Kein 5. Stern für Deutschland – die Gründe

Kein 5. Stern

Nach dem bitteren WM-Ausscheiden des amtierenden Weltmeisters am Mittwochnachmittag hagelten die Kritiken und Beleidigungen in einem ebenso erwarteten wie niederschmetternden Ausmaß auf die „deutschen Versager“ nieder. Hier mein Versuch die Gründe für dieses kolossale Scheitern zu sammeln und zu sortieren. Dabei werde ich nicht als Populist oder Boulevard-Journalist tätig werden, da ich bekanntermaßen nichts von einfachen bzw. eindimensionalen Wahrheiten halte. Bei der Wahrheitsfindung kann ich nicht auf eine Erfahrung als Ex-Fußball-Profi zurückblicken, kann aber dennoch von mir behaupten, dass ich aktiv Fußball bzw. auch anderen Mannschaftssport in einer Qualität betrieben habe, die es mir möglich macht, gewisse Gegebenheiten seriös und realistisch zu betrachten.

Nicht als Gründe, sondern lediglich als interessante Parallelen dienen die Hinweise, dass seit 1962 (Brasilien in Schweden) kein amtierender Weltmeister seinen Titel verteidigen konnte und dass dieses „Negativgesetz“ ebenso für den aktuellen Confed Cup Gewinner gilt. Es ist wirklich nahezu unglaublich, dass nun vier der letzten fünf Weltmeister sang- und klanglos in der Vorrunde ausgeschieden sind. Frankreich (2002) und Spanien (2014) sogar zusätzlich als amtierender Europameister. Auch deswegen unglaublich, weil ich keineswegs glauben kann, dass nur einer dieser Champions daran gescheitert ist, weil die Spieler schon vorher „satt“ gewesen waren, wie es von Seiten einiger Populisten nun den deutschen Kickern vorgeworfen wird.

Fußball-Weltmeisterschaften finden nur alle vier Jahre statt und stellen den Karriere-Höhepunkt für die Spieler dar, wenn ich auch der Meinung bin, dass ein Champions League Sieg mittlerweile sportlich einen höheren Stellenwert hat. Die Erwartungshaltung der Deutschen wurde schon vor der Weltmeisterschaft, aber nun noch viel mehr mit dem Merkel-Zitat „Wir schaffen das“ (nämlich die Titelverteidigung) veräppelt. Ich finde es übrigens schade, dass heutzutage ein derart positives Motto, welches ursprünglich Vertrauen in die eigene Stärke und Selbstbewusstsein demonstriert, derart veralbert wird – und hielt die Zielsetzung der „Mannschaft“ vor der WM auch für einen amtierenden Weltmeister für adäquat.

In den sozialen Medien findet man aktuell– Stichwort „satte Weltmeister“ – auch die Meinung, dass man die Confed Cup Sieger von 2017, also eine U23-Mannschaft hätte antreten lassen sollen. Scherzhaft könnte man diesen antworten: Kennt ihr den „Confed Cup Sieger Fluch“ wirklich nicht? Sachlich sollten man diesen „Experten“ jedoch begegnen, dass dieser Wettbewerb im Jahr 2017 nur einen zweitklassigen Charakter hatte. Für das deutsche Fußball-Ego und das Prestige war es sehr schön, dass eine deutsche U23 diesen Pokal erstmals – wenn auch insgesamt eher glücklich – nach Deutschland holen konnte. Die Leistungsstärke der Mannschaft hätte aber für eine WM nicht ansatzweise ausgereicht. Die meisten der deutschen U21-Europameister und Konfed-Cup Sieger von 2017 waren für die WM in Russland schlichtweg noch nicht weit und gut genug.

Im weltmeisterlichen Rausche eines Konfed Cup Siegs und einer U21 Europameisterschaft hat Fußball-Deutschland im letzten Sommer wohl auch nicht wahrgenommen, welch größtenteils katastrophale Ergebnisse die Bundesligisten in Testspielen zum Teil sogar gegen zweit- und drittklassige internationale Gegner eingefahren haben. Die Europapokalsaison begann aus Sicht der Bundesliga ebenfalls desaströs, aber die Nationalmannschaft qualifizierte sich im Herbst als beste aller Mannschaften für die WM in Russland.

Dass man im Europapokal in der UEFA-Jahreswertung 2017/18 lange Zeit sogar hinter „Fußballgiganten“ wie Zypern und Österreich(!!) lag, konnte durchaus seriös damit erklärt werden, dass sich in der BL-Saison 2016/17 eben viele international unerfahrene Underdogs für den Europapokal qualifiziert hatten. Trotzdem schieden Freiburg, Hertha, Hoffenheim und Dortmund mehr oder weniger blamabel aus. Aber man hatte ja noch das Flaggschiff FC Bayern, welches sich im Frühjahr unter Jupp Heynckes noch berechtigte Hoffnungen machen konnte, zum zweiten Mal nach 2013 das heiß ersehnte Triple inklusive europäischer Krone zu holen. Außerdem kick(t)en viele der deutschen Nationalspieler in europäischen Topvereinen wie Real Madrid, Barcelona, Juventus Turin, PSG, Chelsea, ManCity, (Arsenal) – nicht alle, aber einige sogar als Führungsspieler.

Rückblickend behaupten nun einige Experten, dass man seit der WM-Qualifikation im Herbst 2017 kein gutes deutsches Länderspiel mehr gesehen hätte. Kann man so sehen, allerdings hatte man sich auch ausschließlich absolute Topgegner (Frankreich, England, Spanien und Brasilien) für die Freundschaftsspiele auserkoren. Ein Schaulaufen war deswegen von vorneherein nicht möglich gewesen. Drei Spiele gingen unentschieden aus, gegen Brasilien verlor man mit 0:1. Dies immer in Zeiträumen, in welchen die Pflichtspiele in den Vereinen absolute Priorität hatten und somit lief Deutschland trotz der hochkarätigen Gegner regelmäßig eher mit einer sog. B-Elf als mit der Top-Mannschaft auf. Und ganz ehrlich: Dafür waren die Partien gegen Spanien und vor allem gegen Frankreich aller Ehren wert.

Die Mission „Titelverteidigung“ war bis zum Frühjahr keineswegs in großer Gefahr. Das Trainingslager vor dem Turnier würde die deutsche Mannschaft wieder zum Giganten unter den „Turniermannschaften“ anwachsen lassen.

Der FC Bayern war zu dem Zeitpunkt längst – unter dem Gejammer von „Rest-Fußball-Deutschland“ – zum sechsten Mal in Folge Deutscher Meister und zog Mitte April souverän ins DFB-Pokal-Finale ein. Der Kurs Richtung Triple war bis dahin geradlinig – denn in den KO-Spielen der CL wurde Besiktas mit einem Gesamtergebnis von 8:1 pulverisiert und Sevilla zwar vom Ergebnis her verhältnismäßig knapp, aber dennoch souverän eliminiert. Das mehr als unglückliche und unverdiente Scheitern im CL-Halbfinale im europäischen Klassiker gegen Real Madrid sollte alles ändern. Fast alle Bayernspieler fielen in ein mentales Loch und / oder hatten mit Verletzungen zu kämpfen, darunter natürlich auch die deutschen Nationalspieler.

Die Bayern versauten sich mit einem desolaten 1:4 gegen den VfB Stuttgart am 34. Spieltag die Meisterfeier im eigenen Stadion und das Pokalfinale ging – Felix Zwayer sei Dank – unter „unglücklichsten Umständen“ verloren. Stimmung und Moral auf dem Tiefpunkt. Eine eigentlich großartige Saison, vor allen wenn man zurückblickt, wie sie begonnen hatte, fühlte sich am 19. Mai 2018 wie eine „Katastrophen-Saison“ an.

Rückblick in das Jahr 2014: Der FC Bayern war lange Zeit unter seinem neuen Trainer Pep Guardiola ebenfalls auf Triple-Kurs gewesen. Dann das schmachvolle CL-Halbfinal-Aus gegen Madrid. Als Parallele zu 2018 taumelten die Münchner damals auch dem DFB-Pokal-Finale gegen den BVB entgegen. Obwohl in der Meisterschaft von den Bayern deklassiert, gingen die Dortmunder damals sogar als Favoriten gegen den von heftigen Verletzungssorgen geplagten Meister in das Endspiel. In einem heiß umkämpften Herzschlag-Finale holten die Bayern trotzdem den Pokal und das Double. Nach dem Spiel und vor der WM ging es dann nur noch darum, die vielen Verletzten wieder fit zu bekommen. Aber Moral und Selbstvertrauen waren absolut intakt. Bei einer Bayern-Niederlage im Pokalfinale 2014 wäre dies wahrscheinlich nicht so gewesen.

Zurück in der bitteren Fußball-Gegenwart 2018: Der Rückenwind aus einem gewonnenen Pokalfinale wie 2014 ging den sieben Bayernspielern, die von Jogi Löw für die WM nominiert worden waren, ab – und wohl eher Selbstzweifel waren der Begleiter der Münchner Kicker. Sehr schwierig, wenn man als absolut „stärkste Fraktion“ vorne weggehen soll, wie dies auch bei den gewonnenen Weltmeisterschaften 1974, 1990 und 2014 der Fall war.

Im Mai 2018 freute sich fast ganz Fußball-Deutschland über den tiefen Fall der Bayern – ob damals viele „Fans“ der Nationalmannschaft auch daran gedacht haben, dass dies für ihr eigenes „Fantum“ negative Folgen haben könnte? Übrigens: Die Kicker des FCB – in der N11 verehrt und gefeiert, beim FC Bayern gehasst – das wäre ein Kapitel für ein ganzes Fußball-Gesellschaftsbuch!

Fast zeitgleich mit den letzten erfolglosen Saisonspielen der Bayern trafen die deutsch-türkischen Nationalspieler Gündogan und Özil den türkischen Despoten Erdogan anlässlich einer karitativen Veranstaltung in London. Das Szenario ist bestens bekannt.

Dieses „weltpolitische Ereignis“ spaltete jedenfalls Fußball-Deutschland. Die „laute Mehrheit“ schrie nach schmachvoller Entlassung der beiden Übeltäter. Der DFB, der Trainerstab und auch die anderen Nationalspieler (nach Aussprache) stellten sich – zumindest öffentlich – geschlossen hinter die beiden, was in meinen Augen – zumindest damals – aus sportlicher wie auch aus politischer Sicht sinnvoll aber auch „menschlich“ erschien.

Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre die „Affäre“ spätestens nach dem gemeinsamen öffentlichen Auftritt von Gündogan und Özil mit dem deutschen Bundespräsidenten Steinmeier und dem geschlossenen Bekenntnis der deutschen Fußball-Nationalspieler zu ihren Fußballkollegen beendet gewesen. Angetrieben von der deutschen Boulevardpresse sahen dies jedoch viele deutsche „Fußballfans“ nicht so. Nicht viel anders als während der Französischen Revolution sollen auch heute – öffentlich – Köpfe rollen! Trauriger Höhepunkt: Eine Woche vor WM-Beginn sollten und wollten sich die deutschen Kicker noch einmal Sicherheit und Selbstvertrauen beim Freundschaftskick gegen Saudi Arabien in Leverkusen holen. Es wurde jedoch ein Desaster! Nach einer passablen ersten Halbzeit wurde zu Beginn der zweiten Halbzeit Ilkay Gündogan eingewechselt. Das Pfeifkonzert bei seiner Einwechslung setzte sich während des gesamten Spiels fort, was den Spieler von ManCity mehr und mehr verunsicherte. Und mit jedem Pfiff gegen Gündogan verlor auch das Spiel der gesamten deutschen Mannschaft immer mehr den Faden. Dieser Kontext schien den „empörten deutschen Fans“ in Leverkusen nicht klar zu sein. Ebenso wenig vielen anderen „Fans“ in ihren Kommentaren an den Stammtischen und in den sozialen Netzwerken nach dem Spiel.

Als der deutsche Tross wenige Tage später nach Russland abreiste, hofften die meisten wohl, dass man sich ausschließlich auf die Turniervorbereitung konzentrieren konnte – ein Trugschluss, denn die empörte deutsche Öffentlichkeit, allen voran die in Moralangelegenheiten so erfahrene und immer korrekte deutsche Boulevardpresse, wollte nicht locker lassen. Dass dies durchaus auch als Sabotageakt auf die WM-Erfolgsaussichten zu sehen war, darf man nicht behaupten – die Empörung würde ins Unermessliche wachsen. Was mich bei solchen „Mediengeschichten“ aber wirklich interessieren würde: Sind bei den Medien dieselben Leute dafür zuständig, ein WM-Märchen scheinheilig in die Öffentlichkeit zu tragen, die im selben Moment alles dafür tun, dass ein Team nachhaltigst in ihren Erfolgsaussichten geschwächt wird? Wahrscheinlich – ich finde es auf alle Fälle pervers, wenn die Saboteure selbst sich später öffentlich darüber beklagen, dass ihr Akt auch gelungen ist.

Bayernkrise, „Fußball-Deutschland-Erdogan-Krise“ – reicht eigentlich schon. Aber dann kamen noch täglich die Debatten, ob es fair ist, dass der weltbeste Torhüter nach langer Verletzungspause im Tor stehen darf. Wenige sorgten sich um Manuel Neuers Gesundheit, gefühlt die meisten warfen eher eine Fairness-Debatte ins Feld. Dass ganz offensichtlich die Spieler auch diese Entscheidung des Trainerstabs mittrugen und sich gegenseitig mit Lobeshymnen auf Neuer übertrafen, ging an vielen Medien und „Fans“ wohl auch ungehört vorüber. Immer dieselben nervigen Themen. Themen wie das Quartier in Moskau.

In dieser schlechten Stimmungslage, die aus „Fußball-Deutschland“ nach Russland rüber schwappen musste, ging man voller Hoffen und wohl noch mehr Bangen ins erste Turnierspiel gegen Mexiko. Kann die deutsche Turniermannschaft, eine hoch talentierte Mannschaft noch dazu, bei all diesen Störfeuern, ihre gewohnte, aber schon lange nicht mehr abgerufene Leistung im Ernstfall abrufen? Sie verkrampfte total und konnte nicht. Und sie spürte viel Misstrauen und Ablehnung, welche sich vor allem in kübelweise Häme ergoss, aus der Fußballheimat – leistungsfördernd ist etwas anderes.

Der Last-Minute-Sieg gegen Schweden – glücklich und hochverdient zugleich. Endlich der Brustlöser? Hoffentlich. Aber schon die – sicher berechtigten – Klagen einzelner Kicker nach dem Sieg gegen Schweden, dass man aus der Heimat wenig Unterstützung empfinde, machten das nächste Fass auf. Was man in der Vergangenheit nur vereinzelt gehört hat, poppte plötzlich überall in den Fankommentaren auf: Diese Nationalmannschaft ist spätestens seit der Umbenennung zu „Die Mannschaft“ ein unsympathisches Werbeprojekt! Als Krönung wurden noch völlig nebensächliche Hashtags aufs Korn genommen und kritisiert.

Bei meiner Sympathie zur eigenen Fußball-Nationalmannschaft ist es mir übrigens persönlich völlig egal, ob diese als „Die Mannschaft“, als „Die Weltmeister“ oder als „tralala“ vermarktet wird. Für mich als Fußballfan gibt es nichts Unwichtigeres. Ich habe mir dazu bislang auch selten bis keine Gedanken gemacht. Aber seit diese Kritik aufgetaucht ist, habe ich es getan – und ganz ehrlich: „Die Mannschaft“ gefällt mir sogar. In den Zeiten von MiasanRonaldo, MiasanMessi, MiasanNeymar empfinde ich es als Wohltat, wenn der (noch) amtierende Weltmeister darauf hinweist, dass Fußball eine MANNSCHAFTSSPORTART ist und nicht das Betätigungsfeld von zwar hochbegabten aber mindestens genauso eitlen und selbstverliebten Egomanen, deren Trikots millionenfach über den Ladentisch gehen. Woran sollen sich die interessierten Fußball-Kids orientieren, wenn schon die deutschen Fußball-Reporter nahezu orgiastisch von den Superstars bei dieser WM schwärmen? Spielt Portugal wird CR7 bei den Übertragungen permanent mit Messi verglichen, spielt Argentinien passiert es andersherum.  Fußball ist aber ein MANNSCHAFTSSPORT – und es war trotz Weltklassefußballern wie Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Lothar Matthäus, Manuel Neuer etc. immer das Erfolgsgeheimrezept der Deutschen, dass sie als MANNSCHAFT aufgetreten sind – warum ist das unsympathisch?

Nach nicht einmal 10 Spielminuten im alles entscheidenden Gruppenspiel gegen Südkorea war eigentlich schon klar, dass das späte Siegtor gegen Schweden, welches die Möglichkeit auf ein Weiterkommen aus eigener Kraft bedeutete, keine Sicherheit und kein Selbstvertrauen ins deutsche Spiel zurück gebracht hatte. Gehemmt und verkrampft versuchten die deutschen Kicker alles, um die eigentlich als absolut machbar betrachtete Hürde Südkorea mit einem winzigen Törchen aus dem Weg zu räumen. Die Versuche wurden immer verzweifelter, am Schluss gab es trotzdem gute Torchancen im Minutentakt – aber es war Südkorea, das auf nahezu aberwitzige Art und Weise traf. Was für eine „Blamage“!

Reflexartig verlangte die Fußballnation bereits gefühlte Sekundenbruchteile nach Spielschluss den Rausschmiss von Jogi Löw. In der Tat hat der bisherige Erfolgstrainer der deutschen N11 schon vor der WM bei der Kaderzusammenstellung einige zumindest fragwürdige Personalentscheidungen getroffen, welche sich bei den jeweiligen Startaufstellungen wiederholten. Er schien rat- aber auch mutlos.

Wir alle kennen aber auch nicht die Trainingsleistungen und –eindrücke der verschiedenen deutschen Kicker. Und auch wenn fast jeder Hobby-Bundestrainer bei jedem Spiel andere Aufstellungen und Ein- und Auswechslungen getätigt hätte, muss man feststellen, dass eigentlich kein einziger deutscher Spieler seine Bestform erreicht hat, nur die allerwenigsten ansatzweise Normalform. Eigentlich hätte jede (sinnvolle) Zusammensetzung des in Russland vorhandenen Kaders locker ausreichen müssen, um diese Vorrundengruppe souverän als Sieger zu überstehen. Die Klasse aller deutschen Spieler wäre in Normalform weit über der der drei Vorrundengegner gewesen. Warum dies trotzdem nicht ausreichte, ist meiner Meinung nach in den geschilderten Gründen zu suchen – wobei diese aus der Ferne betrachtet natürlich nicht ansatzweise allumfassend sein können.

Zu guter Letzt möchte ich die deutsche MANNSCHAFT trotz aller Enttäuschung über ihre pomadig und uninspiriert wirkenden Auftritte auch noch ein bisschen verteidigen. Denn wenn die Emotionen, vor allem die negativen, allzu sehr überkochen, wird man auch ungerecht und übersieht so einiges. Die deutschen Kicker waren nämlich bei ihren WM-Auftritten auch so etwas wie die personifizierten Unglücksritter. Ihre vier Aluminiumtreffer in den drei Vorrundenspielen sind bei dieser WM einsamer (Negtiv-)Rekord. Von den für das Achtelfinale qualifizierten Teams hatte nur die Schweiz mehr als einen Aluminiumtreffer (2), allerdings rettete auf der anderen Seite auch zweimal das Aluminium für die Eidgenossen. Die Spanier, Franzosen und Argentinier, alles Turnierfavoriten, hatten sogar ausschließlich „Alu-Glück“.

Ein bisschen Statistik: Die 72 von den deutschen Spielern abgegebenen Schüsse sind ein einsamer Spitzenwert – allerdings bei nur zwei erzielten Treffern wohl auch der Spitzenwert an Ineffektivität. Nur noch Brasilien (57) und Belgien (52) feuerten mehr als 50 Mal aufs gegnerische Tor.  Lediglich die Belgier schossen bei ihren neun erzielten Toren häufiger aufs Tor als die Deutschen: 22 zu 21 Schüsse aufs Tor. (Pfosten- und Lattentreffer werden übrigens als Schüsse neben das Tor gewertet). Deutschland gab auch die bei weitem meisten Schüsse innerhalb des Strafraums ab (43), hatte das mit 25:7 beste Gesamt-Eckenverhältnis und mit 72% den nach Spanien (73%) höchsten Ballbesitz (alle anderen Werte liegen weit darunter). Wie häufig im Leben und speziell im Fußball: Hast du kein Glück, kommt auch noch Pech dazu.

Apropos Glück: Wäre es wie in der Gruppe H bei Punkt- und Torgleichheit zwischen Japan und dem Senegal zu einer Entscheidung über das Weiterkommen basierend auf der von der FIFA angesetzten abenteuerlichen Fairplay-Wertung gekommen, wäre Deutschland ausgeschieden! Obwohl Deutschland nach der Anzahl der begangenen Fouls und erhaltenen gelben Karten auf dem dritten Platz der fairsten Turniermannschaften ausgewiesen worden wäre, hätte einzig und allein die gelb-rote Karte gegen Jerome Boateng im Schwedenspiel dazu beigetragen, dass Deutschland in der FIFA-Wertung als „dritt-unfairste“ Mannschaft gewertet wurde. Die FIFA gewichtet dabei nicht, wie es bei anderen ähnlichen Wertungen sinnvollerweise der Fall ist. Bis ca. 20 Minuten vor Spielende drohte ein derartiges Szenario – Boateng kann nur heilfroh sein, dass ihm der Hass einer Vielzahl an deutschen „Fans“ erspart geblieben ist, weil er mit seiner Ampelkarte den Weltmeister aufgrund dieser „Abenteuer-Wertung“ im Alleingang nach Hause geschickt hätte.

 

Foto: Das Baddery WM-T-Shirt

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18 Kommentare zu „Kein 5. Stern für Deutschland – die Gründe“

  1. Christian Streich über Jogi Löw und vieles andere im Fußball.

    Eine „echte Type“ – und ein Interview mit ihm wird immer zum Erlebnis, das kann selbst ein Stern-Interviewer nicht „versaubeuteln“ 😜😂

    PS: Trotzdem ist er für mich kein geeigneter „Bundes-Christian“ – aber er ist so schlau und weiß das selbst 👏👍

    https://www.stern.de/sport/fussball/christian-streich-im-interview-ueber-jogi-loew-und-das-fussballspiel-als-moderne-tragoedie-8166824.html

  2. Der Kicker liefert weitere erstaunliche Statistiken: http://www.kicker.de/news/fussball/weltmeisterschaft/spiele/726559/2/slideshow_wo-oezil-bester-ist_die-topwerte-der-wm-vorrunde.html

    Erstaunlich, dass die als zu „satt“ bezeichneten deutschen Kicker diejenigen waren, die die beste Zweikampfstatistik aller Teilnehmer hatten: Laut One-Football wären es sogar durchschnittlich 58,1% gewonnene Zweikämpfe gewesen (Frankreich 55,8%). Und der gescholtene Özil und Kimmich zählten zu den vier besten Vorlagengebern !! 🙄😏😝

    Läuft alles auf fleißig, bemüht — aber ineffektiv und verkrampft hinaus.

    Und dann sollte man auch feststellen dürfen, dass „Fußball-Deutschland“ aktuell 2 wichtige Positionen maximal zweitklassig besetzt hat: Die linke defensive Außenbahn und natürlich die Mittelstürmer-Position: Timo Werner wird häufig arg überschätzt und Mario Gomez war eine komplette Fehlbesetzung als Joker. (Sandro Wagner oder auch Nils Petersen wären dafür wahrscheinlich) wesentlich besser geeignet gewesen.

    Die Besetzung des „Stoßstürmers“ (sowieso im deutschen System nur als Jokerrolle angedacht) und die Nicht-Nominierung von Leroy Sané, das waren für mich die gravierenden Fehler des Jogi Löw.

    Ob diese zwei Nominierungen bei der allgemeinen Verunsicherung der gesamten Mannschaft jedoch eine signifikante Verbesserung gebracht hätten, kann ich nicht beurteilen.

    2018 hat zu viel gegen Deutschland gesprochen.

    1. Bin vollkommen bei dir, dass ein Stoßstürmer Wagner mehr „gerissen“ hätte als Gomez und Werner und man im Nachhinein natürlich Sané mitnehmen hätte müssen. Diese Entscheidung gegen Sandro Wagner konnte ich schon vor der WM nicht nachvollziehen; du brauchst doch eigentlich Typen in der Mannschaft. Fußball kann er außerdem auch noch spielen. 😉 Das kann man Löw anlasten. Bei einer Weltmeisterschaft und in entscheidenden Spielen kommt es doch, korrigiere mich, wenn ich falsch liege, neben technischen Können vor allem auf die Körpersprache, Motivation und Geschlossenheit der Mannschaft an und da kann man der deutschen Mannschaft durchaus vorwerfen, dass diese drei Sachen irgendwie gefehlt haben. Mario Gomez hat nach dem Spiel gegen Südkorea selbst gesagt, dass sie „zu keiner Zeit eine homogene Mannschaft auf dem Feld“ waren. Mir fehlt ein Typ wie Bastian Schweinsteiger, der beim WM Finale bis zum Umfallen gekämpft hat. Ich bin schon der Meinung, dass die Rücktritte von Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker und Klose massive Verluste für die Mannschaft waren – alle vier waren 2014 im Mannschaftsrat und jeweils die Gruppenleiter der Ferienhäuser im Campo Bahia.
      Toni Kroos gibt zwar in letzter Zeit ziemlich oft den Mahner, aber gespielt hat er leider auch nicht besonders gut.
      Noch einen Satz zu Özil und Gündogan: Ich hätte während dem Turnier Gündogan neben Kroos aufgestellt und nicht Khedira, weil er defacto der bessere defensive Mittelfeldspieler ist; ein von eigenen „(Event-)Fans“ ausgepfiffener Arjen Robben hat Pfiffe mit eigener Leistung egalisiert, das hätte ich Gündogan auch zugetraut. Aber offensiv hätte Löw besser auf Müller als 10er gesetzt; Thomas Müller bringt ob beim FC Bayern oder bei der Nationalmannschaft immer die richtige Einstellung, vor allem in entscheidenden Spielen. Mag sein, dass Özil keine schlechte Statistik hat, aber Müller im entscheidenden Spiel draußen zu lassen, hat nichts gebracht.

      1. Ich habe ja mehrmals geschrieben, dass ich Wagner (als Joker anstelle von Gomez) und v.a. Sané (bester Nachwuchsspieler der besten Liga der Welt!) mitgenommen hätte.

        Ansonsten kann ich mich auch nur noch einmal wiederholen: Für mich persönlich hat es keineswegs an mangelnder Motivation oder einer Sättigung der Weltmeister gelegen. Alle Statistiken unterstützen mich dabei: Deutschland war in der Vorrunde die Mannschaft mit den besten Zweikampfwerten(!), der zweithöchsten Laufleistung (nach Serbien).

        Man lag in allen Schussstatistiken vorne: die meisten Schüsse insgesamt (72), die zweitmeisten Schüsse aufs Tor (nach Belgien), die meisten Schüsse innerhalb des Strafraums — aber erzielte nur jämmerliche zwei Törchen: Ineffizienter geht´s nicht mehr. Dies ist aber auch ein Ausdruck von völliger Verunsicherung und Verkrampfung, aber auch von Pech (4(!!) Alu-Treffer!).

        Müller und Gündogan waren meist auch völlig neben der Spur — Müller dabei mit gewohnt hoher Laufleistung, Gündogan nicht mal mit dieser Tugend (soweit man das am TV erkennen kan).

        Jetzt muss ich aber doch noch auf einen Feldspieler eingehen, der als einziger bei den Fans und den Medien gut weggekommen ist: Marco Reus, der „erwünschte deutsche Heilsbringer“. Gerade seine Ineffizienz vor dem Tor war doch auch ein Hauptgrund, warum Deutschland so früh ausgeschieden ist. Auch er war völlig verunsichert und als Führungsspieler hat er sich auch in seiner gesamten Karriere hervorgetan.

        Apropos „Führungsspieler“ (und Heldenverehrung): Ja, Schweini war im Finale 2014 die Gallionsfigur der Deutschen: Niemals unterkriegen lassen. ABER: Auch ihm wurde in seiner Karriere sehr oft vorgeworfen, dass er in wichtigen Spielen untertauchen würde – man sollte seine sehr erfolgreiche Karriere nicht auf ein Spiel reduzieren.

        2014 war „alles anders“: Bayern gewann das Pokalfinale, D startete mit einem 4:0 gegen Portugal in die WM, kein „Erdogate“, keine anderen permanenten Störfeuer von außen.

        Zu den anderen genannten „Führungsspielern“: Lahm wurde in der Vorrunde für seine Leistung auf der VI kritisiert. Klose ist zwar der deutsche und der WM-Rekord-Torschütze (und wäre in dieser Funktion mehr als nötig gewesen), aber ein richtiger Führungsspieler war der leise Miro wohl nie. „Merte“ war 2014 Ersatzspieler hinter Hummels & Boateng.

        Die WM 2018 hätte aus deutscher Sicht nur ein gelungener Auftakt gegen Mexiko retten können. Ein frühes Tor, Sicherheit, etwas mehr Glück … so kam es aber nicht!

  3. Danke für einen der wenigen sachlichen Beiträge zum Scheitern der N11 bei der WM in Russland — danke auch für die Verlinkung zum Werkstatt-Blog. Es gibt doch noch ein paar Hoffnungsschimmer für den Journalismus in Fußball-Deutschland.

    Und wenn dann Lanz, Basler, Effe, Lothar & Co auch noch mitmischen )))-:

  4. Wobei das stimmt auch nicht hundertprozentig. Natürlich muss man auch auf den Inhalt der Meinung achten.

    1. Dem kann ich mich nur anschließen!👌⚽️
      Großen Respekt für deine – wie ich finde sehr detaillierte – Analyse des historischen Ausscheidens. Gerade in Bezug auf die Statistiken. Da merkt man, dass – wie du schon erwähnt hast – auch sehr viel Pech(anhand der genannten Zahlen wahrscheinlich auch Unvermögen) dabei war.

      1. @ Anton und Christoph:

        Danke Euch beiden! 🙂 Ich danke Euch auch deshalb, weil Ihr das „quasi öffentlich“ tut. Die meisten, die den Beitrag „sehr differenziert und qualitativ hochwertig“ finden, teilen mir das nämlich „nur“ persönlich mit. Gegen den Strom zu schwimmen hat wohl auch einiges mit Mut zu tun 💪💪

        1. Wir haben in Deutschland zum Glück noch das Privileg unsere Meinungen öffentlich kundzutun ohne dafür strafrechtlich verfolgt zu werden. Warum sollten wir also davon nicht Gebrauch machen?😉

        2. Da braucht es doch keinen Mut zu, ich wurde erzogen die Wahrheit zu sagen bzw Schreiben. Wer mit meiner Schreibweise nicht klar kommt soll es sagen. Wahrheit ist Wahrheit.

  5. http://werkstatt-blog.de/2018/06/anmerkungen-zum-deutschen-ausscheiden/

    Lesenswert mit einem etwas anderen Ansatz als bei mir. Einige Argumente, die ich selbst nicht gebracht habe, damit mein Beitrag vom Volumen her nicht explodiert, hätten aber auch von mir stammen können.

    Als der Name Götze auftauchte, musste ich schmunzeln. Ich habe den hochtalentierten Mario jahrelang verteidigt. Dieses Jahr hätte ich ihn aber auch zu Hause gelassen — und schon kommen die ersten wütenden Rufe nach ihm, weil er dieses Mal nicht dabei war. 2016 bei der EM wurde er noch massiv gebasht.

  6. Danke danke – einer der ganz ganz wenigen differenzierenden sachlichen Beiträge im ganzen Netz zum deutschen Ausscheiden.

    Wie du schon andeutest, werden die gesamten Gründe insgesamt noch viel komplexer sein.

    1. @ Derbysieger: ja, es ist komplex, sehr komplex.

      Wenn es nicht vollkommen den Rahmen gesprengt hätte und ich meine Leserschaft nicht einigermaßen gut 😉 kennen würde, dann wären noch einige gesellschaftspolitische Themen integriert worden. 😝😝

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