Champions League Viertelfinale FC Bayern gegen FC Sevilla – alles Wissenswerte zum Duell

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Der FC Bayern spielt im Champions League Viertelfinale (3. April auswärts; 11. April Heimspiel) gegen den FC Sevilla. Viele Medien sprechen nach dem Los wieder vom „Bayern-Dusel“ und das, obwohl die Andalusier seit 2006 mehr europäische Titel als alle anderen Vereine gewonnen haben. Wie kann das sein? Alles Wissenswerte zum FC Sevilla hier auf Petersgradmesser.

Zuerst kann man feststellen, dass der FC Sevilla als Gegner – auf den ersten Blick durchaus überraschend – Neuland für den FC Bayern ist, wenn es um seine über 50-jährige Europapokalgeschichte geht. Während es fast jedes Jahr Aufeinandertreffen mit Real Madrid, Barcelona, Atlético oder Valencia gab, kam es nie zum Duell mit dem Verein aus der andalusischen Hauptstadt.

Im gestrigen Viertelfinal-Lostopf waren zusätzlich nur Vereine, gegen welche der FCB bereits viele Europapokalschlachten geschlagen hat: Juve, die Roma, ManCity und Klopps Liverpool, gegen welches das letzte Aufeinandertreffen allerdings schon 37 Jahre her ist: Halbfinale Europapokal der Landesmeister, das Rückspiel kurz nach Ostern. Ich war damals leider nicht im Olympiastadion, sondern saß vor einem Transistorradio … in Sevilla 😉

Natürlich hätte es den FC Bayern bei der Zuteilung des Gegners wesentlich schlimmer erwischen können, aber die größten Glücksmomente dürfte das Los FC Sevilla wohl bei den Auswärtsfahrern ausgelöst haben: Endlich wieder ein NEUER Gegner – und das in einer äußerst attraktiven Stadt. Was für ein „Dusel“! 😉

Apropos „Bayern-Dusel“ bzw. „Dusel-Bayern“ im Zusammenhang mit Europapokal-Auslosungen: Seit 1966 hat der FCB 48 Mal (ohne die aktuelle Saison einzubeziehen) international gespielt: Siebenmal gewann man den Wettbewerb und bei den 41 Mal, die nicht mit einem Siegerpokal endeten, schied man satte 26 Mal gegen den späteren Sieger aus! Bis 2015 schieden die Bayern insgesamt 13 Mal in einem europäischen Halbfinale aus – immer gewann der Bayernbezwinger anschließend das Finale. 2016 Atlético gegen Real Madrid erstmals nicht. Bei 48 Europapokalteilnahmen ist man folglich nur 15 Mal nicht gegen den späteren Sieger ausgeschieden oder hat selbst gewonnen. Eine beeindruckende Bilanz, vor allem aber eine, die das „Gerücht“ vom „Bayerndusel“ eindeutig konterkariert. Aber auch diese Statistik wird dieses Märchen nicht beenden.

Warum ist aber der FC Sevilla hierzulande so wenig bekannt, war noch nie Gegner des FC Bayern und das, obwohl man seit 2006 fünf europäische Titel holte?

Der informierte Fußballfan weiß es natürlich sofort: Der einmalige Spanische Meister (1946) hat 2006 und 2007 den UEFA-Pokal und von 2014 bis 2016 den Nachfolger-Wettbewerb, die Europa League, gewonnen, in der Champions League war man dagegen nur ganz selten zu Gast.

Internationale Erfahrung hat die Mannschaft, hat der Verein allerdings genügend. Trotzdem muss der FC Bayern nicht unglücklich über dieses Los sein, auch wenn Sevilla im Achtelfinale Mourinhos Manchester United eliminiert hat. Der englische Rekordmeister präsentierte sich dabei nur als Schatten vergangener besserer Zeiten.

Wie hat sich der FC Sevilla für das Achtelfinale qualifiziert?

Als Tabellen-Vierter der letzten Primera División musste man in die CL-Quali und setzte sich dort nur sehr knapp gegen den Erdogan-Club Istanbul Basaksehir durch (2:1 auswärts; 2:2 zu Hause). Auch die Gruppenphase war nicht unbedingt ein Ruhmesblatt: Man wurde mit 9 Punkten (2S – 3U – 1N) und 12:12 Toren Zweiter hinter Liverpool.

Stellvertretend für den nationalen wie internationalen Saisonverlauf von Sevilla zwei Ergebnisse aus der CL-Vorrunde: Am 5. Spieltag erzwang man im heimischen Ramón Sánchez Pizjuán ein 3:3 gegen Liverpool – nach einem 0:3-Halbzeitrückstand! Und am 3. Spieltag ging man in Moskau bei Spartak, gewiss keine internationale Spitzenmannschaft, mit 1:5 unter!

Fünf Gegentore waren in dieser Saison für Sevilla in La Liga durchaus keine Seltenheit: 0:5 in Madrid; 3:5 gegen den Lokalrivalen Betis; 1:5 in Eibar; 2:5 gegen Atlético Madrid! So kann es auch kaum verwundern, dass man in der aktuellen Tabelle als Fünfter weit hinter dem vierten Platz hinterherhinkt, welcher auch für die nächste Saison einen CL-Platz garantieren würde. Eher muss Sevilla nach hinten schauen und seinen Europa League Platz absichern. Ein negatives Torverhältnis von 36:42 Toren (nach 28 Spieltagen) dokumentiert auch eindeutig, wo es hapert.

Apropos „hapern“, Schwachstellen und Instabilität: Nachdem der Europa League Held Unai Emery nach seinen drei aufeinanderfolgenden Triumphen (2014-2016) von PSG abgeworben worden war, wurde kein Coach mehr so richtig glücklich auf der Trainerbank der Andalusier (oder auch umgekehrt Sevilla mit dem Trainer): Im Sommer 2016 übernahm der Argentinier Jorge Sampaoli, um dann ein Jahr später Trainer der „Albiceleste“ zu werden (und blöde Sprüche über die deutsche Nationalmannschaft abzulassen 😉  ). Es folgte mit Eduardo Berizzo der nächste Argentinier, welcher aber krankheitsbedingt und mangels Erfolgs bereits Ende Dezember 2017 vom Italiener Vincenzo Montella abgelöst wurde. Vielleicht wäre es für alle am besten gewesen, wenn Unai Emery in Sevilla geblieben wäre …

 

Ein Blick auf den Spielerkader

Wie bei den Trainern fällt auch beim Kader eine gewisse Vorliebe für Argentinier auf: Neben sieben Spaniern (darunter die zwei Torhüter) ist die argentinische Fraktion mit sechs Spielern die größte, darunter der knapp 30-jährige 59-fache Nationalspieler Éver Banega, der augenblickliche Kopf der Mannschaft.

Aus der „Multi-Kulti-Truppe“ kennt man noch den für diese Saison von Schalke 04 ausgeliehenen Johannes Geis, welcher aber lediglich ein Ergänzungsspieler ist, und den früher für Wolfsburg kickenden Dänen Simon Kjaer – sicher keine Spieler, welche mit ihrer Qualität Furcht einflößen. Ein anderes Kaliber sind wohl die beiden spanischen Nationalspieler Nolito und Jesús Navas, obwohl bereits jenseits der 30 und vor der Saison von Pep Guardiola bei ManCity ausgemustert.

Die Stadionatmosphäre

Vielleicht geht es im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán nicht ganz so laut wie im Vodafone Park von Besiktas zu, trotzdem werden die Bayern im Hinspiel vor einem sehr heißblütigen leidenschaftlichen Publikum spielen. Ich selbst war 1985 dort Zeuge des Liga-Spiels zwischen dem FC Sevilla und dem FC Barcelona. Bei Barca spielte damals Bernd Schuster – und dieser wurde damals dauerhaft mit allen bekannten spanischen Schimpf- und Schmähwörtern eingedeckt. Nett und fair war das nicht.

Den älteren deutschen Fußballfans ist dieses Stadion vor allem wegen des legendären Halbfinal-Spiels bei der WM 1982 zwischen Deutschland und Frankreich bekannt, welches die Deutschen nach einem 3:3 n.V. mit 8:7 im Elfmeterschießen gewannen. Damals gingen noch fast 70.000 Zuschauer ins Stadion, heute nach mehreren Umbaumaßnahmen offiziell nur noch 42.714.

Warum gibt es auf dem Vereinsmosaik über dem Haupteingang zum Stadion (Titelbild) einen Hinweis, eine Art Logo, zum FC Bayern?

Wahrscheinlich hängt dies damit zusammen, dass es vor über einem Vierteljahrhundert, genau am 28. September 1992, einmal ein Freundschaftsspiel zwischen Sevilla und dem FC Bayern gab. Wenig sportlicher Wert, dafür spielten umso mehr die Emotionen eine große Rolle: Es war das „Präsentationsspiel“ von Diego Armando Maradona („Presentación de Maradona), welcher in der Saison 1992/93 für Sevilla auflief.

Die Vorgeschichte: 18 Monate zuvor, am 17. März 1991, wurde Maradona bei einer Dopingprobe die Einnahme von Kokain nachgewiesen, weswegen Napoli den Vertrag des „Fußballgottes der Stadt“ auflöste. Dieser verließ Italien und reiste nach Argentinien, wo er wenig später aufgrund seines Drogenkonsums verhaftet wurde. Als Konsequenz wurde der 30-Jährige zu 14 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, vom argentinischen Verband für 15 Monate gesperrt und zu einer Entziehungskur verurteilt.

Sein Comeback gab Maradona beim FC Sevilla und als Gegner für seine „Präsentation“ suchten sich die Andalusier doch tatsächlich den FC Bayern aus. Die Bayern selbst steckten zu jener Zeit in einer Krise, die Saison zuvor (1991/92) war die schlechteste der gesamten Bundesliga-Zugehörigkeit des Vereins. Auch die Bayern hatten 1992 einen ähnlich spektakulären Neuzugang (bzw. Rückkehrer) wie Sevilla zu vermelden. Lothar Matthäus kam nach vier Jahren Inter zurück an die Isar, auch wenn der eigentliche Grund kein schöner war: Nach einer schweren Knieverletzung war er in Italien auf das Abstellgleis gekommen.

Hier das Video zum kompletten Spiel http://playsfc.com/partidos/sfc/9293/amis-9293/sevilla-bayern

Der FCB reiste damals – trotz vieler Probleme – als Tabellenführer zu diesem Freundschaftsspiel. Dass die Spanier in jener Zeit aber jede Partie gegen einen Bundesligisten als Prestigekick ansahen, dokumentierten nicht nur die permanenten Hinweise der TV-Kommentatoren auf den „Tabellenführer der Bundesliga“. Auch auf dem Rasen ging es für ein Freundschaftsspiel heiß her. Die Bayern gingen früh durch ein sensationelles Freistoßtor von Olaf Thon in Führung und es gab für ein Freundschaftsspiel außergewöhnlich viele gelbe Karten – u.a. für Matthäus, weil dieser einen Freistoß aus bester Distanz nicht ausführen wollte, weil Sevillas Spieler keine fünf Meter vom Ball entfernt lauerten … Wie zur damaligen Zeit üblich pfiffen bei solchen Spielen meist einheimische Schiedsrichter und das wenig neutral: Nach einem Platzverweis für Bruno Labbadia noch in der ersten Halbzeit verlor der FC Bayern letztendlich mit 1:3 (1:0). Nach dem Spiel wurde Maradona trotz mäßiger Leistung umjubelt. An seiner Seite übrigens ein 22-jähriger Landsmann: Diego Simeone.

Das Estadio Ramón Sánchez Pizjuán war bei jenem Freundschaftskick zwar nur schwach besetzt, trotzdem war die Stimmung sehr emotional. Wer sich als Bayernfan vor dem Hinspiel in Sevilla in eine gute Stimmung versetzen will, sollte eigentlich diesen Fußballtrip zu einem mehrtägigen Sightseeing Trip ausdehnen. Sevilla ist – vor allem aufgrund seiner Architektur aus der maurischen Zeit – eine herausragend schöne Stadt. Das CL-Spiel liegt zwischen den beiden großen Festivitäten der Stadt: Der Semana Santa mit ihren beeindruckenden Umzügen, welche am Ostersonntag endet, und der Féria de Abril, die zwei Wochen später beginnt.

PS: Auch wenn Jupp Heynckes die spanische Liga sicher besser als ich kennt und das nicht hören möchte: Der FC Bayern geht als klarer Favorit in dieses CL VF Duell! 😉

 

Foto: Danke an Christian Haas

 

 

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6 Kommentare zu „Champions League Viertelfinale FC Bayern gegen FC Sevilla – alles Wissenswerte zum Duell“

  1. Richtig gut, das war wieder mal (fast) eine Doktorarbeit.
    Was für, und vor allem wo du diese Schmankerl immer wieder ausgräbst, das ist jedesmal aufs Neue faszinierend! 😘😜

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