FC Bayern Historie – die Münchner in Ostdeutschland

FCB - Dresden 24.10.73
Heute Abend spielt der FCB im absoluten Topspiel der 2. Runde des DFB-Pokals bei RB Leipzig. Man könnte das heutige Duell als den ersten absolutem „Pokal-Kracher“ zwischen Ost- und Westdeutschland seit dem Mauerfall bezeichnen. Denn bis zum – umstrittenen – Auftauchen des heutigen Gegners ist der ostdeutsche Fußball nach der Wiedervereinigung mehr oder weniger in der Zweitklassigkeit verschwunden.

Dagegen gab es am 24. Oktober 1973, gestern vor satten 44(!) Jahren, ein denkwürdiges Spiel zwischen dem BRD- Meister FC Bayern und dem damaligen DDR-Meister Dynamo Dresden in der 2. Runde des Europapokals der Landesmeister – ein absoluter Klassiker in der Europapokalgeschichte des FCB.

Zu diesem Bruderkampf Ost gegen West, Sozialismus gegen Kapitalismus, gibt es sehr viele Geschichten und Anekdoten. Ich möchte hier aber auf eine etwas unbekanntere aufmerksam machen. Es geht um das Thema „Topspiel-Zuschlag“, welches auch heute noch ein heißes Thema ist:

Der damalige Bayern- und Beckenbauer-Manager Robert Schwan hatte zu dem Los gemeint: „Diese Dynamo-Elf ist kein Gegner: Wenn wir durch sie aus dem Pokal rausfliegen, wandere ich in die DDR aus.“

Im Gegenzug aber erhöhte er für das Hinspiel in München erst einmal die Preise: 52 Mark für einen Tribünenplatz, 35 Mark für einen unüberdachten Sitzplatz. Die Bayern-Fans, in der Bundesliga nicht gerade verwöhnt (u.a. eine 4:7-Niederlage in Kaiserslautern 4 Tage zuvor), quittierten diese Maßnahme auf ihre Weise. Das Olympiastadion war mit 50.000 Zuschauern nicht ansatzweise ausverkauft!!

Die Bayern eliminierten übrigens den DDR-Meister in zwei hochdramatischen Spielen mit 4:3 und 3:3: Im Hinspiel in München wechselte die Führung hin und her und im Rückspiel (Live im TV, damals eine Rarität!) mussten die Bayern trotz einer 2:0-Führung kräftig zittern. Für diese war damals der fantastisch aufspielende Uli Hoeneß im wahrsten Sinne des Wortes im Alleingang zuständig – zwei seiner sehenswerten Einzelaktionen schloss er mit einem Tor ab. Kurz nach der Halbzeit hatten die Dresdner jedoch das Spiel komplett gedreht und gingen ihrerseits mit 3:2 in Führung, was nach der Europapokal-Arithmetik zum Weiterkommen gereicht hätte. Der unnachahmliche Gerd Müller erlöste jedoch die Bayern mit seinem Ausgleichtreffer nur zwei Minuten nach der Führung des DDR-Meisters.

Schwan musste nicht in die DDR auswandern und Bayern gewann am Ende der Saison zum ersten Mal den Europapokal der Landesmeister.

Eine interessante Parallele des heutigen Spiels zu dem vor 44 Jahren: Auch heute verweigert ein Teil der Anhängerschaft des Vereins den Support. Waren 1973 die überteuerten Plätze der Grund, boykottiert 2017 ein Teil der „aktiven Fanszene“, allen voran die Ultra-Gruppierung „Schickeria“, das Spiel, weil man gegen das „Kommerz-Konstrukt“ Red Bull protestiert.

Fußball und die Kommerzialisierung – ein ewiges Thema!

Auf dem Foto ist übrigens der damalige Bayern-Verteidiger Johnny Hansen beim Zweikampf im Hinspiel zu sehen.

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7 Kommentare zu „FC Bayern Historie – die Münchner in Ostdeutschland“

  1. Die Preise waren damals horrend, wie du richtig rausstellst. Bayern brauchte damals das Geld um die teure Mannschaft zusammenzuhalten. Aber bei dem Spiel war die Grenze der Belastbarkeit des Publikums überschritten.

    Ich war trotzdem draussen, und ehrlich, Bayern hat eher glücklich gewonnen. Ganz große Partie damals von einen Dresdner namens Ganzera. Gute Erinnerung auch an die beiden Kontertore von Hoeness in Dresden.

    Bei den Dresdnern fehlte damals DDR-Superstar Kreische. Die Spiele hätten auch anders ausgehen können – und damit wohl auch die Geschichte der Bayern.

    1. Es ist aber natürlich skurril, wenn Robert Schwan die Dresdner als Gegner abwertet („kein Gegner“) und dann die Preise derart hochgezogen werden. Es würde mich nicht wundern, wenn dafür auch Schwan hauptverantwortlich gewesen wäre (wohl zusammen mit Neudecker).

      Für ein Abendspiel im Stadion war ich damals noch viel zu klein. Das Spiel in München wurde zudem in meiner Erinnerung nur im Radio übertragen, während das Rückspiel live im TV kam. An dieses Spiel kann ich mich noch bestens erinnern: als die 2:0-Führung verspielt worden war und Dresden 3:2 in Führung gegangen war, habe ich mich unter mein Bett verzogen — glücklicherweise hat mich Müllers 3:3 sehr schnell wieder hervorgeholt 😉

      Natürlich hätte nach diesen beiden Spielen, in welchen die (Gesamt-)Führung immer wieder gewechselt hat, auch Dynamo weiterkommen können (Im Rückspiel hätte Bayern aber auch nach einer halben Stunde durch vier(!) Hoeneß-Tore mit 4:0 führen können). Bayern hätte aber auch schon in der ersten Runde gegen Atvidaberg FF rausfliegen können … Es gibt wohl unzählige solcher Fußballgeschichten! 😉

      Hab mir mal die Dynamo-Aufstellung von damals angeschaut: u.a. Dixie Dörner – gegen den habe ich gut 20 Jahre später selbst gekickt 😉

      1. »Das Spiel in München wurde zudem in meiner Erinnerung nur im Radio übertragen …«

        Das war damals immer die Abwägung bei Bayern: Sind die kolportierten DM 200.000 vom Fernsehen mehr Wert als die Zuschauer die ausbleiben könnten. 200.000 waren damals immens. Es existieren ja keine Fernsehaufnahmen vom berühmten „Büchsenwurfspiel“ (Borussia M’Gladbach- Inter Mailand 7:1) weil dem Fernsehen damals die von den Bökelbergern geforderten DM 50.000 zuviel waren.

        Es heißt ja auch, dass die Bayern damals bei Europacup-Auswärtspielen immer auf Unentschieden gespielt haben um das Interesse für das Rückspiel wach zu halten.

  2. Super Artikel!!

    Ein „legendäres“ Aufeinandertreffen gab es aber schon nach dem Mauerfall: die Niederlage beim 1. FC Magdeburg in der zweiten Pokalrunde 2000/01. Zumindest von den Namen her ein echter Klassiker, immerhin ist/war Magdeburg der einzige Europapokalsieger der DDR.

    1. Danke!

      Ein legendäres Aufeinandertreffen mit Magdeburg gabs ja auch schon in der 2. Runde des Landesmeistercups 1974/75.

      Eigentlich sollte genau diese Partei schon zu den Terminen der 1. Runde des EC stattfinden, nämlich als europäischer Supercup.

      Die UEFA hat dafür beiden Vereinen ein Freilos für die erste Runde gegeben, aber DDR-Fußball-Funktionäre haben das dann verhindert.

      Ironie des Schicksals, dass die Partie dann wenige Wochen später doch stattfand: 3:2 in München (nach 0:2-Rückstand) und 2:1 in Magdeburg. 😉

  3. Wahnsinn! Herrrrausrrragendddd!

    Das ist Fußball!!!

    Tradition – Historie etc.

    Wie kommst du immer wieder auf solche Geschichten???

    Mit Abstand die beste FCB-Seite im Netz … mit großem Abstand!

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