Kurt Landauer Stiftung e.V. – ein großartiges FC Bayern Fanprojekt

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Vor einer Woche, am 20. Dezember 2017, fand in der Karlstraße 50 in München (in den Räumen der Initiativgruppe e.V.) als offizieller Start der Stiftung die Vorstellung des Projekts statt. Es waren zahlreiche Ehrengäste anwesend – u.a. Uli Hoeneß, Kalle Rummenigge, Willi O. Hoffmann und Jan-Christian-Dreesen vom FC Bayern, aber auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, und Uri Siegel, Kurt Landauers Neffe. Nachdem  am selben Tag der Pokalschlager gegen Borussia Dortmund in der Allianz Arena stattfand , welcher fast die gesamte Aufmerksamkeit eines Großteils der Bayernfans auf sich zog, und weil es bei diesem Projekt vor allem um Nachhaltigkeit geht, habe ich mich entschlossen, diesen Beitrag erst nach Weihnachten zu veröffentlichen, damit das Stiftungsprojekt die verdiente Aufmerksamkeit erlangt.

Wer war Kurt Landauer?

Sollte es tatsächlich noch Petersgradmesser-Leser und/oder Bayernfans geben, die mit dem Namen nicht allzu viel anfangen können, eine kurze Zusammenfassung:

Kurt Landauer ist der erste Ehrenvorsitzende bzw. Ehrenpräsident des FC Bayern (dokumentiert in der Festschrift zum 25-jährigen Vereinsjubiläum im Juni 1925). Er war viermal Präsident des FC Bayern im Zeitraum von 1913 bis 1951 und seine insgesamt 18-jährige Präsidentschaft wurde bis heute von keinem Nachfolger übertroffen. Landauer war ein Fußballpionier und Vordenker, er war der Präsident, als die Bayern im Juni 1932 zum ersten Mal die deutsche Meisterschaft geholt haben. Als Jude dankte er jedoch schon neun Monate später im März 1933 „zum Wohle des Vereins“ als Präsident ab. Sein treuer Freund und Weggefährte Siggi Herrmann folgte ihm als Vereinspräsident und führte den Verein in dieser Zeit in seinem Sinn weiter. Landauer selbst konnte in jener Zeit noch aus dem Hintergrund das Vereinsgeschehen mitgestalten. Nach der Reichspogromnacht (9./10. November 1938) war er für vier Wochen im KZ Dachau interniert. Er musste den jüdischen Zusatznamen „Israel“ annehmen und konnte im letzten Moment im Mai 1939 in die Schweiz fliehen, während vier seiner Geschwister in den Folgejahren von den Nazis ermordet wurden. Dass ihn die Spieler des FC Bayern auch im Schweizer Exil nicht vergessen haben, zeigte ein Testspiel am 7. November 1943 zwischen einer Schweizer Auswahl und dem FC Bayern in Zürich. Trotz Androhung von strengsten Strafen bei Kontaktaufnahme und der Anwesenheit der Gestapo grüßte nach dem Spiel zumindest ein Teil der Bayernspieler ihren Expräsidenten. 1947 kehrte Landauer nach München zurück und wurde zum vierten Mal (August 1947 bis zu seiner Abwahl im April 1951) Bayernpräsident. Legendär sein Satz „Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen und sind untrennbar voneinander“.

 

Wer steckt hinter diesem Projekt?

Die sieben Stiftungs-Gründungsmitglieder stammen laut Simon Müller „aus den verschiedensten Ecken des Stadions und haben die unterschiedlichsten Hintergründe. Uns vereint die Begeisterung für Kurt Landauer, seine Werte und den FC Bayern als Verein, für den er den Grundstein gelegt hat.“ Es ist aber natürlich ein offenes Geheimnis, dass die Hauptinitiative für die Stiftung von der „Schickeria“, der führenden Ultra-Gruppierung des FCB, ausging. Das Preisgeld für den Julius- Hirsch-Preis ( https://de.wikipedia.org/wiki/Julius-Hirsch-Preis ), welchen die Schickeria 2014 für Ihr Engagement zur Erinnerung an das Lebenswerk Kurt Landauers vom DFB verliehen bekommen hatte, war letztendlich die Initialzündung für das Stiftungsprojekt und floss auch in das Stiftungsvermögen ein.

Auf der Stiftungs-Website steht weiter: „Wir haben uns die Wiederentdeckung von Kurt Landauer zum Anlass genommen, der Erinnerung an ihn und sozialem Engagement im Sinne seiner Werte in Form eines Vereins einen Rahmen zu geben.“

Der Verein „Kurt Landauer Stiftung e.V.“ hat das Ziel, durch seine Aktivitäten an den ehemaligen Präsidenten des FC Bayern München, Kurt Landauer, an seine Geschichte und die von ihm vertretenen Werte wie auch an weitere Persönlichkeiten und Ereignisse aus der Historie des FC Bayern München zu erinnern.

Insbesondere sollen Projekte im Sinne einer weltoffenen, fortschrittlichen, liberalen und antirassistischen Gesellschaft und eines friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens aller Menschen unabhängig von ihrer Nationalität, Staatsangehörigkeit, ethnischen und kulturellen Herkunft gefördert werden.“

 

Ziele und Projektideen der Kurt Landauer Stiftung

Laut Vereinssatzung ist der Vereinszweck „die selbstlose Organisation und Durchführung sozialer Projekte in den Bereichen Unterstützung hilfsbedürftiger Personen, die Förderung der Hilfe für politisch, rassistisch oder religiös Verfolgte und für Flüchtlinge und Förderung des Andenkens an Verfolgte.“

Auf einer Vorabinformations-Veranstaltung für einen kleinen Kreis von Journalisten und FCB-Bloggern einen Tag vor der offiziellen Gründungsveranstaltung teilten Michael Linninger und Simon Müller mit, dass es bereits einen großen Pool an Projektideen gäbe, man aber jederzeit offen für weitere – auch von außen herangetragene – wäre.

Auf der Stiftungs-Homepage werden bereits einige genannt:

  • Pflege der Gräber von Personen, die sich um den FC Bayern München verdient gemacht haben, und Erinnerung an diese Personen
  • Unterstützung unschuldig in Not geratener Personen, insbesondere Mitgliedern und ehemaligen Mitgliedern des FC Bayern München, auf finanzielle und ideelle Art und Weise
  • Organisatorische und finanzielle Unterstützung von Jugendlichen in interkulturellen Fußballmannschaften unter anderem im Rahmen von buntkicktgut – Initiativgruppe e.V.
  • Begegnungen von Geflüchteten und jugendlichen Bayernfans bei gemeinsamen Stadionbesuchen
  • Durchführung von historische Stadtführungen zum Thema Nationalsozialismus zur Förderung des Kulturaustausches mit Jugendlichen, z.B. von buntkicktgut und deren internationalen Partnerorganisationen
  • Erinnerungsarbeit für das Andenken an verstorbene Mitglieder des FC Bayern München, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, z.B. Kurt Landauer und seine Familie

Die Initiative war bereits vor der Gründung des Stiftungsvereins mit einigen Projekten aktiv, ohne dass dies bislang an die Öffentlichkeit gelangte: Z.B. mit der Unterstützung des Projekts „Erinnerung vereint“ des Münchner Fanprojekts und des NS-Dokumentationszentrums, das unter anderem Studienfahrten für Bayern-Fans nach Auschwitz organisiert.

Außerdem fand im Oktober im Olympiastadion, „dem alten Wohnzimmer des FCB“, ein Fußballspiel gegen eine Auswahl der interkulturellen Straßenfußball-Liga „Bunt kickt gut“ statt, bei dem eine Spende von 1900 Euro übergeben wurde. 1900 – das Gründungsjahr des FC Bayern.

Zudem übernahmen die Vereinsmitglieder vor einiger Zeit die Pflege des Landauer Grabs auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Freimann von Uri Siegel.

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Erstes „Großprojekt“ der Stiftung

Auf der Homepage ist dazu zu lesen: „Als erste Aktion planen wir, zusammen mit Euch eine Statue von Kurt Landauer auf dem Vereinsgelände an der Säbener Straße zu verwirklichen, an dem Ort in München-Harlaching, der allein durch den Einsatz von Kurt Landauer im Jahr 1949 zur Heimat unseres Vereins wurde. Wir wollen, dass Kurt Landauer auf sein Lebenswerk blickt, im übertragenen Sinn auf seinen, auf unseren Verein mit seiner großen Historie, sowie auf das Vereinsgelände selbst mit allem, was es repräsentiert. Er soll in weltmännischer Gelassenheit den Spielern beim Training zuschauen, die das Trikot tragen, an dessen Glanz er erheblichen Anteil hat. All die Fans, die wegen unserem Verein an die Säbener kommen, sollen durch die Statue angeregt werden, sich mit unserer Geschichte in allen Facetten auseinanderzusetzen.“

Als Hintergrundinformation würde ich hierzu gerne Dietrich Schulze-Marmeling in seinem neuen „Monumentalwerk“ Die Bayern Chronik, hier im Band I auf der Seite 209 zur Situation im Jahr 1949 zitieren:

„Seine (eigene Anm.: Landauers) Reputation und sein Verhandlungsgeschick sicherten dem FCB die Trainingsplätze an der Säbener Straße . Über diese Fläche war ein Streit ausgebrochen, nachdem die amerikanische Militärverwaltung eine Beschlagnahmung angekündigt hatte. Landauer warf der Stadt München Untätigkeit vor. Die Stadtverwaltung verteidigte sich mit dem Hinweis, ihr Beamter sei vom zuständigen amerikanischen Offizier dreimal hinausgeworfen worden. Landauers Antwort: „Wenn man etwas erreichen will, muss man oft gehen…“ – und zwar zu den Entscheidungsträgern in der US Army, was er dann auch persönlich tat. Die Beharrlichkeit des Präsidenten und seine große Reputation sicherten seinem Verein die weitere Nutzung des Areals.“

Oft werden als Meilensteine des FCB auf dem Weg zum Weltverein die grandiose Mittelachse Maier – Beckenbauer – Müller, aber auch der Bau des Olympiastadions und die Übernahme des Managerpostens im Verein 1979 durch Uli Hoeneß genannt. Neben einigen anderen weiteren Meilensteinen in der Vereinshistorie gehörte der „Landauer-Coup“ von 1949 ganz sicher auch dazu. Folglich hat er sich diese Statue, auch über 56 Jahre nach seinem Tod, mehr als verdient.

 

Spendenaufruf bis zum 27. Februar 2018

Auf der Stiftungs-Homepage ist zu lesen:

„Wir stehen bereits mit renommierten Künstlern in Kontakt und werden bald die ersten Entwürfe präsentieren. Für die Errichtung der Kurt Landauer-Statue veranschlagen wir aufgrund der Einschätzung der involvierten Künstler nach aktuellem Stand einen hohen fünfstelligen Betrag. Wir hoffen, die Finanzierung der Statue mit Eurer Hilfe bis zum Vereinsjubiläum am 27. Februar 2018 durch Spenden zu realisieren und die Statue im Sommer 2018 aufstellen zu können. Wir werden Euch auf unserer Homepage sowie auf unserer Facebookseite über den Stand der Spendenkampagne auf dem Laufenden halten. Unterstützt uns, in dem Ihr Euch an der Spendenkampagne beteiligt und in Eurem Bekanntenkreis von unserer Idee erzählt und sie verbreitet.“

Auf der Veranstaltung am letzten Mittwoch hat Karl-Heinz Rummenigge im Namen von Vorstand und Präsidium die Errichtung der Kurt Landauer-Statue zugesagt. Als Datum wird wohl der 28. Juli 2018, der (134.) Geburtstag Landauers angestrebt.

 

Partnerschaften

Dass die Stiftung neben anderen Partnerinitiativen auch den Verein selbst mit ins Boot nimmt, zeigt der § 17 „Vermögensanfall“ der Vereinssatzung:

„Bei Auflösung des Vereins oder bei Wegfall steuerbegünstigter Zwecke ist das Vereinsvermögen auf die steuerbegünstigte Körperschaft FC Bayern Hilfe e.V. zu überführen, die es unmittelbar und ausschließlich für gemeinnützige oder mildtätige Zwecke zu verwenden hat.“

 

 

Ich möchte diesem großartigen bzw. „einzigartigem“ (Dirk Kämper, Drehbuchautor Landauer-Film) Projekt aus der Mitte der Bayernfans alles Gute und bestes Gelingen wünschen und hoffe, dass sich möglichst viele Anhänger des Vereins auf verschiedene Art und Weise beteiligen werden.

 

Zu guter Letzt möchte ich noch auf einige Seiten und Beiträge hinweisen:

http://www.kurt-landauer-stiftung.de/

https://www.facebook.com/search/top/?q=kurt%20landauer%20stiftung%20e.v.

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/fc-bayern-muenchen-fussballfans-gruenden-kurt-landauer-stiftung-1.3800120

http://miasanrot.de/kurt-landauer-stiftung/

http://www.zeit.de/2003/23/Sport_2flandauer

(Dieser ZEIT ONLINE Artikel hat im Grunde genommen die „Wiederentdeckung“ Kurt Landauers bewirkt)

Buchtipp: https://www.dtv.de/buch/dirk-kaemper-kurt-landauer-605567/

 

„Kurt-Landauer-Street-Art“ 😉  unweit seines Geburtsortes (Landauer wurde am 28. Juli 1884 in Planegg geboren)

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3 Kommentare zu „Kurt Landauer Stiftung e.V. – ein großartiges FC Bayern Fanprojekt“

  1. Sehr informatives Interview der ZEIT mit Simon Müller von der Schickeria über die Kurt-Landauer-Stiftung

    „Tatsächlich fühlt sich die Stiftungsarbeit anders an als unser Kurvenleben. Doch es geht um die gemeinsamen Ziele, gegen Rassismus und Antisemitismus in unserer Gesellschaft vorzugehen. Das steht über den Befindlichkeiten, die es zwischen Vereinsführung und Ultras normalerweise gibt.“

    „Wir wollen Landauers Ideale, Weltoffenheit und Toleranz vor allem den jungen Fans vorleben. Und ich glaube, wir haben das Kurvenklima nachhaltig verändert: Bevor es die Schickeria gab, war die Fanszene rechtem Lifestyle deutlich offener gegenüber.“

    http://www.zeit.de/amp/sport/2018-01/kurt-landauer-stiftung-ultras-fc-bayern-muenchen-gruendung

    Unbedingt lesen!

  2. Ein schöner Kontrapunkt. „Ausgerechnet“ vom FC Bayern. Fußball ist eben mehr als nur Kommerzialisierung. Sondern auch gelebte Erinnerungskultur.

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