Spitzenspiel in Leipzig – der FC Bayern spielt „nur“ unentschieden – Eine Einschätzung

Bayern_Tabellen-Vierter 14.09.2019

 

Am Samstagabend kam es – im Vergleich zu den letzten Bundesligaspielzeiten – relativ früh in der Saison zu einem wirklichen Spitzenspiel. Der nach drei Spieltagen verlustpunktfreie Tabellenführer RB Leipzig traf auf den deutschen Rekordmeister und Tabellenzweiten FC Bayern. Zwei Mannschaften, die man auch zum Ende der Saison unter die besten drei Teams einordnen kann. Seit dem Aufstieg der „Roten Bullen“ im Jahr 2016 waren alle vier Heimspiele (inkl. Pokal) gegen die Münchner ganz knappe Angelegenheiten gewesen. Dies wurde auch vor dieser Partie so erwartet und letztendlich durch die gespielten 90 Minuten bestätigt.

Die große Überraschung des Spitzenspiels des 4. Bundesliga-Spieltags war dann die in dieser Form nicht erwartete totale Dominanz des FC Bayern in der 1. Halbzeit, natürlich auch begünstigt durch das frühe Führungstor von Robert Lewandowski nach Klasse-Vorarbeit von Thomas Müller. 40 Spiel-Minuten lang war die Hauptaufgabe der Leipziger, wohlgemerkt der Heimmannschaft und des Tabellenführers, ein dem Ball Hinterherhecheln und Räumezulaufen. Leider versäumten es die Bayern in dieser Phase, ein zweites und drittes Tor nachzulegen – Serge Gnabry und vor allem Robert Lewandowski hatten hierzu genügend Gelegenheiten.

Und so kam es, wie es fast kommen musste. In der Nachspielzeit der 1. Halbzeit erhielten die Bullen nach einem fahrlässigen Fehlpass von Thiago vor dem eigenen Strafraum und einer etwas ungeschickten Aktion von Lucas Hernández gerade noch innerhalb des Strafraums einen Elfmeter zugesprochen, welcher von Forsberg zum mehr als schmeichelhaften 1:1 verwandelt wurde. Besonders bitter für die Bayern: Zu dieser langen Nachspielzeit war es nur gekommen, weil ihnen selbst einige Minuten zuvor per VAR ein Elfmeter – allerdings auch zurecht – aberkannt worden war. Den Elfmeter für Leipzig konnte / musste man durchaus geben, auch wenn Poulsen diesen sehr clever „erarbeitet“ hat und eigentlich keine wirkliche Torgefahr bestand.

So schlichen die Bayern anstelle mit einer souveränen Halbzeit-Führung mit einem ärgerlichen 1:1 „wie die begossenen Pudel“ in die Halbzeitpause. Und wer selbst einmal Fußball oder einen anderen Mannschaftssport gespielt hat, weiß, wie sehr einen so ein „Ärgernis“ beschäftigt. Deshalb ging es am frühen Samstagabend in der Pause wesentlich weniger um taktische Anweisungen für die zweite Hälfte als vielmehr um die mentale Aufarbeitung.

Nicht überraschend kamen dann die Leipziger wesentlich besser als die Bayern aus der Halbzeitpause. Nicht wenige „Taktik-Freaks“ wollen als Ursache dafür die taktischen Umstellungen von Julian Nagelsmann in der Halbzeit gesehen haben, auf welche wiederum Niko Kovac nicht (unmittelbar) reagiert haben soll. Natürlich ist Nagelsmann ein ausgezeichneter Trainer und seine Umstellungen haben gegriffen, aber noch viel mehr waren die Bayern wohl aufgrund des unglücklichen Endes der 1. Halbzeit noch mental „blockiert“.

Übrigens hat Kovac nach gut einer Stunde mit zwei Auswechslungen entsprechend reagiert: Der 18-jährige pfeilschnelle Alphonso Davies kam für den dieses Mal etwas blassen Gnabry und Corentin Tolisso für Müller. Jedoch wurden auch diese Einwechslungen von vielen (Fan-)Seiten kritisiert. „Warum sich defensiver ausrichten, wenn man auf Tabellenführung und Sieg spielen soll“? Warum der „etwas hibbelige zu(!) junge“ Davies? Der soll noch Erfahrung bei den Amateuren sammeln…

Meine Güte, die etwas defensivere Ausrichtung hat die Bayern wieder zurück ins Spiel gebracht, denn ab diesem Zeitpunkt waren eigentlich wieder die Münchner am Drücker. Zudem fragt man sich, ob genau diese „Nörgler“ andersherum immer wieder den vermehrten Einbau von Nachwuchskickern fordern. Und was wäre eigentlich gewesen, wenn das schöne Zusammenspiel von Davies und Tolisso nur knapp eine Minute nach ihrer Einwechslung zum 2:1 geführt hätte? Nur ein Reflex von Gulacsi verhinderte den bayerischen Führungstreffer durch den französischen Weltmeister.

Insgesamt war die 2. Halbzeit eine Werbung für den Bundesligafußball, es gab Chancen auf beiden Seiten, Neuer hielt ein paar Mal sehr stark, ebenso auf der anderen Seite Gulasci, der zudem noch einen Pakt mit dem Aluminium seines Tores geschlossen zu haben schien.

So trennte man sich am Ende nicht völlig unverdient mit 1:1, wobei sich der Auswärtspunkt beim Tabellenführer für die Bayern wegen der sensationellen, aber unvollendeten ersten Halbzeit eher wie eine Niederlage anfühlte.

Blickt man nun nach dem 4. Spieltag auf die Tabelle, findet man den FC Bayern mit 8 Punkten und 12:4 Toren hinter Leipzig, Dortmund und Freiburg(!) auf dem vierten Tabellenplatz wieder. Die Medien weisen darauf hin, dass es der schlechteste Saisonstart seit 2014/15 ist. Damals hatte man nach vier Spieltagen ebenfalls 8 Punkte, ein wesentlich schlechteres Torverhältnis und war Vierter – und am Saisonende stand man als souveräner Deutscher Meister fest.

Dass es nicht für einen Sieg, der gleichbedeutend mit der Tabellenführung gewesen wäre, reichte, lasten viele wiederum dem Trainer an. Er hätte zwar die Mannschaft anfänglich bestens auf Leipzig eingestellt, wäre dann aber nicht mehr fähig gewesen, auf Nagelsmanns taktische Umstellungen zu reagieren. Zur Einordnung: Kovac hat sicherlich bei der Spielvorbereitung sehr viel richtig gemacht und die Mannschaft bestens eingestellt – dafür dass die überragende Zusammenarbeit von Müller und Lewandowski aber bereits in der 3. Minute das 1:0 brachte, war seine Einstellung auf das Spiel nicht entscheidend. Und zu den „schwierigen 18 Minuten nach der Pause“ verweise ich noch einmal auf die Ausführungen von weiter oben.

Übrigens sollte man auch noch einmal positiv erwähnen, dass die Spielvorbereitung von Kovac´ Bayern kurz vor Spielbeginn durch den verletzungsbedingten Ausfall von David Alaba wesentlich erschwert wurde. Für Alaba rückte Hernández nach außen und Jerome Boateng kam nach mehreren Wochen ohne Spielminute zu seinem Bundesliga-Startdebüt in dieser Saison. Für diese doch beträchtliche Umstellung hat das Bayernspiel gerade in der ersten Halbzeit überragend funktioniert.

Zudem wurde Kovac dafür kritisiert, dass er den sehr spät von der Länderspielreise zurück gekommenen Coutinho zu spät (für Thiago) einwechselte. Als Außenstehender ist es durchaus schwierig zu beurteilen, in welcher Verfassung sich der Brasilianer nach den Spiel- und Reisestrapazen befand. Zudem war sein „Ersatzmann“ kein geringerer als die FCB-Legende und Weltmeister von 2014, Thomas Müller.

Fazit

Einzig und allein das Ergebnis vom Samstagspiel ist aus Bayernsicht etwas ärgerlich. Man sollte aber auch bedenken, dass man noch vor dem Spiel ein Unentschieden sicherlich abgenickt hätte und dass, wenn es „ganz blöd kommt“, auch RB noch hätte gewinnen können.

Nach zwei Auswärtsspielen bei deutschen Spitzenmannschaften (Schalke; Leipzig) sind 8 Punkte nach 4 Spieltagen absolut in Ordnung, auch wenn das Unentschieden am ersten Spieltag zuhause gegen Hertha natürlich völlig unnötig war. Der aktuelle 4. Platz ist nur eine Momentaufnahme.

Das Spiel der Bayern in Leipzig war insgesamt (und nicht nur in Halbzeit 1) ein durchaus beachtlich gutes. Dazu sollte man auch bedenken, dass man sich noch am Anfang der Saison befindet und sich die dieses Mal doch erheblich veränderte Mannschaft noch in der „Findungsphase“ befindet. Spiele nach Länderspielpausen haben sich außerdem häufig als „schwierig“ erwiesen und wenn man beim aktuellen Tabellenführer antritt, ist dies selten ein „Selbstläufer“.

Alles gut, aber natürlich noch nicht „perfekt“ 😉

 

Foto: Facebook-Seite FC Bayern

 

15 Kommentare zu „Spitzenspiel in Leipzig – der FC Bayern spielt „nur“ unentschieden – Eine Einschätzung“

  1. Hervorragende Analyse, Peter! Ich kann mich den vorgenannten Äußerungen nur anschließen. Wenn es so gewesen wäre, dass Leipzig Bayern über die gesamte Spielzeit an die Wand gespielt hätte, dann hätte ich mir schon große Sorgen um den FCB gemacht. Aber so war es – Gott sei Dank – nicht. Von daher her kein Grund zur Panik. Auch stand die Defensive diesmal sehr sicher und ließ wenige Chancen zu. Dabei muss man auch bedenken, dass Jerome Boateng sein erstes Spiel in dieser Saison gemacht hat, aber von fehlender Spielpraxis wenig zu sehen war.

  2. Lieber Gradmesser,
    wie so oft ein guter und ausgewogener Artikel!
    Ich bin – wie Du – der Meinung, dass die Bayern in Leipzig ein absolut bemerkenswertes Spiel abgeliefert haben und auch insgesamt (vom Auftaktspiel gg Berlin mal abgesehen) gut in die neue Saison gestartet sind. Viele haben diesbezüglich ja schon den Untergang des Abendlandes vorhergesagt ( #Transfersommer…).

    Was mir in letzter Zeit allerdings auffällt – und auch etwas Sorgen macht – ist die Tatsache, dass der hochveranlagte und spielerisch für die Bayern eigentlich unverzichtbare Thiago inzwischen mit erschreckenderer Regelmäßigkeit schlimme Fehlpässe in sein (manchmal zu) lässiges Spiel einstreut, die nicht selten zu Gegentoren führen….. Noch öfter sollte das nicht passieren!

    1. Hola mi amigo columbiano,

      diese Meinung (inkl. der Sorgen) zu Thiago teilst du mit sehr vielen Bayernfans … hoffentlich stabilisiert .. nein konzentriert er sich wieder, um auf sein höchstes Level zu kommen.

      Vielen Dank für deinen Kommentar.

  3. Wieder mal ein sehr guter Beitrag von dir, dem ich zu 100% zustimmen kann.
    Sehr gute Analyse und ich bin froh, dass mit Dir einer den sog. Taktikfreaks und Dauernörgler in angenehmer Weise die Stirn bietet(insbes. Thema Kovac und auch Einwechselung der Nachwuchsspieler). Weiter so!

    1. Hahaha, geile Anspielung auf Miasanrot & Friends 😉

      Ich würde je gerne mal sehen, wie Petersgradmesser die Miasanrot-„Taktikfreaks“ in einer Talkrunde total auseinander nimmt … Wie schauts aus, Peter? 😉 😉

      1. Ich wäre begeistert 👍😁💪
        (wusste gar nicht, dass ich so leicht zu durchschauen bin😂, hast aber Recht, Derbysieger😉)

        1. 😉 😉

          In der einen Ecke „Milchgesicht Justin“ … in der anderen „Torwartlegende Petersgradmesser“ (ausgehend von seinem FB-Profilbild) ….

  4. Es ist eigentlich genauso wie dus schreibst: Im Grunde genommen, kann man durchaus sagen, dass der FC Bayern – mit Ausnahme vlt dem Beginn der zweiten Hälfte- ein gutes Spiel abgeliefert hat. So eine erste Hälfte hat ja fast niemand erwartet. Übrigens auch erwähnenswert, dass ein gewisser Timo Werner wieder nicht gegen uns getroffen hat und auch ziemlich schwach war. Für mich im Übrigen sowieso kein Kandidat für die Sturmspitze des FCB.

  5. Wie eigentlich immer bei deinen Analysen; sie sind fachkundig, fair und sie werden (natürlich) verfasst von einem Fan, dessen Blut rot ist, mit wenigen Zusätzen in weiss/blau und rautenförmig.
    Immer weiter!

  6. Hallo zusammen, meiner Meinung nach sollte man doch im Grunde mit dem Unentschieden zufrieden sein, man kann nicht jedes mal gewinnen, was zwar schön wäre, zum anderen war es ein auswärts Spiel und noch dazu bei einem mitfavorit. Auch Leipzig wird noch Punkte lassen, wie Dortmund auch, zusammen gerechnet wird zum Schluss. Ich bin zufrieden mit dem einen Punkt.

    1. Hallo Anton,
      da sind wir (Du, Petersgradmesser und ich) uns wohl schon einmal absolut einig!
      Ein Unentschieden beim Mit-/Hauptkonkurrenten ist primär ein gutes Resultat.

  7. Wieder einmal ein exzellenter Beitrag.

    Und deine Einschätzung(en) teile ich durchaus.

    Alles im Lot beim FCB!

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