, aber nicht emotional aufgeheizt.
    Danke!

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