Bundesliga-Aufstieg der Bayern – der Beginn einer Erfolgsgeschichte

1965_Aufstieg in Berlin

 

Heute vor 52 Jahren ist der FC Bayern mit einem 8:0-Sieg im Berliner Olympiastadion gegen Tennis Borussia am letzten Spieltag der damaligen Aufstiegsrunde in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen – der Beginn einer sensationellen Erfolgsgeschichte.

Lediglich 15.000 Zuschauer verliefen sich am 26. Juni 1965 im weiten Rund des Berliner Olympiastadions, darunter einige Tausend Bayernfans, welche – viele in Lederhosen gekleidet – mit ihren Fangesängen begleitet von Kuhglockenläuten und einem bayerischen Fahnenmeer ein Heimspiel für den Aufstiegsaspiranten veranstalteten.

Zwei Tore von Rainer Ohlhauser schon in der ersten Viertelstunde ließen keine Zweifel aufkommen, wer Herr im Haus war. Ohlhauser selbst ließ weitere zwei Tore folgen, ebenso Rudi Nafziger, Gerd Müller und Dieter „Mucki“ Brenninger steuerten jeweils einen Treffer zum 8:0-Kantersieg bei.

Der Aufstieg geriet nur einmal ganz kurz in Gefahr, als die Bayernfans schon fünf Minuten vor Schluss beim Stand von 7:0 den Rasen zum Feiern stürmen wollten und der Schiedsrichter mit Abbruch drohte – soweit kam es bekanntermaßen nicht.

Die anschließenden Feierlichkeiten sind legendär. Als die Spieler aus Berlin zurückkamen, gab es den nächsten „Platzsturm“: Tausende Fans stürmten das abgesperrte Rollfeld des Flughafens München-Riem. Zum Abschluss der Feierlichkeiten begleiteten am 10. Juli 1965 519 Bayern-Fans den Präsidenten Wilhelm Neudecker bei einem Marsch um den Tegernsee, welchen er für den Fall des Aufstiegs versprochen hatte. Es gibt Quellen, die behaupten, dass er ursprünglich sogar für den Aufstiegsfall einen Marsch um den Bodensee angekündigt hatte, schnell aber seinen Fehler korrigierte 😉

Es folgte die im deutschen Fußball einzigartige Erfolgsgeschichte des FC Bayern

Dass es aber auch ganz anders hätte laufen können, beweist das Beispiel von Tasmania Berlin, dessen Historie in jenen Jahren große Ähnlichkeiten mit der der Bayern aufwies. Die Berliner beklagten zunächst das gleiche Schicksal bei der Bundesligagründung wie der FC Bayern:

In den acht Jahren vor der Gründung der Fußball-Bundesliga 1963 entwickelte sich Tasmania mit drei Berliner Meisterschaften und fünf Berliner Pokalsiegen zur führenden Mannschaft in West-Berlin. Dementsprechend war die Enttäuschung groß, als anstelle Tasmanias der Lokalrivale Hertha BSC den an Berlin zu vergebenen Platz in der neuen Bundesliga einnehmen durfte. Tasmania sah sich benachteiligt und warf der Hertha sogar Bilanzfälschung vor, hatte aber mit dem Protest keinen Erfolg. Wenn man einmal von dem Vorwurf der Bilanzfälschung absieht, beklagte sich der FC Bayern über die Nicht-Berücksichtigung als Bundesliga-Premierenmitglied 1963 auf ähnliche Weise und aus ähnlichem Grunde.

1964 trafen sich die Klubs in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga, in welcher der FC Bayern der hohe Favorit war. Aber ein 0:3 am fünften Spieltag bei Tasmania beendete alle Aufstiegsträume der Bayern in jenem Jahr und Borussia Neunkirchen fand anstelle der Bayern den Weg in die Bundesliga. Was zunächst eine niederschmetternde Pleite war, erwies sich in der Folge als ein Glücksfall. Im Schatten der damals großen Münchner Löwen konnte sich ein erfolgshungriges hochtalentiertes Bayern-Team entwickeln. Vor der Saison 1964/65 wurde Gerd Müller aus Nördlingen geholt. Wäre Bayern bereits 1964 in die Bundesliga aufgestiegen, wäre er laut eigenen Aussagen vielleicht gar nicht zu den Rothosen gekommen.

Wie es dazu kam, dass beide Vereine am 14. August 1965 ihr erstes Bundesligaspiel spielen konnten, kann man im Fall von Tasmania Berlin als Krimi, aber auch als Komödie bezeichnen. Die damaligen Turbulenzen in der Bundesliga können nicht einmal von denjenigen des TSV 1860 München im Jahr 2017 getoppt werden. Lustigerweise waren es gerade die Löwen, die am Ende jener Saison Deutscher Meister wurden.

Wie kam es also dazu, dass Tasmania zwei Jahre nach der erfolglosen Bewerbung für die Bundesliga überraschend doch noch in der ersten Spielklasse antreten durfte?

Nachdem Ende Februar 1965 bei einer Kontrolle der Kassenbücher bei Hertha BSC ein Fehlbetrag in Höhe von 192.000 D-Mark festgestellt worden war (also doch!), wurde der Verein daraufhin wegen Verstoßes gegen die finanziellen Regelungen des Bundesligastatuts aus der Bundesliga ausgeschlossen.

So entschied der DFB Ende Juni 1965 zunächst, eine Aufstiegsrunde zwischen dem sportlichen Absteiger der Bundesliga-Saison 1964/65 Karlsruher SC, den beiden Zweiten der Aufstiegsrunden aus der Regionalliga-Saison 1964/65 SSV Reutlingen und 1. FC Saarbrücken sowie Tasmania um den vakanten 16. Bundesligastartplatz der Folgesaison auszutragen.  Nachdem der DFB ein Gnadengesuch seitens Hertha BSC am 2. Juli 1965 abgelehnt hatte und der Karlsruher SC auf den 14. Platz vorrückte, erübrigte sich diese Aufstiegsrunde. Dieses Urteil, darunter auch der Klassenverbleib der Karlsruher, wurde zwei Wochen später durch das DFB-Bundesgericht nach Beschwerden der Tasmania und Tennis Borussia Berlin aufgehoben. Die Bundesligavereine sprachen sich unterdessen für eine Erhöhung der Liga auf 17(!!) Mannschaften aus.

Des Weiteren drängte unter anderem der Axel-Springer-Verlag seit Anfang Juli 1965 auf die Teilnahme eines West-Berliner Vereins in der höchsten Spielklasse. Tennis Borussia Berlin als Meister der Berliner Regionalliga 1964/65 war bereits zuvor in der Aufstiegsrunde gescheitert und der zweitplatzierte Verein Spandauer SV verzichtete auf den Aufstieg, sodass der drittplatzierte Verein Tasmania Berlin spätestens am 23. Juli 1965 als möglicher 17. Verein genannt wurde, während der Karlsruher SC inzwischen wieder in die Liga aufgenommen worden war. Am 31. Juli entschied der DFB schließlich, die Tasmania endgültig in die Bundesliga aufzunehmen. Diese Entscheidung stieß in Westdeutschland wegen der geringen Spielstärke der Westberliner Vereine auf Kritik. Um die Kritik, den Verein nur aus politischen Gründen in die Bundesliga aufgenommen zu haben, zu entschärfen, erhielt der ursprüngliche Absteiger FC Schalke 04 im 14. (!) DFB-Entscheid in Folge des Finanzskandals einen 18. Startplatz für die kommende Bundesligasaison zugesprochen, sodass die Saison 1964/65 ohne sportlichen Absteiger endete und die Bundesliga seitdem bis heute mit 18 Mannschaften (Ausnahme 1991/92) ausgespielt wird.

Innerhalb weniger Tage musste die Tasmania einen großen Teil ihres Kaders u. a. unter Mithilfe der ADAC-Reiserufe aus dem Urlaub zurückberufen. Viele Spieler mussten in der Folge aufgrund der Umstellung zum Vollprofi ihre Arbeitsstelle ganz oder zumindest teilweise aufgeben. Der Aufbau einer konkurrenzfähigen Mannschaft war deswegen nahezu  unmöglich.

Trotz dieser unglücklichen Umstände startete Tasmania am 14. August 1965 mit einem 2:0-Sieg gegen den KSC vor 81.500 Zuschauern im Berliner Olympiastadion in sein Bundesliga-Abenteuer, während die Bayern am selben Tag in ihrem ersten Bundesliga-Spiel unter unglücklichen Umständen mit 0:1 gegen den Lokalrivalen und späteren Meister 1860 verloren. Für alle, die es nicht wissen: Hätte Bayern dieses Spiel gewonnen und wären anschließend alle Spiele genau so verlaufen, wie sie verlaufen sind, wäre der FCB schon in seiner BL-Premieren-Saison Deutscher Meister bzw. Double-Sieger geworden!

Auch wenn Bayern damals noch nicht Meister wurde, machten sie sich ab jener Saison zu ihrem unnachahmlichen Siegeszug auf und gewannen seitdem jede 2. BL-Meisterschaft.

Dagegen ging es nach dem ersten Spieltag bei Tasmania nur noch in eine Richtung – nach unten. Eine Kurzzusammenfassung:

Das 2. Heimspiel vor 70.000 Zuschauern gegen den BVB ging mit 0:5 verloren, zum dritten gegen die Bayern kamen schon „nur“ noch 40.000 (0:2 für Bayern). Im Spätherbst gegen den späteren Meister 1860 waren es gerade noch 10.000 Zuschauer, am 18. Dezember gegen Schalke 04 4.000. Und ab dem Zeitpunkt gab es nur noch maximal vierstellige Zuschauerzahlen von 1.200 bis 7.000 und den traurigen Bundesliga-Minusrekord (ohne Platzsperre) von sage und schreibe 827 Zuschauern am 15. Januar 1966 gegen die Gladbacher Borussen!

Sportlich war Tasmania Berlin in der Saison 1965/66 das bis heute erfolgloseste Team in der Bundesligahistorie: In den 34 Saisonspielen gelangen lediglich zwei Siege. Mit 15:108 Toren und 8:60 Punkten belegte Tasmania Berlin abgeschlagen den letzten Platz.

Natürlich verlief schon die Vorbereitung auf diese letztendlich desaströse Saison bei den Berlinern suboptimal und trotzdem möchte ich hier ein Argument aufgreifen, welches viele dem FCB nahezu vorwerfen, wenn sie dessen Erfolgsgeschichte ansprechen: Diese wurde angeblich nur durch das Münchner Olympiastadion möglich gemacht – ein Geschenk Münchens und der Bundesrepublik an den Verein. Durchaus möglich, dass darin ein gewisser Wahrheitsgehalt ist – aber das Beispiel Berlin mit seinem für 1936 erbauten Olympiastadion zeigt, dass so ein großes Stadion mit all seinen Möglichkeiten alleine noch lange kein Erfolgsgarant ist. Und der Münchner Lokalrivale liefert gerade in 2017 eine perfekte Bestätigung dazu ab.

 

„FC Bayern – forever number one…“

 

Video zum 1965er Aufstiegsspiel in Berlin:  https://www.youtube.com/watch?v=SP66f0DoAEA

 

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10 Kommentare zu „Bundesliga-Aufstieg der Bayern – der Beginn einer Erfolgsgeschichte“

  1. Toller Artikel. Respekt. Und ein gänsehautträchtiges Video:

    „Wir nicht spazieren in Bundesliga, sondern rupfen Gegner, wenn es geht. Diesmal geht es. Also los!“

    Was konnte bei DIESER Halbzeitansprache noch schiefgehen?

    Apropos 1860 und „Tschik“ (vom kroatischen Čik, für „Zigaretten-Stummel“)

    Im Frühjahr 1964 hatte sich der Präsident von 1860 München bei der Familie Müller angesagt, um den Torjäger aus Nördlingen zum TSV zu lotsen. Verantwortliche des Lokalrivalen FC Bayern standen eine Stunde früher bei den Müllers auf der Matte boten Gerd einen Profivertrag – ein Angebot, das Müller nicht ausschlagen konnte. Bayern-Trainer Tschik Cajkovski, selbst nicht gerade ein Riese, war im Übrigen von „kleines dickes Müller“gar nicht begeistert:

    „Was soll isch mit dieses Junge, diese Figur, unmöglich.“

        1. Göttlich! Und eine super Buchempfehlung!
          „Winschte, Maschine stirzt ab“ – das ist mir jetzt vor Lachen passiert 😉

          Überhaupt hatte für mich als Provinzei das München „um die 70er Jahre rum“ einen schönen Yugo-Touch, an den ich mich gerne erinnere 🙂

  2. Mensch Peter, da hast du uns mal wieder eine absolute Perle geschenkt, herzlichen Dank dafür! Wunderbar aufgezeigt, wie diametral unterschiedlich Entwicklungen verlaufen können, selbst wenn gewisse Standortfaktoren in vergleichbarer Qualität beiderseitig vorhanden sind.

    Und wenn Kleinigkeiten dann auch noch passen, man denke nur an die berühmte Watschn für den jungen Kaiser, dann setzt der eine Verein zum Gipfelsturm an, während ein anderer schon am Fuße des Berges stecken bleibt.

    1. Danke Christian 🙂

      Die Story ist aber auch wirklich zu gut! Hätte hier wirklich nur noch gefehlt, dass die Watschn von einem Tasmania-Spieler gekommen wäre. Aber eigentlich ist es so, wie passiert, schon besser 😉

    1. Sehr gerne – ich fand die ursprünglichen Gemeinsamkeiten, die sich zu diesen krassen Gegensätzen entwickelt haben, einfach spannend!

      Es wird einem nichts in den Schoß gelegt – man muss (fast) immer kämpfen – und manchmal haben die einen einfach auch wirklich Glück und die anderen Pech ….

  3. Ganz großes Kino!

    Super Beitrag – in der Kombination (mit Tasmania) einmalig. Wie kommt man denn darauf?

    Petersgradmesser klar die Nummer 1!!

    Gratulation und bitte weiter so! Ich freue mich schon immer auf den nächsten Beitrag.

    1. Vielen Dank!

      Ja, manchmal sind es die Zufälle, die einem Ideen zuspielen. Habe vor einiger Zeit etwas über Tasmania gelesen – und dachte mir: Das musst du mit dem FCB-Aufstieg – 1965 und der nachfolgenden Erfolgsstory – in Verbindung bringen!

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