Die Wichtigkeit eines Sportdirektors beim FC Bayern

Brazzo

 

Nachdem Matthias Sammer vor etwas mehr als einem Jahr seinen ursprünglich bis 2018 datierten Vertrag als Sportvorstand des FC Bayern in beiderseitigem Einverständnis – über die wahren Beweggründe möchte ich hier nicht spekulieren – aufgelöst hat, war diese Position beim FC Bayern vakant. Am 31. Juli 2017 wurde der ehemalige Bayernspieler (1998-2007) und Fanliebling Hasan „Brazzo“ Salihamidzic von den Vereinsoberen Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß als neuer „Sportdirektor“ vorgestellt.

Obwohl unter dem Sportvorstand Matthias Sammer, der als damaliger Sportdirektor des DFB Anfang Juli 2012 losgelöst worden war, eine große Erfolgsära des Vereins startete, war seine Position bei den Medien und vielen Fans nie unumstritten. Nicht wenige bezeichneten ihn als „Frühstücksdirektor“ – vor allem in Unkenntnis dessen, was seinen wirklichen Aufgabenbereich betraf. Über andere noch weitaus weniger sachliche Ablehnungsgründe möchte ich mich hier nicht äußern.

So waren auch die Fanlager nach Sammers Abgang tief gespalten. Es gab nicht wenige, die sogar froh darüber zu sein schienen, dass diese im Verein völlig unwichtige Position – zumindest vorübergehend – nicht mehr besetzt war. Aber es gab auf der anderen Seite nicht weniger Fans, welchen die Vakanz dieser Position schon sehr schnell Sorgen bereitete. Die Vereinsführung trug dagegen – zumindest in der Öffentlichkeit – eine große Gelassenheit zur Schau.

Diese lockere Einstellung verwunderte gerade diejenigen, die seit 1979 diese Position über einen sehr langen Zeitraum als perfekt besetzt angesehen hatten: Am 1. Mai 1979 war der Amtsantritt des damals 27-jährigen Uli Hoeneß als „Manager“ des FC Bayern. Die frühe Sportinvalidität des ehemaligen Weltklassestürmers erschien zunächst als persönliche Tragödie, stellte sich aber bald als absoluter Glücksfall für den Verein heraus. Hoeneß´ Aufgabenbereiche waren damals wesentlich vielfältiger und werden mittlerweile u.a. auf einen Finanz-, einen Marketing- und einen Internationalisierungs- und Strategie-Vorstand aufgeteilt. Dies ist der rasanten Entwicklung im internationalen Spitzenfußball geschuldet, aber auch der des Vereins selbst: Zählte man bei Uli Hoeneß´ Amtsantritt 1979 ungefähr 6.000 Mitglieder, so bewegt man sich aktuell auf die 300.000-Mitglieder-Schallmauer zu: Das sind fünfzigmal(!) so viele!

Neben dem cleveren Geschäftssinn des Uli H. ist dem Bayernfan aber vor allem der umsichtige Sportdirektor, Sportmanager oder wie immer man seine Position nennen sollte, in Erinnerung geblieben. Spieler, aber auch Trainer schützte Hoeneß häufig mit großer Leidenschaft und Vehemenz. Gegen die Medien, aber auch – wenn es sein musste – gegen Attacken aus anderen Vereinen. Unvergessen sein Auftritt im Sportstudio im Frühjahr 1989: Kölns damaliger Coach Christoph Daum hatte den Bayerntrainer Jupp Heynckes heftig attackiert und Hoeneß schlug nicht weniger heftig zurück. Die „Abteilung Attacke“ beim FCB war geboren.

Hoeneß stellte sich schützend vor seine „Bayernfamilie“, gab aber gleichfalls den Mahner, wenn er das Gefühl hatte, dass sich diese zu wohl fühlte. Nachdem das „Experiment“ mit Christian Nerlinger, welcher 2009 bis 2012 als „Sportdirektor“ fungierte, nicht so erfolgreich wie gewünscht verlaufen war, verpflichtete man – wie geschildert – Matthias Sammer. Dieser rückte als sog. „Sportvorstand“ sogar in die höchste Ebene der FC Bayern AG auf. Inwieweit er aber dennoch eher als Direktor als als Vorstand fungieren konnte, möchte ich nicht beurteilen. Spekuliert wurde immer sehr viel.  Ich teile die Meinung derjenigen Fans und Medien, welche Sammer einen hervorragenden Job attestierten: Mit vollem Einsatz für Verein und Mannschaft (24/7) und dabei – wie vorher jahrzehntelang Hoeneß – „antizyklisch“: Beschützer in schweren Zeiten, Mahner, wenn die Wohlfühloase zu gemütlich wurde.

Weil es aber für so einen Job keine exakte Stellenbeschreibung gibt, bekam Sammer von einer Vielzahl der eigenen Fans nie die Anerkennung, die er verdient gehabt hätte. Ein ähnliches Schicksal „genießt“ wohl der Teammanager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff. Wer vorgestern bei der Präsentation des neuen Sportdirektors Salihamidzic genau aufgepasst hat, bekam von Uli Hoeneß eine entsprechende Erklärung quasi als „Gratis-Zusatzpaket“.

Bekanntermaßen dauerte aber die Suche nach einem Sportdirektor über ein Jahr. Viele viele Namen kursierten in den Gazetten: Neben den von den Bayern selbst bestätigten Philipp Lahm und Max Eberl waren das u.a. Mark van Bommel, Oliver Kahn, Thomas Linke und zuletzt sogar Miro Klose. Allesamt ehemalige Kicker des deutschen Rekordmeisters. Warum es gerade bei den Wunschkandidaten nicht geklappt hat? Darüber wird nach wie vor viel spekuliert. Nicht auszuschließen ist auf alle Fälle die Theorie, dass die beim Posten des Sportdirektors angebotene „Machtfülle“ nicht ausreichend attraktiv war, weil stark limitiert. Lahm hat dies auch ziemlich deutlich angesprochen, indem er sinngemäß betonte, dass Hoeneß noch sehr aktiv und stark in alle – sportlichen – Prozesse involviert wäre.

Nachdem Hoeneß schon Ende der letzten Woche angedeutet hatte, dass man bei der Suche nach dem Sportdirektor sich auf der Zielgerade befinden würde, ging es vorgestern ganz schnell: Am Morgen noch heißes Gerücht, wurde um 17:15 Uhr auf einer eigens dafür einberaumten Pressekonferenz der ehemalige Fanliebling „Brazzo“ als neuer Sportdirektor mit Vertrag bis zum 30.06.2020 präsentiert.

Ich muss sagen, dass auch mich persönlich diese Wahl zunächst überrascht hat. Aber schon nach der Pressekonferenz konnte ich mir eigentlich ganz gut vorstellen, dass diese Personalie ganz gut funktionieren kann. Viele haben Salihamidzic vor allem als dauerhaften Spaßvogel in Erinnerung, ich dagegen kann mich noch gut daran erinnern, wie extrem ehrgeizig das „Bürschchen“ war: Ich war einmal im Herbst 2001 bei einem Bayerntraining. Zum Abschluss kickten die Bayernprofis mit zwei Mannschaften auf vier kleine Tore. Salihamidzic verlor mit seinem Team, worüber er sich derart ärgerte, dass er einen Ball aus dem Trainingsgelände hinaus über die Säbener Straße drosch – keine Ahnung, ob der jemals wieder gefunden wurde. Der junge Hasan war übrigens nicht nur ehrgeizig, sondern durchaus selbstbewusst und mutig. So war er im Champions League Finale 2001 der erste Bayer, der im Elfmeterschießen traf.

In den Medien und bei den Fans kamen sofort nach seiner Ernennung viele doch ziemlich respektlose Kommentare über ihn: Er wurde als „Maskottchen“, als „Bespaßer“, als „Marionette“, als „Ulis Spion bei Carlo“ und als sonst noch etwas bezeichnet. Die Entscheidung des FCB wurde sogar als „armselig“ bezeichnet. Sehr anmaßend, vor allem wenn man die Pressekonferenz gesehen hat. Hoeneß beschrieb bei dieser den „Brazzo“ schon als Spieler als  sehr offenen aufgeweckten Diskussionspartner, bei dem man offensichtlich nie auch vor schärferer Kritik sicher war. Wenn dem so war, dann treffen Bezeichnungen wie „Maskottchen“ sicher überhaupt nicht zu.

Zudem muss der fünf Sprachen sprechende Bosnier auch ein ziemlich gut aufgestelltes Netzwerk haben – all dies spricht gegen die ihm von vielen Seiten unterstellte mangelnde Intelligenz. Am wichtigsten aber erscheint, dass er eben schon dem Anforderungsprofil des FC Bayern entspricht. Als „Kommunikator“, als Schnittstelle zwischen Mannschaft, Trainerteam und den Oberen des Vereins. Wer diese Tätigkeit mit einem abfälligen Lächeln abqualifiziert, hat von Fußball definitiv keine Ahnung. Hoeneß hat zudem betont, dass Salihamidzic bei allen Personalentscheidungen involviert sein wird. Und ganz sicher wird er auch dazu beitragen können, dass der FCB in den Medien sympathisch rüberkommen wird.

Apropos Reputation des Vereins: Die niederlagenträchtige Vermarktungs-Asienreise der Mannschaft findet sportlich leider auch gerade in Deutschland eine Fortsetzung. Ein durch ConFed-Cup-Abstellungen und zahlreiche Verletzungen aus der Vorsaison weiter geschwächter „Mini-Kader“ (im Vergleich zu anderen Topmannschaften) muss gerade ein nahezu mörderisches Programm bewältigen: Arsenal, Milan, Chelsea, Inter, Liverpool, Napoli, Dortmund heißen die sieben Gegner, die anderen heißen „Reisestrapazen“ und „Jetlag“ – in 17 Tagen und bei extremen klimatischen (nun selbst in München) Bedingungen.

Ein fähiger Sportdirektor wird gegen einen derartigen Wahnsinn zukünftig hoffentlich große Einwände haben – wenn nicht, dann ist er tatsächlich eine „Marionette“ oder ein „Maskottchen“. Die Spieler des FCB wären aktuell sicherlich dankbar, wenn ein Sportdirektor im Frühjahr bei der Planung der Saisonvorbereitung dabei gewesen wäre – und werden dies zukünftig sein, wenn neben dem Internationalisierungs- und Strategie-Vorstand auch ein Sportdirektor eine Reise als „extrem erfolgreich“ bezeichnen wird.

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6 Kommentare zu „Die Wichtigkeit eines Sportdirektors beim FC Bayern“

  1. Danke für den Artikel der genau meine Gedanken zum Thema Sportdirektor wiederspiegelt und nicht im Fluss der hämischen und teils respektlosen Artikel mancher „Fussballexperten und Journalisten“ mitschwimmt.

  2. Wie immer ein herzliches Dankeschön für diesen Beitrag.

    Einer der ganz wenigen gelungenen im Netz, welcher sogar 2 der aktuellen Hauptthemen / Hauptprobleme abhandelt: Sportdirektor + „Krise“ des Teams in der Vorbereitungsphase.

    Gruselig aktuell für mich sogar Seiten, die ich sonst persönlich schätze wie Miasanrot. Die Vereinigung (fast) aller FCB-Nerds. Und es tut schon weh, wie sich selbst Leute im Ton vergreifen, deren Meinung ich sonst schätze …

    Ich habe auch ein gutes Gefühl bei Hasan. Und früher oder später wird ein Philipp Lahm sein Boss sein – kein Beinbruch für das „Bürschchen“.

    1. Danke für das Lob, Erich 😉

      Zu anderen Seiten im Netz kann und will ich mich natürlich nicht äußern, auch wenn mir allgemein gewisse Tendenzen im Netz natürlich keineswegs verborgen geblieben sind.

  3. Unter dem Titel „Warum Salihamidzic der richtige Sportdirektor ist“ schrieb die Welt:

    „In Zeiten, in denen der deutsche Fußball-Rekordmeister sich auf seine Internationalisierung konzentriert und sich viele seiner Fans um die Identität des Vereins sorgen, stellt diese Mia san mia -Lösung einen gelungenen Gegenpol dar.“

    Mit den Dreesens, Wackers und aufkeimenden „Pitbullallüren“ von KHR war diese „Corperate Identity“, die den FCB vor anderen Clubs auszeichnet und gerade heute ein nicht zu unterschätzender „Wettbewerbsfaktor“ ist, in der Tat schleichend gefährdet.

    Es gibt auch angesichts des Konkurrenzkampfes im Team, der nicht leicht zu gestaltenden Altersteilzeit von Robbery, der Integration neuer und junger Spieler mehr denn je einen „Moderationsbedarf“.

    Derzeit ist Brazzo einfach nicht als Öffentlichkeitsrampensau gefragt. Hier ist Uli eh unschlagbar. Wie dafür, ein richtiges Gespür für Situationen zu haben.

    1. Eines ist klar: Solange die beiden Alphatierchen Uli und Kalle das Sagen haben (wollen), wird es keinen SportVORSTAND geben. Die beiden füllen selbst diese Rolle aus – ich beurteile hier nicht, ob das (noch) gut oder schlecht ist.

      Das Anforderungsprofil für eine Position als SportDIREKTOR, wie auch Sammer sie IMHO ausgezeichnet ausgefüllt hat, erfüllt auch Brazzo. Warum das bei vielen Fans so ein TamTam auslöst, ist mir schleierhaft. Nur weil Brazzo nicht der begnadete Rhetoriker ist? Ich kenne übrigens einige sensationelle Rhetoriker, die wiederum nicht die geringste Ahnung von Fußball haben.

      Dreesen (v.a. seine Vorträge auf der JHV) schätze ich durchaus und das Ressort „Finanzen“ ist in jedem Unternehmen äußerst wichtig.

      Trotzdem interessant und überdenkenswert, welche Bereiche des FCB (bzw. seiner AG) direkt im Vorstand vertreten sind und welche nicht: Neben Finanzen noch Marketing und Internationalisierung&Strategie – dagegen gibt es „nur“ einen Medien- und einen SportDIREKTOR – also eine Ebene darunter.
      Für mich persönlich nicht den Gegebenheiten entsprechend und nicht unbedingt zeitgemäß.

      Obwohl mit BWL-Diplom ausgestattet (Schwerpunkt an der Uni München: STRATEGISCHES Management!) ist mir der Vorstandsbereich „Internationalisierung&STRATEGIE“ etwas schleierhaft. Ganz flapsig ausgedrückt: Die Unternehmensstrategie wird eigentlich klassischerweise von höchster Stelle ausgegeben. (??!!) (ich muss mich hier nun in meinen Ausführungen bremsen 😉 ).

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