FC Bayern – Perspektiven der Saison 2017/18

2017_18 FCB Kader

 

Nach einer bekanntermaßen sehr schwierigen Saisonvorbereitung haben die Bayernprofis die ersten vier Pflichtspiele hinter sich, das Transferfenster schließt glücklicherweise in drei Tagen und die erste Länderspielpause hat gerade begonnen. Wo stehen die Bayern aktuell leistungsmäßig, was ist von der Truppe in der zweiten Saison unter Carlo Ancelotti zu erwarten?

Ein kleiner Rückblick

Viele Fußball-Fans blickten vor 14 Monaten mit großer Spannung auf den FC Bayern, welchen das Taktikgenie Pep Guardiola am Ende der Saison 2015/16 verlassen hatte, wobei er aber seinem Nachfolger, dem italienischen Champions League Spezialisten und Moderator Carlo Ancelotti, eine sehr gut funktionierende Mannschaft hinterlassen hatte. Die Bayernfans waren damals mehr oder weniger in „Pro Pep und Anti-Carlo“ und „Anti-Pep und Pro Carlo“ gespalten.

Das Saisonergebnis 2016/17 bestätigte keine der beiden Parteien vollständig. Mit der fünften Meisterschaft in Folge wurde zwar ein neuer Bundesligarekord aufgestellt, aber in der Champions League (Viertelfinale gegen Real Madrid) und im DFB-Pokal (Halbfinale gegen den BVB) scheiterte man jeweils sehr unglücklich. Ob man es nun so ausdrücken soll / kann / darf oder nicht: Spätestens seit 2013 ist das Abschneiden in der Champions League der Gradmesser für den deutschen Rekordmeister und die Meisterschaft wird mehr oder weniger als „selbstverständlich“ hingenommen. Offiziell ist diese Sichtweise zwar verpönt, ich möchte mich hier aber nicht mit Scheinheiligkeiten aufhalten.

Wie schon in den drei Jahren unter seinem Vorgänger Guardiola wäre auch für „Carlos Bayern“ in der Saison-Endabrechnung wesentlich mehr drin gewesen. Nachdem Ancelotti zuvor lange Zeit einige Skeptiker auf den Plan gerufen hatte, die ihm vorwarfen, dass seine Mannschaft nicht mehr die Klasse wie unter Pep hätte, zeigten seine Bayern am 8. April beim 4:1 gegen Dortmund eine tadellose Leistung und machten große Hoffnung, dass das Team zum Saisonhöhepunkt in Höchstform auf Titeljagd gehen würde. Die Vorfreude auf das vier Tage später stattfindende CL-Viertelfinal Hinspiel gegen Real Madrid in der Allianz Arena war auf Münchner Seite riesengroß. Aber schon vor diesem Spiel deutete sich an, wer der mächtigste Wegbegleiter Richtung Saisonfinale sein sollte: Fortuna in Form von „Pech, Pannen, Pleiten“ – allen voran einmal mehr in der Spezialausprägung „Verletzungspech“. Ergebnis bekannt.

Zusätzlich beendeten zum Saisonfinale die Vereinslegende Philipp Lahm und der „Chefstratege“ der vergangenen drei Spielzeiten, Xabi Alonso, ihre aktiven Laufbahnen. Bei aller Emotionalität konnte man diese Schritte als Fan mit einem lachenden und einem weinenden Auge konstatieren: Natürlich verabschiedeten sich zwei absolute Leader des Teams, aber gerade die Rückrunde hat klar verdeutlicht, dass die Physis beider nicht mehr für das allerhöchste Niveau ausgereicht hat.

 

Auf der Suche nach der „Kracher-Verstärkung“

Eine vielleicht etwas missverständliche Äußerung von Uli Hoeneß am Ende der vergangenen Saison ließ nahezu alle in Deutschland tätigen Fußballjournalisten auf die Suche nach einem „Kracher“ i.S.v. „XX-Millionen-Transfer-Verstärkung“ gehen. Eine erschreckend hohe Anzahl an Fußballfans begleitete diese Suche. Obwohl es mit Alexis Sanchez von Arsenal wohl nur einen einzigen Kandidaten gab, auf den dieses Attribut zutreffen hätte können und an dem der Verein selbst auch wirklich Interesse zeigte, wurden täglich neue „Fabelwesen“ als mögliche FCB-Zugänge genannt: Am abenteuerlichsten war wohl eine angeblich mögliche Verpflichtung der Marke CR7, weil diese wegen ihrer Turbulenzen mit der spanischen Justiz auch sehr unzufrieden mit dem eigenen Verein zu sein schien.

Die deutschen Nationalspieler und ConFed Cup-Gewinner Niklas Süle und Sebastian Rudy von der TSG Hoffenheim standen schon lange als Neuzugänge fest. Schließlich kamen als weitere Neuverpflichtungen noch der hierzulande eher unbekannte Corentin „Coco“ Tolisso und James Rodriguez hinzu. Der 21-jährige Franzose Tolisso darf sich ab diesem Sommer mit der Ablösesumme von 41,5 Millionen EURO, die der FCB seinem Ex-Verein Olympique Lyonaise überwiesen hat, als Transferrekord-Spieler der Münchner sehen. Der in Madrid unzufriedene James, Torschützenkönig der WM 2014, spielt die nächsten beiden Spieljahre auf Leihbasis in München – zudem besitzt der FC Bayern eine einseitige Kaufoption. Das finanzielle Risiko bei diesem Deal scheint nicht zu groß.

Apropos „groß“, oder soll man besser sagen „gigantisch“, waren andere Ablösesummen in diesem Sommer: Der Brasilianer Neymar Jr. wechselte für die unappetitlich hoch festgelegte Ausstiegsklausel-Summe von 222 Millionen EURO von Barcelona zu PSG. Das Wechseltheater war einer der negativen „Fußball-Sommerloch-Höhepunkte“: Barcelona, Neymar, der spanische Ligaverband und natürlich PSG spielten dabei alle traurig-schaurige Hauptrollen – viele traditionelle Fußballfans sehen in diesem Wechsel das endgültige Ende der geliebten Volkssportart Fußball. Die Posse Dembélé / BVB / Barcelona folgte auf dem Fuß.

Negative Begleiterscheinung des „Neymar & Co-Wahnsinns“: Nach dem Motto „(vor allem) Geld schießt Tore“ haben viele FCB-Fans „medial ermuntert“ schon wieder Panikattacken erlitten, weil die Leute von der Geschäftsstelle an der Säbener Straße diesen Wahnsinn (noch) nicht mitmachen. Meine kleine Bemerkung hierzu am Rande: Der Bayernfan, der Robert Lewandowski am Samstag bei seinen beiden Toren in Bremen bewundernd zugeschaut hat, sollte doch vergnüglich festgestellt haben, dass mit dem Polen bereits ein Spieler der „Kategorie Neymar“ im Münchner Kader steht – Lewys Ablösesumme vor drei Jahren: Satte Null EURO!! 😉

 

Saisonperspektive

Wenn man den aktuellen Kader mit dem der letzten Saison vergleicht, kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass er keineswegs schwächer geworden ist, obwohl man durch die Karriereenden von Lahm und Alonso Routine und vielleicht auch etwas „Siegergen“ eingebüßt hat. Nachdem ich weiter oben schon habe erkennen lassen, dass die Mannschaft des letzten Jahres „unter günstigeren Umständen“ durchaus auch die Champions League hätte gewinnen können, trifft dies dann wohl auch für den aktuellen Kader unter Ancelotti zu. Dieser schwierigste aller Titel im Weltfußball hängt aber von so vielen Kriterien ab – beim FC Bayern der letzten fünf Jahre offensichtlich vor allem vom Glück, von Verletzungen verschont zu bleiben oder vom Pech, von Verletzungen gebeutelt zu werden.

Ob der FCB auch in dieser Saison ein Favorit auf den CL-Titel ist, wird sich sicherlich schon in der Vorrunde zeigen: Neben den Traditionsvereinen und früheren Europapokalgewinnern RSC Anderlecht und Celtic Glasgow trifft man auf den „Transfer-Weltmeister“ aus Paris Saint-Germain. Wohl vor allem für diejenigen, die auf „Geld erzielt Tore“ setzen, die ultimative Herausforderung.

 

Weiterreichende Zukunftsperspektiven

Vor einer Woche hat der FC Bayern – medial viel beachtet – sein über 80 Millionen EURO teures Jugendleistungszentrum in der Ingolstädter Straße 272, den sog. FC Bayern Campus, eröffnet. Neben vielen Rednern aus der Politik sah man natürlich auch den Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß am Rednerpult. Seine wohl beachteste Aussage bei diesem feierlichen Anlass war: „Möglicherweise ist der Campus die Antwort des FC Bayern auf die Millionen-Transfers“. Fast möchte man sagen, „natürlich“ wurde diese Aussage medial in viele Richtungen interpretiert und seziert.

Gerade vor diesem Hintergrund habe ich in der jüngeren Vergangenheit einen größeren Fokus auf die Spiele der Nachwuchs-Teams des FC Bayern gelegt und mir Spiele der Amateure, U19 und U17 angeschaut. Die beiden U-Mannschaften waren schon in der vergangenen Saison mit einem Deutschen-Meister-Titel (U17) und einer Vizemeisterschaft (U19) sehr erfolgreich und auch in diesem Jahr haben die Teams ein großes Potential. Zudem machen die Spielansetzungen im kleinen schmucken Campus-Stadion allen Beteiligten – Spielern und Zuschauern –  Spaß. Mit Franck Evina, Manuel Wintzheimer (beide U19) und vor allem dem erst 16-jährigen Oliver Batista Meier (U17) gibt es zudem wieder Spieler, die es bis in die Bundesliga schaffen könnten – dem hochtalentierten Batista Meier traue ich sogar eine beachtliche Profikarriere beim FCB zu.

Das ist alles sehr erfreulich und theoretisch erfolgsversprechend, wenn es im Nachwuchsbereich nicht ein großes ABER geben würde: Dieses betrifft den aktuell sehr stiefmütterlichen Umgang der Vereinsverantwortlichen mit den sog. „Amas“, der U21-Mannschaft, die in der Regionalliga Bayern den abgestürzten Löwen Paroli bieten soll.

Wenn das Jugendkonzept erfolgreich zu Ende gedacht werden sollte, dann ist es alternativlos, dass diese U21-Mannschaft baldmöglichst in die Dritte Liga, also die unterste Profiliga, aufsteigen muss. Hochtalentierte Spieler, die aus den U-Mannschaften kommen, werden zum einen riesige Probleme haben, sich sofort bei den (Weltklasse-)Profis durchzusetzen. Zum anderen ist die viertklassige und damit spielerisch doch sehr limitierte Regionalliga kein Argument, um diese Jungs ein oder zwei Jahre im Verein zu halten.

Die U21 des FCB der Saison 2017/18 erscheint mir wesentlich talentierter zu sein als die Vorgängerteams der letzten Jahre – die ersten beiden Heimspiele gegen Ingolstadt II (5:0; „Spitzenreiter, Spitzenreiter!“ ) und gegen den Aufstiegsaspiranten Schweinfurt (2:1) haben mir spielerisch (Ingolstadt) und kämpferisch (Schweinfurt) sehr gut gefallen. Seitdem befindet sich die Leistungskurve des Teams aber in einem bedenklichen Sturzflug. Schien ein erfolgreicher Saisonstart der Profis aufgrund der zu strapaziösen Asienreise und des unmittelbar folgenden Audicups in großer Gefahr, machten diese Reisen und Events eine vernünftige Saisonvorbereitung und einen guten Saisonstart der Amateure gänzlich unmöglich. Von den Medien und den meisten Fans weniger beachtet, ist die U21 des FCB der ganz große Verlierer der „aufreibenden“ Saisonvorbereitung. Über die Gründe könnte man einen eigenen Beitrag schreiben, ich persönlich möchte hier nur zum Ausdruck bringen, dass diese Handhabung, dieses „Verbraten“ einer jungen Truppe, dem Ziel, eine erfolgreiche Jugendarbeit abzurunden, keineswegs zuträglich ist.

 

Optimistisch in die weitere Saison

Um zum Schluss noch einmal den Bogen zu den Profis zu spannen:  Wenn die ersten vier Pflichtspiele der Saison nach einer derartig suboptimalen Saisonvorbereitung gewonnen worden sind und das größte Problem der Profis derzeit die von Thomas Müller getätigte Äußerung – „Ich weiß nicht genau, welche Qualitäten der Trainer gerade sehen will. Aber meine sind es offensichtlich nicht“ – ist, dann kann man auch in dieser Saison optimistisch nach vorne schauen, zumal Müller dies mit einem Augenzwinkern gesagt hat und ein mögliches CL-Ausscheiden im Halbfinale bekanntermaßen keine Blamage wäre.

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4 Kommentare zu „FC Bayern – Perspektiven der Saison 2017/18“

  1. Auch von mir volle Zustimmung zu allen Punkten!
    Dass zur Kompletierung der Mannschaft ein Back-Up für Lewandowski fehlt, haben wir schon in einigen anderen Diskussionen behandelt 😉

  2. In allen Punkten Zustimmung, Peter!
    Vor allem den Blick in die Regionalliga zu unseren FC Bayern Amateuren findet man sonst bei sehr wenigen Seiten. Wirklich gute Leistung!

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