FC Bayern – Real Madrid – Die Geschichte des Europäischen Fußball-Klassikers

Real Madrid 2014

 

Sollte es – analog zum spanischen Clásico – so etwas geben wie einen Europäischen Fußball-Klassiker, dann kann dieser eigentlich nur Real Madrid gegen FC Bayern lauten. Beim diesjährigen Champions League Halbfinale triff dabei nicht nur der Rekordsieger der Champions League bzw. des Europapokals der Landesmeister und Erste der ewigen CL-Tabelle (seit 1955/56) auf den Tabellenzweiten, es ist auch das Duell, welches in der Europäischen Fußball-Königsklasse am häufigsten ausgetragen wurde.

Am morgigen Mittwoch in der Münchner Arena und am nächsten Dienstag im Rückspiel im Estadio Santiago Bernabeú treffen die Dauerrivalen bereits zum 25. und 26. Mal aufeinander. Die bis 2012 sehr positive Bilanz der Bayern, die sehr lange als die „Bestia Negra“ für die Madrilenen bezeichnet worden waren, hat sich durch die letzten Duelle 2014 und 2017 erheblich verschlechtert. Und so lautet die aktuelle Bilanz: 11 Siege Bayern – 2 Unentschieden – 11 Siege Madrid.

Allerdings möchte ich hierzu gerne anmerken, dass in dieser Bilanz das Halbfinal-Rückspiel 2012 in Madrid mit 1:2 (n.V.) gegen Bayern gewertet wurde, obwohl das alles entscheidende Elfmeterschießen mit 3:1 gewonnen wurde. Ebenso ging man 2017 nach einem aus Bayernsicht 1:2 in München und einem 2:1 in Madrid in die Verlängerung, in welcher man dann in Unterzahl mit 2:4 unterlag. Die Bilanz weist ein Gesamtscore von 6:3 und zwei Madrid-Siege aus, obwohl das Spiel im Bernabeú nach 90 Minuten von Bayern gewonnen wurde. Folglich tauchen im Netz auch Bilanzen auf, die 12 oder sogar 13 Bayernsiege aufweisen.

Häufig waren die Duelle zwischen diesen beiden Vereinen regelrechte Schlachten und obwohl von Seiten der Vereinsführung des FCB immer von einem „sehr guten und respektvollen Verhältnis zu Real Madrid“ gesprochen wird, gibt es wohl bei internationalen Spielen keinen Kontrahenten, dem seitens der Bayernfans mehr Antipathien entgegen gebracht werden als den Madrilenen. Dabei vergesse ich nicht die aktuellen Aversionen gegen die neureichen Clubs wie PSG und ManCity, sondern schaue viele Jahrzehnte zurück. Welchem anderen Club wird in einem der populärsten Südkurven-Hits seit über vier Jahrzehnten die zweifelhafte Ehre einer dauerhaften Schmähung zugeteilt (Sch***Madrid!)?

Als ich noch ein sehr junger Fußballfan war, kann ich mich tatsächlich daran erinnern, dass es schon bei einem 5:1-Sieg der Bayern bei einem Freundschaftsspiel im Bernabeú sehr viel Ärger gab – man schrieb den 14. August 1973. Die Bayern waren damals auf dem Weg zur europäischen Übermannschaft, während Real Madrid nicht seine allerbeste Zeit verbrachte.

An diesem Zustand hatte sich – zumindest in den internationalen Wettbewerben – auch nicht viel geändert, als man sich 1976 zum ersten Mal im Halbfinale des damaligen Europapokals der Landesmeister begegnete. Die Bayern setzen sich insgesamt klar mit 1:1 im Hinspiel und 2:0 im Rückspiel durch. Gerd Müller erzielte alle drei Tore für die Bayern und wurde dafür schon nach dem Schlusspfiff im Bernabeú bestraft: Ein jugendlicher Fanatiker streckte ihn und auch den Schiedsrichter der damaligen Begegnung mit einem Faustschlag nieder. Als sich damals Uli Hoeneß und vor allem Sepp Maier (per Hechtsprung) den Übeltäter griffen, bekamen sie von den spanischen Ordnungshütern wenig Unterstützung. Bilder von damals ließen eher erahnen, dass sie sich dabei selbst derer erwehren mussten.

1976_Müller in Madrid

Mir ist nicht bekannt, dass Real Madrid für diese Entgleisung seines Fans von der UEFA irgendeine Strafe erhalten hat. Abgestraft beim Rückspiel im Münchner Olympiastadion wurden dagegen die „Verräter“ Paul Breitner und Günter Netzer, welche bei jeder Ballberührung von den Bayernfans gnadenlos ausgepfiffen wurden.

175_Real Madrid 1976

Erst 11 Jahre später, wieder im Halbfinale des Landesmeistercups 1987, kam es zum nächsten Aufeinandertreffen in einem offiziellen Wettbewerb. Ob das 1:9-Debakel von Madrid bei einem Freundschaftsspiel im Sommer 1980 im Olympiastadion der Grund war, dass auch die 1987er Spiele wieder zu Schlachten mutierten? Real Madrid nahm 1980 den Sommerkick offensichtlich nicht wirklich ernst. Erst als die Bayern zur Halbzeit bei einem abenteuerlichen Spielstand von 7:0 fast die gesamte Stammmannschaft vom Feld nahmen, durfte Real Madrid am Spiel teilnehmen. Der Stachel saß anschließend aber wohl sehr tief bei den „stolzen Spaniern“.

Bayern Real 9-1

(Trollfootball provozierte hier die Madridistas; die echten Bayernfans können sich natürlich an dieses „legendäre“ Freundschaftsspiel erinnern  😉  )

So wurden beide Halbfinalspiele 1987 von äußerst unschönen Umständen begleitet: Beim 4:1 im Hinspiel in München kam es zum brutalsten Foul, welches ich persönlich jemals live im Stadion gesehen habe: Madrids Juanito, noch heute eine Legende bei den Madridistas („El espíritu de Juanito“), trat den am Boden liegenden Lothar Matthäus mehrfach mit voller Wucht und Absicht gegen den Kopf. Der Loddar schien zum Glück einen ziemlichen Dickschädel gehabt zu haben und kam ohne schwerere Verletzungen einigermaßen glimpflich davon. Der sich bereits im Herbst seiner Fußballkarriere befindende Juanito wurde von der UEFA für fünf Jahre für den Europapokal gesperrt, wechselte im Sommer den Verein und kam vier Jahre später bei einem Autounfall ums Leben.

Beim Rückspiel ging es ebenfalls heiß her, als Klaus Augenthaler nach einem Foul früh die Rote Karte sah. Steine, Batterien und Eisenstangen flogen damals von den Rängen Richtung Spielfeld. Bayerns belgischer Torwart Jean-Marie Pfaff, den angeblich ein Messer nur knapp verfehlte, bot bei der Münchner 0:1-Niederlage, die nach dem 4:1 im Hinspiel für den Endspieleinzug im Meistercup reichte, eine überragende Vorstellung.

„Berühmt“ aus jener weiteren Schlacht im Bernabeú: Auges Provokation, als er Stierhörner andeutete. Er war leider in Wien beim Finale gegen  Porto gesperrt – dass die UEFA damals Sanktionen gegen die Zuschauerentgleisungen aussprach, ist mir ebenfalls nicht bekannt.

In der Folgesaison traf man sich bereits im Viertelfinale und die Bayern spielten im Hinspiel die Madrilenen lange Zeit an die Wand. Kurz vor Spielende stand es 3:0, dann patzte die Bayernabwehr, vor allem Pfaff, zweimal ganz böse und Madrid war plötzlich wieder im Wettbewerb. Das 2:3 aus München wurde im Rückspiel noch in der ersten Halbzeit gedreht. Angeblich bedeutete gerade dieses Negativerlebnis im Europapokal-Viertelfinale auch das Aus des beliebten Jean-Marie Pfaff beim FCB zum Saisonende.

Zwölf weitere Jahre sollte es dauern bis sich die beiden Vereine – nun in der Champions League – wieder trafen. In der Saison 1999/2000 sogar satte viermal. Und die Bayern brachten es tatsächlich fertig, dabei dreimal als Sieger vom Platz zu gehen und trotzdem im Halbfinale gegen den späteren Sieger Real Madrid auszuscheiden. In der damals noch ausgetragenen CL-Zwischenrunde deklassierten die Bayern Madrid in den beiden Spielen mit 4:2 (auswärts) und 4:1. Beim 4:1-Heimsieg verabschiedete sich Lothar Matthäus endgültig Richtung USA. Noch heute bin ich der Meinung, dass die Bayern die Champions League 2000 gewonnen hätten, wenn der bereits 39-Jährige noch bis zum Saisonende in München gespielt hätte.

Die Bayern holten den Triumph ein Jahr später – nach 1:0 und 2:1 Halbfinalsiegen gegen Madrid – nach, Lothar dagegen gewann diesen Pokal nie.

Die CL-Begegnungen 2002 (Viertelfinale) und 2004 (Achtelfinale) waren ebenfalls emotionelle, sportlich aber wenig attraktive Duelle. Madrid setzte sich beide Male durch.

Beim Achtelfinale 2007 ging es in beiden Duellen wieder hoch her: Beim 2:3 in Madrid legte sich der Ex-Barca-Spieler Mark van Bommel mit dem madrilenischen Publikum an und provozierte dieses nach seinem Treffer zum Endstand. Die UEFA bestrafte ihn mit einer „Spielsperre auf Bewährung“.

Beim Rückspiel war die Stimmung in der Münchner Arena schon vor dem Anpfiff auf dem Siedepunkt. Das Stadion glich einem Fahnenmeer, Madrid hatte Anstoß und lag trotzdem nach 10 Sekunden durch das legendäre Tor von Roy Makaay (Vorarbeit Brazzo) mit 0:1 zurück. Das für Münchner Verhältnisse infernale Pfeifkonzert hatte den eigentlich sonst so coolen Robert Carlos derart aus der Fassung gebracht, dass er wenige Sekunden nach Anpfiff den Spielball quasi freiwillig an die Bayern abgab – der Rest ist Geschichte. Die Stadionstimmung blieb das ganze Spiel extrem explosiv, das Spiel war eine Nervenschlacht und nach je einer gelben-roten Karte für beide Mannschaften (auf Bayernseite van Bommel, man möchte fast sagen „natürlich van Bommel“) pfiff der Schiedsrichter beim Stand von 2:1 für Bayern ab.

Zu den letzten Begegnungen 2012 (Bayern nach Elfmeterschießen weiter), 2014 und 2017 muss man den Bayernfans wohl nicht mehr viel erzählen.

Man kann fast wetten, dass es auch in den kommenden Tagen wieder zwei Duelle mit hochklassigem Fußball, aber auch mit ebenso vielen Emotionen, sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen, geben wird. Dass sich beim letzten Spiel in Madrid die spanische Polizei in ihrem wahnwitzig brutalen Einsatz gegen die Bayernfans nicht wirklich mit Ruhm bekleckerte, die UEFA wiederum nichts dagegen unternahm und immer noch juristische Klagen von geschädigten Münchner Fans laufen, trägt sicher auch nicht zur „emotionalen Deeskalation“ bei.

„So wie einst Real Madrid, Sch*** Madrid…..“

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5 Kommentare zu „FC Bayern – Real Madrid – Die Geschichte des Europäischen Fußball-Klassikers“

  1. Klasse Beitrag zur Einstimmung auf das morgige Spiel! Es gab ja schon viele denkwürdige Begegnungen zwischen diesen Clubs, ich hoffe inständig, dass eine ebensolche mit dem richtigen
    (roten) Ergebnis hinzukommt und der Gockel gerupft wird…

  2. Wieder ein bockstarker „Petersgradmesser“!

    Die Vorfreude auf das morgige Match steigert sich noch einmal 😉

    Und ja, es gab, gibt und wird auch nie einen Verein geben, der mehr unsympathischer als dieser arrogante Haufen aus Madrid ist.

    1. Ich denke, dass alle nicht mehr ganz jungen (aber natürlich jung gebliebenen 😉 ) Bayernfans ähnlich ticken, wenn es um Real Madrid und dessen „Sympathiepunkte“ geht!

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