Die Krise des FC Bayern im Herbst 2018

Tabelle_11.Spieltag

Nach einem sehr starken Saisonstart mit wettbewerbsübergreifend sieben Siegen in Serie, darunter die Auswärtssiege in Frankfurt (5:0 im Supercup), auf Schalke (2:0) und bei Benfica (2:0), scheint beim FC Bayern seit dem 5. Spieltag am 25. September mit dem späten Ausgleich der Augsburger in München zum 1:1 der „Wurm drin“ zu sein. Bis zum 2:0 gegen den griechischen Meister AEK Athen in der vergangenen Woche konnten insgesamt vier Heimspiele nicht gewonnen werden, auswärts war man zwar ergebnistechnisch erfolgreicher, aber auch diese Siege waren kaum mit dem Prädikat „souveräner Bayernsieg“ zu bewerten. So findet sich der FCB nach 11 Bundesligaspieltagen auf einem ungewohnten 5. Platz wieder und das Umfeld wird immer lauter und unruhiger. Im folgenden nun Petersgradmessers Ursachenforschung jenseits der aktuell ausufernden Fußballstammtischparolen.

Angestachelt durch die (Boulevard-)Medien sehen viele – vor allem die rein erfolgsorientierten – Bayernfans den Hauptschuldigen pauschal im neuen Trainer Niko Kovac, aber auch in der Überalterung des Kaders. Für den „verpassten“ bzw. bislang misslungenen „Umbruch“ im Kader werden die Herren Rummenigge, Hoeneß und Salihamidzic verantwortlich gemacht. Alle drei sind seit der „legendären PK“ vor knapp einem Monat bei den Medien, aber auch bei vielen eigenen Fans noch mehr in die Schusslinie geraten.

„Verpasster Umbruch“

Stimmen diese Vorwürfe? Petersgradmesser sagt dazu ganz klar: „Nein“!

Der aktuelle Profikader umfasst 19 Feldspieler (ohne die mit Vertrag ausgestatteten Nachwuchskicker, die auch zum Erreichen der „Deutschenquote“ vertraglich gebunden worden sind). 10 dieser Spieler kommen aus den Jahrgängen 1991 bis 1997 und wiederum acht von diesen 10 Spielern wurden ab 2015 verpflichtet (Süle, Kimmich, Gnabry, Tolisso, Coman, Sanches, James, Goretzka).

Von den neun „älteren“ Feldspielern sind zwei 29 Jahre alt: Müller und Hummels, der im Dezember 30 Jahre alt wird. Drei weitere sind gerade 30 geworden: Martinez, Boateng und Lewandowski. Eigentlich sagt man über Spieler, die zwischen 28 und 30 Jahre alt sind, dass sie sich „im besten Fußballalter“ befinden! So soll z.B. ein Robert Lewandowski zur „Altherrengarde“ im Weltfußball zählen, während Olaf Thon zuletzt die Bayern kritisiert hat, dass sie nicht den bald 34-jährigen Cristiano Ronaldo verpflichtet haben?!

Wagner wird noch in diesem Monat 31 Jahre, und dann kommen noch die drei (wirklichen) „Oldies“ Rafinha (Jahrgang 1985), Robben (1984) und Ribéry (1983) hinzu – alle drei mit einem Ein-Jahres-Vertrag bis zum Saisonende ausgestattet! Hinsichtlich des in der Vereinsgeschichte einmaligen Duos „Robbery“ wird der Vereinsführung vorgeworfen, dass sie für die beiden nicht die geeigneten „Back-Ups“ verpflichtet hätte. Meiner Meinung nach ist dies der falsche Argumentationsansatz: Nicht Coman und Gnabry sollten in der Saison 2018/19 die Back-Ups für Robbery sein, sondern es war wohl genau umgekehrt geplant. Definitiv ist der pfeilschnelle dribbelstarke Kingsley Coman mittlerweile die absolute Nummer 1 der offensiven Außen des FC Bayern. Leider wurde „der King“ bereits in der 1. Bundesliga-Halbzeit der Saison vom deutschen Nationalspieler Nico Schulz „aus dem Verkehr gezogen“ – ein brutaler Verlust für die Mannschaft. Auch Serge Gnabry fiel immer wieder verletzungsbedingt aus, zeigt aber mittlerweile meist anspruchsvolle Leistungen und dass er durchaus eine adäquate Alternative für die Zukunft beim FCB ist.

Forderung nach Einsatz von Nachwuchsspielern

Zahlreiche Medien und Fans, wahrscheinlich hauptsächlich diejenigen, die noch nie ein Spiel der Amateure (U21) in der Regionalliga Bayern oder eines der U19 und U17 auf dem Campus gesehen haben, fordern vehement den Einsatz der „talentierten Nachwuchskicker“. Ich sehe regelmäßig Spiele dieser drei Teams und erkenne dabei lediglich vier Jugendspieler, die wirklich die Perspektive haben sollten, sollten sie sich weiter positiv entwickeln, zukünftig im Profikader des FC Bayern zu stehen:

Der 18-jährige Lars Lukas Mai, Innenverteidiger bei den Bayern Amateuren

Oliver Batista Meier „OBM“: Das „Supertalent“ des FC Bayern, 17 Jahre jung, U19. Für mich der potentielle Nachfolger von Franck Ribéry. Derzeit leider schwer verletzt. https://www.sport1.de/fussball/uefa-youth-league/2018/11/fc-bayern-supertalent-oliver-batista-meier-erleidet-knoechelbruch

Joshua Zirkzee: Sturmtank in der U19; 17 Jahre, niederländischer Nationalspieler.

Malik Tillmann: Überragender Spieler von Miro Kloses U17, 16 Jahre, offensiver Mittelfeldspieler.

OBM hätte ich gerne schon in dieser Saison im Profikader gesehen. Körperlich sicherlich noch mit Defiziten gegen „gestandene Profispieler“, aber spieltechnisch der beste Jugendspieler, den ich persönlich jemals habe live kicken sehen.

 

Erneut zu kleiner Kader

Kommen wir zu den Erklärungen, die Petersgradmesser für „Krisen-relevant“ hält. Seit 2013 startet der FC Bayern meiner Meinung nach (und mit dieser bin ich bei Weitem nicht alleine) mit einem (viel) zu kleinen Spielerkader in die Saison. Bleibt man – nahezu – verletzungsfrei, ist dies kein Problem und wäre sogar ideal. ABER: „Wäre wäre Fahrradkette…“ Zu den zahlreichen verletzungsanfälligen Spielern kommen in dieser Saison vermehrt Ausfälle von Spielern, die durch wirklich böse Attacken der gegnerischen Spieler verursacht wurden: Coman, Rafinha, Thiago, OBM. Bei Tolisso war es eher unglücklich, dass aber Leverkusens „robuster“ Kevin Volland an der Aktion beteiligt war, ist bei dessen Spielweise „ohne Rücksicht auf Verluste“ auch keine Überraschung.

Im Beitrag  https://petersgradmesser.wordpress.com/2018/08/14/der-fc-bayern-vor-der-saison-2018-19/ wurde bereits vor Saisonbeginn auf die erneute Gefahr eines zu kleinen Kaders hingewiesen: Hinsichtlich der Saisonperspektive kann man lesen: „Lernt der FC Bayern aus seinen Fehlern der letzten fünf Jahre und dünnt seinen Kader nicht wieder unnötig aus, dann kann er – wie jedes Jahr – wieder darauf hoffen, den ganz großen Coup zu landen…“

Der FC Bayern hat leider erneut nicht dazu gelernt  )-:

Dazu auch eine Bemerkung zu den (Boulevard-)Medien: Anfang der Saison, als der Kader noch nahezu komplett war, konnte man täglich lesen, wer die Opfer des hochkarätig besetzten Bayern-Kaders sein werden … Es musste anders kommen.

Mittlerweile wird der verletzungsbedingt ausgedünnte Profikader des FCB wieder einmal regelmäßig mit Nachwuchsspielern hauptsächlich aus der viertklassigen Amateurmannschaft aufgefüllt, ohne dass diese Spieler eine wirkliche Einsatzchance hätten. Diese Handhabung gefährdet jedoch leider auch erheblich den doch eigentlich fest eingeplanten Aufstieg in die Dritte Liga. Ein Aufstieg, welcher für die Abrundung des Nachwuchskonzepts sicherlich von großer Bedeutung ist.

 

Mentales Problem

Nachdem die Saison eigentlich sehr gut angelaufen ist, verwundert es, dass man dieses Thema wieder ansprechen muss. Aber seit dem doch fast schon „albtraumhaften Ende“ der vergangenen Saison mit dem sehr unglücklichen Halbfinal-Ausscheiden in der Champions League gegen Real Madrid, der verpatzten Meisterschaftsfeier gegen Stuttgart und der in vielerlei Hinsicht traumatischen Pokal-Pleite gegen Frankfurt taumeln einige Klassespieler des FC Bayern. Die WM in Russland ist auch lediglich für Coco Tolisso, der als Weltmeister zurückgekommen ist, sehr gut verlaufen. Bezeichnend für die aktuelle Situation des FC Bayern, dass gerade der „breite-Brust-Tolisso“ mit einem Kreuzbandriss am längsten ausfällt.

Spieler wie Hummels, Boateng, Müller, selbst Manuel Neuer, wirken phasenweise (stark) verunsichert und begehen Fehler, die man in dieser Form nicht von ihnen gewohnt ist.

Verstärkt wird diese Verunsicherung dadurch, dass aktuell fast jeder Gegner des FC Bayern mit einer Effektivität antritt, die man früher ausschließlich (häufig zu Unrecht) den Bayern selbst zugeschrieben hat: Beginnen die Bayern, wie z.B. gegen Gladbach gut, fangen sie sich beim ersten kleinen eigenen Fehler prompt das 0:1. Auch gegen Freiburg war der bayerische Spielbeginn durchaus erfolgsversprechend. Das 1:0 schien nur eine Frage der Zeit zu sein, fiel aber nicht und die totale Verunsicherung setzte wieder ein. Dann hilft es nicht einmal, dass der späte Führungstreffer zu einem späten eigentlich günstigen Zeitpunkt fiel.

Statistisch gesehen sind die Bayern die beste Mannschaft in der Bundesliga: Mit Abstand höchster Ballbesitz, die meisten eigenen Chancen, die wenigsten zugelassenen gegnerischen Chancen – in der Tabelle liest es sich aber ganz anders. Manchmal sind es auch Spielglück und – pech, die eine Mannschaft pushen oder eben, wie aktuell die Bayern, hemmen. Pfostenschüsse, viele knappe Abseitsentscheidungen, aber auch Schiedsrichterfehlentscheidungen gegen sich – das sind alles Faktoren, die zu einer „Krise“ beitragen können. Auch (Weltklasse-)Profis sind Menschen. Das vergessen viele (Fans), oder wissen es zwar (Medien), schlachten es aber zu eigenen Gunsten aus!

Saisonperspektiven

In der Bundesliga ist – trotz der sieben Punkte Rückstand auf den BVB – noch alles drin. Gerade die letzte Niederlage in Dortmund, die insgesamt unglücklich zustande kam, sollte Mut machen. Es war vor allem in der ersten Halbzeit die bislang beste Saisonleistung, der BVB wurde 45 Minuten komplett in Schach gehalten.

Die zahlreichen individuellen Fehler von absoluten Leistungsträgern müssen reduziert werden – das sollte bei der Klasse der Spieler auch möglich sein.

Vielleicht lernt der FCB auch einmal aus den vergangenen Fehlern in der Kaderbreite und schlägt in der Wintertransferperiode doch zu – Hasan Salihamidzic machte diesbezüglich Andeutungen, auch wenn sich Uli Hoeneß vorher anders geäußert hatte. Ob das bereits verpflichtete amerikanische Supertalent Alphonso Davies sofort eine Verstärkung für nach der Winterpause sein kann, wird sich auch noch erst herausstellen.

Der BVB spielt derzeit mit seiner jungen und größtenteils neuen Truppe an seinem oberen Leistungslimit, hatte bislang in engen Spielen – im Gegensatz zu den Bayern – auch das nötige Spielglück, verhältnismäßig wenig Verletzungssorgen (ein Marco Reus nimmt sich bislang seine Auszeiten immer in der Nationalmannschaft) und wird sicher, auch wegen der Dreifachbelastung, noch die eine oder andere Krisensituation in dieser Saison zu überstehen haben.

Wer die Bayern in dieser Saison hinsichtlich möglicher Titel schon abgeschrieben hat, könnte sich am Saisonende jedenfalls gewaltig irren – die Bayernfans tun dies dann hoffentlich auch mit Freude und selbst wenn es die siebte Meisterschaft in Folge wäre, würde diese nach der Saison 2018/19 vielleicht auch plötzlich mit ganz anderen Augen als die vergangenen sechs gesehen werden …

 

 

4 Kommentare zu „Die Krise des FC Bayern im Herbst 2018“

  1. Sehr gut aufgeschlüsselt und perfekt analysiert, dem möchte ich uneingeschränkt beipflichten.

    Die Phase „Gegner schießt einmal aufs Tor – drin“ bei zeitgleichem Auslassen eigener hochkarätiger Torchancen und in Kombination von schier unglaublichen Abwehrfehlern wird definitiv wieder enden. Hoffentlich möglichst schnell. Dann kommt auch das Selbstvertrauen wieder zurück. Ob der BVB die erforderliche Kontinuität und Stabilität für den Titel mitbringt, wird sich noch zeigen.

    Richtig enttäuscht bin ich von der Führungsriege, die Fehler mehrfach wiederholt, Stichwort Kaderstärke und eine Pressekonferenz zum Fremdschämen abliefert. Scheint, als ob auch hier eine Auffrischung dringend nötig ist.

  2. Wieder einmal ein sehr schöner Beitrag, den ich auch so unterschreiben würde. Danke!

    Wie siehst du die Rolle von Niko Kovac?

    1. Zunächst einmal danke für das Lob.

      Auf die Rolle von Niko Kovac wurde ich v.a. auf FB häufiger angesprochen, v.a. ob sein Verhältnis gerade zu den älteren Platzhirschen wirklich gestört ist.

      Leider kenne ich keine zuverlässige seriöse Quelle, die dies bestätigen oder dementieren würde. Es ist alles spekulativ.

      Ich würde es allerdings als Wahnsinn empfinden, wenn die Vereinsführung nach der Ancelotti-Geschichte schon wieder eine Art Spielerrevolte gegen den Trainer mittragen würde. Ich kann (und mag) mir das gar nicht vorstellen.

      In seinem öffentlichen Auftreten ist Kovac der souveränste und eloquenteste Bayerntrainer seit Hitzfeld (und mit dem kann er auch mithalten). Das gefällt mir persönlich sehr gut.

      Ein weiterer Vorwurf an Kovac: Er hätte keinen Plan B, wenn es im Spiel nicht so gut laufen würde. Bzw. soll er nicht fähig sein, seine Spieler auf kurzfristige Veränderungen beim Gegner (z.B. BVB-Einwechslung von Dahoud) einzustellen.

      Von außen betrachtet ist es immer schwierig zu beurteilen, ob der Trainer keine Antwort findet oder ob die Mannschaft nicht fähig ist, dies umzusetzen. Das sind für mich „Soft Facts“ und dafür müsste man häufig Mäuschen in der Kabine sein …. so wie das die BILD häufig von sich behauptet 😉 😉

      Für individuelle Fehler der Spieler ist der Trainer IMHO nicht verantwortlich zu machen. Ob er (mit)verantwortlich für mentale Probleme einiger Spieler ist? … Das ist für mich eine Grauzone…

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