Bayernkader 2019/20 – „Triple-reif“ oder droht sogar das Ende der Bundesliga-Vorherrschaft?

Startelf Mainz 31.08.19

Am gestrigen Abend ging die wohl längste (eingeleitet durch das Uli Hoeneß-Statement Ende Februar anlässlich einer Talkrunde: „Wenn Sie wüssten, wen wir alles schon sicher haben für die kommende Saison…“) und turbulenteste Transferperiode in der Geschichte des FC Bayern zu Ende. Wie ist der aktuelle Kader in Hinsicht auf die immer ambitionierten Ziele des Vereins zu bewerten und welches Fazit kann man über die Transferaktivitäten ziehen?

Sehr früh war klar, dass der FC Bayern aufgrund der bevorstehenden Abgänge der Oldies (und Vereinslegenden) Franck Ribéry und Arjen Robben wie auch von Rafinha massiv auf dem Transfermarkt tätig werden muss. Ebenso frühzeitig konnte man zudem davon ausgehen, dass für den für zwei Jahre von Real Madrid ausgeliehenen James die Kaufoption nicht gezogen wird.  Dagegen  kam die Rückkehr von Mats Hummels, der Nummer 1 der FCB-Innenverteidiger in der Rückrunde 2018/19, nach Dortmund – zumindest für Außenstehende – durchaus überraschend. Aufgrund der Geschehnisse der abgelaufenen Saison musste man eher davon ausgehen, dass Jerome Boateng den Verein verlassenen würde.

Übrigens bin ich trotzdem nicht der Meinung, dass diese Sommertransferperiode dazu genutzt werden musste, um den von vielen Seiten (Medien, Fans) postulierten „großen Umbruch“ im Kader umzusetzen. Denn ein großer Verein wie der FC Bayern verstärkt, verjüngt, verändert sich quasi jedes Jahr. Und wenn im Zusammenhang mit dem FCB das Wort „Umbruch“ in den Mund genommen wurde, bezog sich dies meistens auf den seit Jahren vorauszusehenden Wechsel auf den offensiven Außenbahnen. Wobei auch klar sein dürfte, dass man eine „Jahrhundert-Flügelzange wie Robbéry“ kaum 1:1 ersetzen kann. Seit 2015 arbeitet der Verein eigentlich – wie ich meine – ganz erfolgreich an dieser Umsetzung. Damals kam Kingsley Coman, zunächst noch auf Leihbasis von Juventus Turin, zudem Douglas Costa. (dazu auch https://petersgradmesser.wordpress.com/2016/03/11/robbery-versus-coco/ )

Der „King“ blieb, Costa fiel nach einigen „Lustlos-Auftritten“, allen voran völlig unverständlicherweise in den Champions League Viertelfinal-Spielen gegen Real Madrid 2017, in Ungnade und wurde im Sommer 2017 für eine Rekordablösesumme nach Turin abgegeben (zunächst ebenso über den Umweg einer Leihe). Dafür wirbelt seit Sommer 2018 der deutsche Nationalspieler Serge Gnabry durchaus eindrucksvoll und erfolgreich auf dem rechten Flügel. Wenn man die Einsatzzeiten und Erfolgsquoten der „jungen Wilden“ mit denen der Oldies (Robben – 35 Jahre; Ribéry – 36 Jahre) in der vergangenen Saison vergleicht, dann kann man nur zum Schluss kommen, dass der viel zitierte „Umbruch“ auf diesen Positionen bereits stattgefunden hat, auch weil „Robbéry“ (vor allem Mr. Wembley) lange Phasen der Saison ausfielen.

Bayern-Kader 2019/20

Torhüter

Auf dieser Position war der Verein eigentlich in seinen erfolgreich(st)en Zeiten immer bestens mit Weltklasseleuten aufgestellt: Sepp Maier (1965-79; nur die BL-Zeit); Jean-Marie Pfaff (1982-88); Oliver Kahn (1994-2008) und dann seit 2011 Manuel Neuer, für mich persönlich der beste (weil kompletteste) Torhüter der Fußballgeschichte.

„Neuer is back!“

Es mag nun etwas komisch klingen, wenn ich behaupte, dass der vierfache Welttorhüter Manuel Neuer wohl der „beste Neuzugang“ für diese Saison ist. Dazu ein Blick zurück bis ins Frühjahr 2017: Bereits vor seinem verhängnisvollen Ermüdungsbruch beim CL-Spiel in Madrid im April 2017 häuften sich die Verletzungen bei Neuer. Zum Saisonstart 2017/18 wurde er gerade noch fit, bis ihn dieselbe Verletzung (inkl. erneuter OP) nach wenigen Saisonspielen für die gesamte restliche Spielzeit außer Gefecht setzte. Zwar spielte er die WM 2018 in Russland und große Teile der Saison 2018/19, aber seine überragende Präsenz wie von 2011 bis 2017 war nicht mehr vorhanden. Er machte nicht viele Fehler, aber er hielt auch nicht mehr die „Unhaltbaren“ wie zu Glanzzeiten. Das Ende der Bundesligasaison verpasste er zum dritten Mal in Folge verletzungsbedingt und als ihm Niko Kovac trotzdem für das Pokalfinale gegen RB Leipzig das Vertrauen schenkte, fand dies selbst bei den eigenen Anhängern nicht nur Beifall. Beim 3:0-Sieg gegen die Roten Bullen sah man jedoch wieder den „alten Neuer“ – nicht zuletzt seine beiden Weltklasseparaden und eine absolut souveräne Partie sicherten den Bayern den 19. DFB-Pokalsieg.

Seit dem Endspiel am 25. Mai 2019 hat man das Gefühl: Der mittlerweile 33-jährige mehrfache Welttorhüter ist wieder bei seinem Topplevel angelangt – und dieses ist für die ambitionierten Ziele des Vereins von eminenter Bedeutung. Denn Sven Ulreich mag ein durchaus erstklassiger Bundesligatorhüter sein, zum Toppniveau eines Manuel Neuer fehlt ihm aber ein beträchtliches Stück.

Zudem stehen im Profi- und Amateure-Kader des FC Bayern mit Christian Früchtl (19 Jahre) und Ron-Thorben Hoffman (20 Jahre) zwei hoch talentierte Junioren-Nationaltorhüter. Entwickeln sich diese beiden (bzw. nur einer von beiden) entsprechend, können sich die Bayern ganz sicher einige Milliönchen für Nübel & Co. sparen.

Verteidigung

In diesem Bereich, vor allem in der Innenverteidigung, hat der FCB am meisten „aufgerüstet“, was im ersten Moment etwas überraschen mag, hatte man in der vergangenen Saison doch mit Hummels und Boateng die Weltmeister-Innenverteidigung von 2014 im Kader und mit Niklas Süle (heute 24 Jahre alt geworden) DEN deutschen Innenverteidiger der Zukunft. Zudem steht der sowohl auf der Sechs als auch in der Innenverteidigung einsetzbare „Recke“ Javi Martinez, einer der großen „Wembley-Helden“ nach wie vor im Kader.

Der FCB und Kovac setzen aber mit den beiden 23-jährigen Weltmeistern Lucas Hernández (80 Millionen Ablöse an Atlético Madrid) und Benjamin Pavard (35 Mio, VfB Stuttgart) sowohl auf jüngere dynamische als auch flexiblere Spieler. Denn beide sind nicht auf Positionen in der Innenverteidigung fixiert, sondern können auch die Außenpositionen im defensiven Bereich (Pavard rechts; Hernández links) besetzen. Das macht durchaus auch Sinn, wenn man bedenkt, dass Rafinha den Verein verlassen hat und dass Joshua Kimmich seine Lieblingsposition nicht unbedingt hinten rechts, sondern eher auf der Sechs sieht. Zudem zeigte sich David Alaba in den vergangenen Jahren leider vermehrt verletzungsanfällig. Deswegen musste in der Saison 2018/19 – nach dem Abgang von Bernat nach Paris –  häufiger der gelernte Rechtsverteidiger Rafinha die Seiten wechseln. Nun kann Hernández nach links gezogen werden – oder, eine etwas überraschendere Variante, der eigentlich für die Offensive eingeplante 18-jährige Alphonso Davies nach hinten. Flexibiltät ist angesagt!

Nachdem am gestrigen letzten Transfertag Jerome Boatengs letzte Option auf einen Wechsel (zur Alten Dame nach Turin) geplatzt ist, ist er aktuell die Nr. 4 bei den FCB-Innenverteidigern und das 20-jährige Nachwuchstalent Lars Lukas „Lasse“ Mai, der seine Einsatzzeiten in der 3. Liga hat, die Nr. 5.

Mittelfeld

Hier waren die Bayern überraschenderweise auf dem Transfermarkt am passivsten. Wobei man natürlich auch sagen muss, dass heutzutage die Zuordnungen, wer im Mittelfeld und wer im Angriff spielt, schwierig sind. Ich habe mich an denjenigen des FCB selbst orientiert https://fcbayern.com/de/teams/profis. (Hier überrascht mich ein wenig die Einordnung von „Phonsie“ Davies ins Mittelfeld).

Nach den Abgängen von James und Renato Sanches blieben vom letztjährigen Stammpersonal im Mittelfeld eigentlich nur noch Thiago und Leon Goretzka übrig. Ähnlich wie bei Manuel Neuer kann man wohl auch den dritten französischen Weltmeister in Diensten des FC Bayern, Corentin Tolisso, nach seiner Kreuzbandverletzung in der vergangenen Saison quasi als Neuzugang sehen. Aber leider ist „Coco“, obwohl auch er im Pokalfinale ein gelungenes Comeback gegeben hat, noch längst nicht wieder auf dem starken Niveau vor seiner Verletzung, welches ihn auch zum Stammspieler in der französischen Weltmeistermannschaft gemacht hatte. Schon alleine deshalb ist für mich der Abgang des „Golden Boys“ Renato Sanches völlig unverständlich. Einen „Achter“ mit der Dribbelstärke und Dynamik des portugiesischen Europameisters von 2016 hat der FCB nicht mehr in seinem Kader.

Apropos „Dribbelstärke“: Diese hat natürlich der vom FC Barcelona für eine Leihgebühr von 8,5 Millionen EURO ausgeliehene Philippe Coutinho ebenfalls in überragendem Maße. Trotzdem interessant, dass man nach dem geplatzten Wechsel von Leroy Sané aufgrund dessen Kreuzbandverletzung von einem Außenstürmer auf einen Zehner ausgewichen ist. In München hofft man auf alle Fälle, dass der Brasilianer, der Toppspieler des letzten Copa in Südamerika, wieder an seine Liverpool-Form anknüpfen kann. Wenn dies passieren sollte, dann wird James, dem einige nachweinen, andere aber auch seine mangelnde Professionalität vorwerfen, sehr schnell vergessen und weit mehr als gleichwertig ersetzt sein.

Etwas überraschend hat man in der letzten Transferphase mit dem 20-jährigen Michael Cuisance den fünften Franzosen vom Niederrhein an die Isar gelockt. Das Getöse um seinen Abgang aus Mönchengladbach war ähnlich groß wie vor einigen Jahren bei Sinan Kurt. Man kann nur hoffen, dass Cuisance an der Säbener Straße ehrgeiziger und professioneller als Kurt ans Werk geht. Denn eine Ablösesumme von 12 Millionen EURO ist in heutigen Zeiten zwar nicht mehr die Welt, für einen Gladbacher Ersatzspieler aber dennoch bemerkenswert. Als Grund für die Verpflichtung des französischen U20-Nationalspielers wird meist das schon erstaunlich gute Spielverständnis des jungen Sechsers genannt.

Angriff

Mit der „Topp-Angriffsbesetzung“ Robert Lewandowski, Serge Gnabry, Kingsley Coman in guter Form und möglicherweise noch bestens von einem gut aufgelegten und integrierten Coutinho in Szene gesetzt, können es weltweit nur wenige Sturmreihen aufnehmen. „Lewy“ hat mit seiner Vertragsverletzung bis 2023 zudem noch ein Zeichen gesetzt – und seine sechs Tore in den ersten drei Bundesligapartien können sich auch sehen lassen. Und wenn dann dem „unverwüstlichen“ Thomas Müller, dem seit geraumer Zeit jedes Jahr ein Vereinswechsel von sog. „Experten“ nahe gelegt wird, unmittelbar nach seiner Einwechslung wie gegen Mainz zwei Torvorlagen gelingen, muss man sich um den Angriff des deutschen Rekordmeisters eigentlich keine Sorgen machen.

Als flexibel einsetzbaren Back-Up holte man zudem für eine Leihgebühr von 5 Millionen EURO den mittlerweile 30-jährigen Vize-Weltmeister Ivan Perisic von Inter Mailand. Kein Ästhet und Dribbelkünstler wie Sané, aber ein robuster Kämpfer, der sich zum einen nicht zu schade ist, einmal hinten auszuhelfen, aber zum anderen auch durchaus in einigen Szenen ein feines Füßchen bewiesen hat.

Außerdem hat man schon früh im Jahr 2019 die Verpflichtung des 19-jährigen Fiete Arp vom HSV verkündet. Fiete wird in der kommenden Saison aber sicherlich seine meisten Einsatzminuten bei den Amateuren in der 3. Liga haben.

 

Einschätzung / Bewertung des aktuellen Kaders

Stellt man die Zu- und Abgänge gegenüber, dann muss man eigentlich fast zwangsläufig zum Ergebnis kommen, dass der Kader der Saison 2019/20 stärker als der von 2018/19 einzuschätzen sein sollte. Gerade Ribéry und Robben sind zwar Vereinslegenden, waren aber in der vergangenen Saison keineswegs mehr als Stammspieler zu sehen, gleiches galt schon länger für Rafinha, aber auch für Sanches und im Laufe der Saison auch immer mehr für James. Einzig Hummels war in der Rückrunde 2018/19 unumstrittener Stammspieler.

Schaut man dagegen auf die Startelf vom vergangenen Samstag beim 6:1 gegen Mainz 05, dann begannen mit Pavard, Hernández, Coutinho und Perisic vier Neuzugänge. Zudem wurde Cuisance in der 2. Halbzeit eingewechselt. Hernández und Coutinho, wahrscheinlich auch Pavard sollten in der laufenden Saison absolute Stammkräfte im Bayernteam sein.

Wie in all den Jahren zuvor schaut der FCB-Fan jedoch mit großer Sorge auf den wieder sehr kleinen („Mini“-) Kader des Rekordmeisters. Seit Pep Guardiola 2013 das Ruder übernommen hatte, gilt bei der FCB-Kadergröße die Grundregel „20 Feldspieler + Torhüter“.

In der Saison 2019/20 zählen zu diesen 20 Feldspielern außerdem die Youngster Davies (18 Jahre), Mai (19) und Cuisance (20). Mal schauen, ob Niko Kovac den Jungen in wichtige(re)n Spielen auch einmal das Vertrauen schenkt. Bei Renato Sanches z.B. war dies keineswegs der Fall.

Zudem sind im Bayernkader nicht wenige Spieler, die in der jüngeren Vergangenheit schwere und/oder häufige Verletzungen hatten: Neuer, Martínez, Boateng, Alaba, Thiago, Goretzka, Tolisso, Coman, Gnabry.

Die wohl im Verein hinsichtlich dieses Risikos vorherrschende Meinung spiegelt die jüngste Aussage des Sportdirektors Salihamidzic wider: So sei es prinzipiell wichtig, eine gute Mischung aus Top-Spielern und Talenten zu finden. Ein Kader mit zu vielen Superstars sei hingegen ein Risiko für das Mannschaftsklima …

Kann man durchaus so sehen, aber auch so:

Es ist die Aufgabe eines guten Trainers einen Top-Kader so zu moderieren, dass es keine (oder zumindest sehr wenige) ob der Einsatzzeiten unzufriedene Spieler gibt. Persönlich bin ich z.B. der Meinung, dass es ein absolutes „No-Go“ ist, wenn man einem verdienten Spieler und Weltmeister wie Jerome Boateng mitteilt, dass er zukünftig nur noch die Nr. 4 bei den Innenverteidigern ist, und dies ganz offensichtlich unabhängig von seinen (Trainings-)Leistungen. Viel stärker kann man einen Spieler nicht mehr demoralisieren und demontieren. Diese Vorgehensweise hat auch bei Renato Sanches „bestens funktioniert“. Nachdem ihn Kovac im Hertha-Spiel nahezu gedemütigt hatte, suchte dieser nur noch die Flucht und wurde mit einem großen Transferverlust nach Lille verscherbelt. (Mich persönlich würde es nicht wundern, wenn Sanches in ein paar Jahren erneut zu einem Top-Verein transferiert werden würde und wenn dann ein dreistelliger Millionenbetrag gezahlt werden müsste).

Einen viel zu kleinen Kader kann man jedoch im Laufe der Saison nicht mehr entsprechend aufrüsten, vor allem wenn die entscheidenden CL-Spiele im Frühjahr anstehen. Darin lag nicht zuletzt auch der Grund für das Scheitern im CL-Achtelfinale am späteren Sieger Liverpool. Zwei verletzte, zwei gesperrte und zwei noch nicht fitte Spieler bei den Bayern waren zu viel, um einem Weltklassegegner Paroli zu bieten.

Am Ende der Saison sind wir alle, wie in jedem Jahr, wieder schlauer … und ich hoffe zutiefst, dass ich mich in meiner Einschätzung täusche und nicht – wie in den vergangenen Jahren einige Male – die Verantwortlichen des FC Bayern.

Denn: Ein FC Bayern in Bestaufstellung und guter Form kann auch in der anlaufenden Saison wieder alles gewinnen. Wenn jedoch wie in der vergangenen Saison wieder ein Spieler nach dem anderen „wegbricht“, dann kann man am Ende auch ganz ohne Titel dastehen, denn ein Happy End wie im Mai 2019 ist nicht in jedem Jahr garantiert.

 

Bewertung der Verantwortlichen im Verein

Selten standen die „leitenden Angestellten“ des Vereins, namentlich Hasan „Brazzo“ Salihamidzic, Niko Kovac, Kalle Rummenigge, Uli Hoeneß so stark in der Kritik wie in der vergangenen Transferperiode – allen voran natürlich der bosnische Sportdirektor. Dennoch hat ihm der wortgewaltige Reiner Calmund jüngst in einer Talkrunde „mindestens eine 2 plus“ für seine Transfertätigkeiten gegeben.

Hat nun Brazzo tatsächlich einen fast sehr guten Job getan oder ist er (sogar hinter Christian Nerlinger) der „schlechteste Manager / Sportdirektor, den der FCB je hatte“, wie nicht wenige Bayernfans in den Social Media meinen?

Die Wahrheit liegt wohl, wie fast immer, irgendwo in der Mitte. Wenn man sich den aktuellen Kader anschaut, dann ist dieser sicherlich ein sehr sehr guter – wäre er noch zwei bis drei Spieler größer (inkl. Sanches), dann würde ich von einem nahezu perfekten Kader sprechen, auch die Umstände berücksichtigend, dass es bei der riesigen Konkurrenz auf dem internationalen Fußballmarkt längst auch für den FC Bayern kein Wunschkonzert mehr ist. Aussagen wie vor 5 – 10 Jahren, dass der FC Bayern jeden Spieler bekommt, den er haben möchte, sind angesichts der Finanzkraft der Premier League, von PSG, Real Madrid, Barcelona, Juventus Turin nicht mehr gültig. Und das ist sicherlich nicht die Schuld der Münchner.

Was bei den Transferbemühungen offensichtlich zumindest einige Male nicht optimal war, war die Vorgehensweise des Clubs, allen voran von Hasan Salihamidzic: Kontaktierung von Spielern, die man dann anschließend monatelang „im Regen hat stehen lassen“. Als Beispiele sind hier vor allem Hakim Ziyech und Timo Werner zu sehen. Beide wollten wohl selbst zum FCB, aber die Bayern konnten sich offensichtlich zu keiner finalen Entscheidung oder sogar nur zu einer Aussage durchringen.

Bei Sané und Hudson-Odoi hatte man einfach auch Pech. Ohne deren schwere Verletzungen wäre wohl zumindest schon einer der beiden Spieler an der Säbener Straße gelandet.

Was mir an der öffentlichen Darstellung der Transfertätigkeiten des FCB überhaupt nicht gefallen hat, war, dass bei jedem angeblich geplatzten Transfer Salihamidzic die Schuld gehabt haben soll, wobei bei den aufgelisteten Spielern wahrscheinlich ein riesiger Prozentsatz nicht einmal im Fokus des FC Bayern war. Haben dagegen Transfers, wie die von Perisic und Coutinho, geklappt, war es jeweils ein Kalle Rummenigge, der diesen eingefädelt haben soll. Wenn der Sportdirektor des FCB diesbezüglich immer betont, dass es sich dabei immer jeweils um „Teamarbeit“ gehandelt hat, dann kann man dies bedenkenlos glauben. Denn bei großen Vereinen wie Bayern, Madrid und Co. gibt es im Jahr 2019 keine Alleingänge von Protagonisten mehr. Aufforderungen von Seiten der Fans wie „Uli mach die Schatulle auf“ sind längst nur noch Stammtischparolen.

Übrigens wurde in diesem Sommer ein weiterer „Verantwortlicher“ verpflichtet, der insgesamt gar nicht so sehr im Fokus steht, aber eine ganz wichtige Rolle in der neuen Saison spielen könnte: Hansi Flick, der Ex-Bayernspieler und Jogis Co-Trainer beim WM-Triumph 2014, ist der neue Assistenztrainer von Niko Kovac. Flick ist ein gewiefter Taktiker und könnte eventuell auch eine entscheidende Rolle bei der Integration von Nachwuchskickern spielen, ob diese nun in den vergangen Monaten verpflichtet wurden oder schon längere Zeit auf dem Campus an der Ingolstädter Straße für den FCB kicken – Oliver Batista-Meier und Joshua Zirkzee wären entsprechende Kandidaten. Vielleicht ein weiteres entscheidendes Bausteinchen für eine erfolgreiche Saison? 😉

 

Titelbild: Startelf des FC Bayern gegen Mainz 05; Facebookseite FC Bayern; quasi identisch mit dem Kader für die begonnene Saison (nur Fiete Arp fehlte).

10 Kommentare zu „Bayernkader 2019/20 – „Triple-reif“ oder droht sogar das Ende der Bundesliga-Vorherrschaft?“

  1. Erstmal sehr guter Artikel, Peter! Du triffst da die Situation doch sehr gut auf den Punkt. Nur ein paar Anmerkungen hab ich noch dazu:
    1) Zur Transferpolitik: Für mich fällt da die Bewertung eher befriedigend aus. Man kauft 2 französische IV, von denen der eine mit Stuttgart abgestiegen ist und der andere trotz monatelanger Pause 80(!!!) Mio Euro kostet; da ist schon ein gewisses Risiko dabei. Man wollte eigentlich neue Flügelstürmer, es kamen Perisic und Coutinho(der kein Flügelstürmer is) – beide sicher gute Fußballer, keine Frage. Warum auf der 6 nur ein Jungspund, der in Gladbach kein Stammspieler war, kommt, ist ebenso eine gute Frage. Die Abgänge von Hummels, Robbery und Sanches halte ich persönlich für nicht äquivalent ersetzt.
    2) die Außendarstellung durch die Verantwortlichen war leider fast durch die Bank eine Katastrophe
    3) der Kader hat in Bestbesetzung sicher die Möglichkeit, jeden in Europa zu schlagen, ist aber bei Verletzungen wirklich sehr anfällig- mir persönlich fehlt im Mittelfeld ein Abräumer a la Van Bommel oder Vidal und vorne ein Flügelstürmer

    1. Vielen Dank für das Lob, Chris. 🙂

      Zu deinen Anmerkungen:

      Die 2 französischen IV sind aber auch amtierende Weltmeister. 😉
      Pavard: Er meinte ja selbst, dass er vlt. ein Jahr hätte früher kommen müssen. Ich denke auch nicht, dass es ihn abqualifiziert, weil er mit dem VfB abgestiegen ist. Olaf Thon z.B. kam 1988 auch vom Absteiger aus Schalke und ein gewisser Stefan Effenberg 1990 und 1998 jeweils vom Tabellen-15. (knapp nicht abgestiegen) aus Gladbach.
      Hernández: Ich denke, dass man schon jetzt abschätzen kann, dass deine Befürchtungen unbegründet sind. Lucas ist absolute Weltklasse.

      Robbery: siehe ausführlich oben. Die beiden Vereinslegenden waren 2018/19 auf den Außenpositionen nur noch die Nr. 3 und 4. „Ersetzt“ wurden sie schon früher.

      ….

      Ich persönlich bin der Meinung, dass der Kader 2019/20 stärker als der von 2018/19 ist — was ist dazu deine Meinung?

      1. Zu Pavard: ja man wird sehen, er bringt auch gute Leistungen bis jetzt – nur auf einem Level wie Mats Hummels ist er mitnichten – ebenso wenig wie Hernandez
        Zu Hernandez: ja aber trotzdem san 80 Mio ein größeres Risiko gewesen, ich hoff ja, dass meine Befürchtungen da unbegründet san
        Zu Robbery: das sehe ich scho anders- Coman, Costa und Gnabry sind sicher gute Flügelstürmer, nur kommt bei mir im Gegensatz zu Robben und Ribéry nicht das Gefühl auf, dass die ein Spiel alleine „umreißen“ können, Wenn sie einwechselt
        Zum Kader 19/20: Unterm Strich ist er in der Breite stärker als 18/19. Allerdings ist er individuell und va auch in der Breite schwächer einzuschätzen als der Kader von 12/13 oder 13/14 meiner Meinung nach. Wie sich der aktuelle Kader schlagen wird, hängt sehr davon ab, ob alle „unersetzbaren“ verletzungsfrei bleiben und ob Kovac den richtigen Mix aus Stammspielern und Rotation findet. Einen Boateng zB zu vergraulen, könnte bei seiner Erfahrung keine gute Idee sein. Lucas und Pavard brauchen noch mehrere Jahre, um da dranzukommen.

  2. Übrigens scheint Niko Kovac hier mitgelesen zu haben: Die von mir erwähnten „OBM“ und Zirkzee sind im 25 Mann starken CL-Kader für die Vorrunde 2019/20 … hoffentlich bei Batista-Meier nicht nur, um die Quote der im Verein ausgebildeten Spieler zu erhöhen ….

  3. Hervorragender Beitrag bzw. Kolumne 🙂

    Sehr sehr lang, aber genauso lesenswert. 😉

    Übrigens wird der Beitrag auch in den Kommentarspalten von miasanrot diskutiert und auch dort sehr gelobt.

    Was mich wundert, ist, dass hier (noch) keine Diskussion entbrannt ist…

    1. Bei „miasanrot“? Echt jetzt? Freut mich … 😉

      Danke für diese Info und auch dein Lob.

      (Noch) Keine Diskussion: Ja, dieser Artikel ist ein bisschen speziell … Ich habe ihn ja lange vorher angekündigt, wollte aber warten, bis der Kader des FCB komplett steht. Nach dem vielen Hin und Her war dies in der Tat erst mit der Sekunde des Transferschlusses der Fall.

      Jetzt ist der Beitrag aber ein „bisschen lang“ geworden — wobei es Stoff für einen mindestens doppelt so langen gegeben hätte. 😉

      Für mich auch interessant: Aus meinem persönlichen FCB-Umfeld kamen permanent Nachfragen, wann denn endlich dieser Beitrag platziert werden würde und nun äußern sich die einen nicht dazu (ist er zu schlecht oder zu lang oder zu komplex?) und die anderen (ca. ein Dutzend!) haben mich persönlich angeschrieben.
      Hier noch einmal explizit an alle: Bitte HIER kommentieren und nicht mich persönlich anschreiben!

      Die meisten fanden ihn (sehr) gut. Kritik gab es allerdings vereinzelt an der – zu reißerischen – Headline.
      Dazu möchte ich hier einmal explizit Stellung nehmen:
      Arbeite ich mit einer Überschrift (wie meist) „Der Bayernkader 2019/20 – eine Bewertung (Einschätzung o.ä.)“, dann ist das natürlich maximal seriös, aber eben auch laaaangweilig.
      Und die mir vorliegenden WordPress-Statistiken geben mir auch recht: Der Beitrag wurde mindestens von 3x mehr Followern gelesen, als wenn ich die „seriöse Überschrift“ gewählt hätte … traurig, aber wahr.

      Die Kolumne ist auch auf vielen Facebook-Seiten platziert und wurde – für so einen langen Text – erstaunlich oft geliked. Allerdings weiß ich nicht, wie viele Likes sich lediglich auf die (reißerische) Überschrift bezogen haben.

      Kritik (für die Überschrift) habe ich vor allem von denjenigen erhalten, die den Text nachweislich nicht einmal angelesen haben. Leider eine weit verbreitete Unart in unserer hektischen oberflächlichen (Social Media) Welt. Leider werden gerade diejenigen, die dafür hauptverantwortlich sind, niemals meine Anmerkungen hierzu lesen (weil sie nie und nimmer so weit lesen werden) ….

      1. Herzlichen Dank für die interessanten Einblicke …

        Kann man sich alles gut so vorstellen … und wie du völlig richtig sagst: „traurig, aber wahr“ ))-:

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