Der Ausfall von Manuel Neuer und seine Konsequenzen

 

Neuer segelt

Nachdem sich die Trainingsverletzung des Bayernkapitäns und vierfachen Welttorhüters in den Medien und Sozialen Netzen schon am Montagnachmittag wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, konnte man gestern auf der Homepage des FC Bayern folgende Mitteilung lesen:

Manuel Neuer (31) hat sich gestern im Training einen erneuten Haarriss im linken Mittelfuß zugezogen. Nach entsprechender Diagnostik am Montagnachmittag wurde der Bayern-Kapitän am heutigen Dienstag in der Früh von Univ.-Prof. Dr. Ulrich Stöckle in Tübingen operiert. Dabei wurde ihm eine Platte eingesetzt.

Karl-Heinz Rummenigge: „Dass Manuel Neuer sich erneut eine Verletzung zugezogen hat, tut uns wahnsinnig leid für ihn. Die Operation ist optimal verlaufen und das ist jetzt das Wichtigste. Wir sehen jetzt gemeinsam mit unserem Kapitän nach vorne. Manuel wird uns im Januar in alter Stärke wieder zur Verfügung stehen.“

Zunächst ist diese Verletzung mit all ihren Folgen auf alle Fälle sehr bitter für Manuel Neuer selbst. Meldete er sich doch erst kürzlich nach über vier Monaten Pause wegen derselben Verletzung, welche er sich im CL-Viertelfinalspiel in Madrid zugezogen hatte, in überragender Manier im Bayerntor zurück.

Welche Konsequenzen hat aber diese Verletzungspause für den Verein? Ich möchte dabei bewusst Schreckensszenarien bezüglich einer noch längeren Ausfallzeit außen vor lassen, die zusätzlich im Netz kursieren.

Ich behaupte jedenfalls, dass Manuel Neuer, nicht erst seit seiner Ernennung zum Mannschaftskapitän nach Philipp Lahms Karriereende, für den FCB wichtiger als ein Cristiano Ronaldo für Real Madrid und mindestens so wichtig wie Messi für Barcelona ist. Welches mediales Echo ein ähnlich langer Ausfall dieser Superstars auslösen würde, wollen wir uns gar nicht vorstellen – dagegen ist Manuel Neuer „nur“ Torhüter, wenn auch der wohl beste der Fußballgeschichte.

Neuer ist dabei nicht nur der beste und kompletteste Torhüter, sondern ganz sicher in seiner Interpretation der Torwartposition ein Trendsetter. Während die Bayernfans bei seinem ebenfalls großartigen Vorgänger Oliver Kahn nicht selten froh waren, wenn dieser das Spielgerät „unfallfrei“ aus der Gefahrenzone des eigenen Strafraums schaffen konnte, fungiert Manuel Neuer im Aufbauspiel der Bayern als 11. Feldspieler. Während früher die Torhüter beim Spielaufbau von hinten immer die Absicherung des eigenen Tores im Fokus hatten, bietet sich Neuer als Anspielstation im und außerhalb des eigenen Strafraums an. Dazu bedarf es übrigens eines großen wechselseitigen Vertrauens zwischen ihm und seinen Mitspielern. Ein Fehl- oder falsch getimter Pass eines Feldspielers würde wegen des verwaisten Bayerntores unmittelbar zu einer 100%igen Torchance des Gegners führen. Die Art und Weise, wie Neuer teilweise von seinen Mitspielern in schwierigen Situationen, selbst auf der eigenen Torlinie, angespielt wird, dokumentiert überdies das große Vertrauen in seine eigenen fußballerischen Fähigkeiten und in seine Spielübersicht.

Wie Neuer in höchster Bedrängnis beidfüßig schwierigste Anspiele erfolgreich umsetzt, sollte selbst unter den Weltklassetorhütern einmalig sein. Der Barca-Torhüter ter Stegen wird häufig für seine glänzenden fußballerischen Fähigkeiten gelobt, von welchen sogar einige Experten behaupten, dass diese besser als die von Neuer wären. Ich persönlich habe ter Stegen in München zweimal Weltklasse halten sehen (2012 noch als Gladbacher Borusse, 2015 im CL-HF für Barca), von den fußballerischen Fähigkeiten und der Spielübersicht eines Manuel Neuer war er aber jeweils meilenweit entfernt. Über ter Stegens diesbezügliche Faux-Pas in der deutschen Nationalmannschaft muss man wohl gar nicht sprechen.

Neuer fungiert im Spielaufbau der Bayern, aber auch der Nationalmannschaft, als 11. Feldspieler – nicht selten gilt dies aber auch – abhängig von der Spielweise des Gegners – für die Defensive:  Als Libero weit vor seinem eigenen Strafraum. Seine spektakulärste Leistung in dieser „Disziplin“ lieferte er im WM-Achtelfinale gegen Algerien ab. Neuer klärte nahezu jede Konteraktion der Algerier bei weiten Ausflügen in alle Ecken und Winkel der deutschen Spielhälfte.

Nicht in der Häufigkeit, aber sehr regelmäßig, kann man solche Ausflüge in Bundesliga oder bei CL-Spielen der Bayern bewundern. Fast immer klärt Neuer dabei technisch perfekt und souverän, nicht selten leitet er dabei sogar eigene Angriffe ein. Auch wenn wohl fast jeder darauf wartet, dass er einmal bei einem dieser riskanten Manöver zu spät kommt und wegen einer Notbremse vom Platz geschickt wird, ist ihm dieses Missgeschick bislang noch nie passiert. Wie häufig dagegen seinen BL- und internationalen Kollegen.

Manuel Neuer ist aber nicht nur wegen dieser nahezu revolutionären Spielweise der weltbeste Torhüter, er ist auch in seiner eigentlichen Kernkompetenz, dem Torverhindern, ein Gigant. Auch hier hat er – oder vielleicht waren es auch seine Torwarttrainer – neue Trends gesetzt. Als ich ihn im Sommer 2011 zum ersten Mal im Bayerntrikot vor dem Spiel gegen Gladbach beim Aufwärmtraining beobachtet habe, sind mir Übungen aufgefallen, die ich zuvor noch nie von einem (Bayern-)Torhüter gesehen habe: Er ließ sich zum Testen seiner Reflexe wie ein Handballtorhüter aus kürzester Distanz vom Torwarttrainer nahezu abschießen. Mittlerweile gehört diese Übung zum Standardprogramm fast aller BL-Keeper. Neuers Erfolgsgeheimnis ist wohl auch seine Intelligenz – Spielintelligenz und die Gedanken außerhalb des Rasens, wie man die Leistung optimieren kann.

Übrigens wird die „Neuer´sche Interpretation des Torwartspiels“ mittlerweile in allen Jugendmannschaften des FCB umgesetzt. Sollte sich aus dieser Torwartschule einmal ein Nachfolger Neuers herauskristallisieren (Früchtl?!), dann hätte der damit keine Anpassungsschwierigkeiten.

Womit wir bei den derzeitigen Folgen des Ausfalls von Neuer für den FC Bayern wären. Die ganz großen Sorgen hat bei mir persönlich gestern Abend Sven Ulreich mit einer sehr starken Leistung auf Schalke beseitigt. Trotzdem wird der 29-jährige Ersatzkeeper des FCB niemals in die übergroßen Fußstapfen des Welttorhüters treten können – kein aktueller Torhüter kann das. Ulreich fühlt sich mit dem Ball am Fuß sichtbar unwohler als Neuer und manche Zuspiele seiner Mitspieler haben ihn in der Vergangenheit schlichtweg überfordert. Dennoch bin ich – im Gegensatz zum Ende der vergangenen Saison – nun der Meinung, dass Bayern mit Ulreich einen erstklassigen und nicht nur mittelmäßigen Bundesliga-Torhüter zwischen den Pfosten stehen hat.

Ulreichs erste ganz große Nagelprobe wird das CL-Spiel in der nächsten Woche in Paris sein. Aber egal, wie gut er dort – hoffentlich – hält: Wenn der FC Bayern diese Saison – für viele wider Erwarten – doch wieder nach dem Henkelpott greifen will, dann benötigt er in der entscheidenden Phase seinen Welttorhüter. Und dass dies in der Rückrunde überhaupt noch möglich sein wird, dazu sollte Sven Ulreich nun einen wichtigen Beitrag leisten. Ich bin optimistisch, dass er das kann!

 

Gute Besserung, Manu!!

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12 Kommentare zu „Der Ausfall von Manuel Neuer und seine Konsequenzen“

  1. „Manu ist Manu“! 👍💪

    Jerome Boateng hofft auf eine WM-Teilnahme des weltbesten Torhüters

    „Manuel ist der beste Torhüter der Welt. Die anderen sind auch sehr gut, Marc-André ter Stegen hat sich super entwickelt, aber Manu hat eine andere Ausstrahlung als jeder andere….Das ist überhaupt keine Abwertung der anderen, aber Manu ist eben Manu.“

    Jerome bringt es auf den Punkt 👏👏

    http://www.kicker.de/news/fussball/nationalelf/724563/artikel_boateng_neuer-hat-eine-andere-ausstrahlung.html

  2. Musste diesen Petersgradmesser-Beitrag herauskramen.

    Ein wie immer ausgezeichneter Artikel … leider mit fast schon hellseherischen Zügen … unfassbar!

  3. Jetzt hat Bayern leider wirklich ein gewaltiges Torwart-Problem

    Konnte man Ulreichs aberwitzigen Patzer gegen Wolfsburg noch als – sich hoffentlich nicht wiederholenden – Lapsus bezeichnen, musste man gestern in Paris leider feststellen, wie sehr der Welttorhüter fehlt.
    Die ganze Dimension dieses Problems zeigte sich gestern in der ersten halben Stunde des CL-Spiels in Paris: Hätte Bayern mit einem Manuel Neuer in „Normalform“ und PSG mit dem gestrigen Sven Ulreich im Tor gespielt, dann hätten die Bayern nach gut einer halben Stunde nicht mit 0:2 zurück gelegen, sondern absolut verdient mit 1:0 geführt. Ich gehe da mit Lothar Matthäus absolut konform.
    Zudem scheint Ulreich bei gewissen Situationen bzw. Schüssen einen „Systemfehler“ zu haben: Der Lapsus beim Wolfsburger 1:2 war nur der traurige Höhepunkte einer Reihe von ähnlichen „Systemfehlern“: Auch im April beim 0:1 in Hoffenheim hatte er beim Übergreifen schlichtweg daneben gelangt, gestern bei Cavanis 2:0 passierte es leider schon wieder.
    Auf diesem Niveau muss man solche Bälle halten – kein KANN, sondern ein MUSS.
    Natürlich hat es gestern dann letztendlich an vielen anderen Dingen auch gelegen, aber wie läuft das Spiel weiter, wenn man mit 1:0 anstelle von 0:2 in die Pause geht?
    Bis zur Winterpause und der dann hoffentlich stattfindenden Rückkehr von Manuel Neuer kann die Torwartlösung des FCB nur Tom Starke heißen. So leid es mir um den Menschen Sven Ulreich tut: Aber als Fußballer, speziell als Torwart, hast du manchmal nur einmal eine wirklich große Chance, um Karriere zu machen – dann musst du genau im richtigen Moment deine beste Leistung bringen. Bei Ulreich ist dies gewaltig in die Hose gegangen, viellicht fehlt ihm aber ganz simpel nur die dazu nötige Klasse.

    PS: Zu Ulreichs „Systemfehler“: Dieser passierte bislang fast ausschließlich bei Flutlichtspielen. Vielleicht sollte er diesbzgl. seine Augen überprüfen lassen, vlt. benötigt er für solche Bedingungen eine Brille bzw. natürlich Kontaktlinsen – das ist jetzt absolut ernst gemeint und von eigenen Erfahrungen abgeleitet.

  4. Oje oje oje…

    Die Thematik dieses Beitrags hat eine fast dramatische Aktualität bekommen.

    Ich dachte eigentlich, dass ich heute früh hier schon 50 Kommentare lesen kann. Das „hohe Lied“ auf Manu wird in diesem hervorragenden Artikel zurecht gesungen, die Möglichkeiten des Sven Ulreich sollten aber nun leider überdacht werden.

    Hoffentlich kann Tom Starke bis zur Winterpause rettend einwirken.

    GÜNO, man hört nichts von dir? 😉

  5. Ulreich ist ja auch kein Sontags Kicker. Ich denke das er uns durchaus durch die 1 Hälfte der Saisong bringen kann.

  6. Sven Ulreich braucht vor allem Vertrauen in seine Fähigkeiten. Also nicht nur Selbstvertrauen, sondern „Vorschußlorbeeren“ von seinen Mitspielern und auch von uns, den Fans. Dann kann er seine Fähigkeiten am besten entfalten.

    Es ist also kontraproduktiv, jetzt zu unken.

    Wir Anhänger sollten ihn eher stärken und über kleine Schwächen hinweg sehen. Warum wir das tun sollten, brauche ich wohl nicht zu erklären.

    Nebenbei: Außerdem wird es Zeit, den überkritischen Blick abzulegen. Ulreich ist ein sehr guter Torwart. Wir sollten ihn aber nicht mit der Elle eines Manuel Neuer messen. Das wäre zutiefst unfair.

    Sven Ulreich stellt sich einer –sozusagen — unerfüllbaren Aufgabe und dies allein erfordert sehr viel Mut!! Mich beeindruckt das. Wenn ich in meiner Arbeitsumgebung Fehler mache, interessiert das höchstens meinen Chef. Meine Fehler werden niemals in einer Zeitung stehen oder auf Video abgebildet sein. Meine Fehler werden auch nie zu wilden Diskussionen führen … Da trage nur ich die Konsequenzen, niemand sonst.

    1. Da gebe ich dir absolut recht, Thomas.

      In deinem Kommentar nimmst du die Sven-Ulreich- Perspektive ein, welche ich absolut nachvollziehen kann.

      Die kommenden Wochen sind übrigens auch für Ulreich eine riesige Chance, sein Potential zu zeigen – und das auch international. Somit hat sich seine Geduld ausbezahlt, denn beim VfB wäre das niemals möglich gewesen.

      Er hat mit 29 Jahren das absolut beste Torwartalter und normalerweise noch wesentlich mehr Jahre als seine Feldspielerkollegen vor sich. Ich denke auch, dass er noch von Bayern weggehen wird, um als Nr. 1 tätig zu sein. Welche Qualität sein neuer Verein haben wird, könnte von den nächsten Monaten abhängig sein.

    2. @ Thomas: Und nun?

      Ulreich ist ganz offensichtlich und leider nur ein maximal mittelmäßiger BL-Torhüter … International fehlt ihm absolut die nötige Klasse (oder er verkrampft).

  7. Der Ausfall unseres Welttorhüters ist natürlich ein Schock und heftiger Verlust.

    Wie du aber richtig schreibst bzw. andeutest, kann man zumindest die Vorrunde mit Sven Ulreich gut überstehen. Und im Frühjahr geht es dann um die Titel.

    Ja, Neuers Leistung und Wert für den Klub wird häufig in den Medien unterschlagen. Er ist so ein bisschen „selbstverständlich“. Und wie das mit dem Selbstverständlichen immer so ist: es fällt meistens erst dann so richtig auf, wenn es fehlt oder wegfällt.

    Ich schließe mich an: Gute Besserung, Manu!!!

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