Robert Lewandowski – mit Abstand bester BL-Stürmer der Saison 2016/17

lewandowski bis 2019 bei bayern

 

Als die Bayern am letzten Bundesliga-Spieltag nach dem 4:1-Sieg gegen den SC Freiburg die Meisterschaft mit Schale und Weißbierduschen feierten, gab es einen – zumindest an jenem Mai-Nachmittag – gefühlten Verlierer in ihren Reihen. Robert Lewandowski war im Wettkampf um die Bundesliga-Torjäger-Kanone mit einem Tor Vorsprung gegenüber seinem Konkurrenten Pierre-Emerick Aubameyang in den letzten Spieltag gegangen, traf selbst nicht und wurde dann in der 89. Minute durch einen Elfmetertreffer des Gabuners im BVB-Trikot noch überholt – besonders bitter: dieser Elfmeter war wohl die letzte krasse Fehlentscheidung einer an solchen reichen Saison.

Lewys Kampf um die Torjägerkrone ging an jenem 20. Mai 2017 ziemlich unter in den Verabschiedungsorgien für die Weltstars Philipp Lahm und Xabi Alonso, und nach dem Spiel schienen selbst die Themen „Auftritt Anastacia in der Halbzeitpause“ und „kein gebührender Abschied für den aktuellen Schalker Badstuber“ wichtiger zu sein. Die eingefleischten Bayernfans litten jedoch mit dem Polen.

Im Spiel selbst versuchten Lewys Mannschaftskameraden durchaus, ihrem Topstürmer zum verdienten persönlichen Triumph zu verhelfen. Aber entweder wurden die Kombinationen gerade durch die permanente Suche des polnischen FCB-Stürmers durch seine Kollegen zu kompliziert oder Freiburgs Torhüter Schwolow hielt herausragend – Lewy selbst hatte weder seinen allerbesten noch seinen glücklichsten Tag. Das Resultat: Obwohl er nach Gerd Müller erst der zweite BL-Torjäger ist, der in zwei Spielzeiten hintereinander die 30-Tore-Marke knackte – Müller gelang dies sogar mehrmals und zuletzt in der Saison 1973/74 – reichte es eben mit 30 Toren nur zum zweiten Platz hinter Aubameyang.

Lewy selbst versuchte seine deutlich sichtbare Enttäuschung dadurch herunter zu spielen, indem er durchaus glaubwürdig auf seine eigenen Saisonziele verwies, die er mit erneut 30 Treffern wieder erreicht hatte. Und damit könnte man diese Saison aus seiner Sicht auch absolut positiv bilanzieren. Nachdem aber der nicht gerade als FC Bayern-Freund bekannte ARD-Reporter Steffen Simon Aubameyang während des Pokalendspiels gegen Eintracht Frankfurt trotz dessen insgesamt sehr mäßigen Leistung als besten Stürmer der abgelaufenen BL-Saison bezeichnet hat, hat dies durchaus meinen Ehrgeiz erweckt, um Herrn Simon und allen anderen plausibel zu erklären, dass er damit trotz des einen Tor Vorsprungs des Dortmunder Stürmers falsch liegt.

Nicht nur im Fußball, aber speziell dort, gibt es immer wieder Vorurteile, die erhalten bleiben müssen, weil sonst offensichtlich einigen sog. Fans etwas fehlen würde. Zu diesen unsinnigen – weil längst ad absurdum geführt – Vorurteilen zählt das des sog. „Bayern-Dusels“ – übersetzt: das unverdiente fast schon unverschämte Glück vieler Bayern-Mannschaften seit Jahrzehnten. Erstaunlich dabei ist, dass viele Journalisten, aber auch Fans, die gerade beim FCB sämtliche Rekorde herausfiltern, einen neuen BL-Rekord der Münchner nicht auf dem Schirm haben, der gerade hier alles in einem anderen Licht erscheinen lässt: Die Bayern haben in der Saison 2016/17 einen neuen Rekord aufgestellt: satte 29 Aluminiumtreffer haben sie dafür zustande gebracht. Obwohl Pfosten- und Lattentreffer in den offiziellen Statistiken als „Schüsse neben das Tor“ gelten, kann man wohl mit gutem Recht behaupten, dass ein Aluminiumtreffer (früher Holztreffer) für den Schützen (großes) Pech bedeutet. Noch weniger bekannt wurde nach dieser Saison, dass Lewandowskis zehn(!) Aluminiumtreffer in dieser Saison einen neuen (traurigen?) individuellen BL-Rekord bedeuten. Sein Rekord-Vorgänger war übrigens sein ehemaliger Klubkollege beim BVB, Lucas Barrios, der 2010/11 satte 9-mal am Aluminium scheiterte. Bei den Vereinen waren die Leverkusener aus der Saison 2003/04 die bisherigen Rekordler mit 26-mal Aluminium-Pech.

Dass auch der „Bayern-Bonus“ ein schlichtes Fußball-Märchen ist, zeigt auch die „Wahre Tabelle“ der abgelaufenen Saison, die den deutschen Rekordmeister als das mit Abstand am meisten durch Schiedsrichter-Entscheidungen benachteiligte Team ausweist. Unter anderem wurden den Münchnern mutmaßlich 16(!!) Elfmeter verweigert. Und wer ist seit dieser Saison der unumstrittene Elfmeterschütze des FC Bayern – mit einer 100%igen Quote? Wer wurde folglich durch diese mannschaftliche Benachteiligung selbst individuell am meisten benachteiligt? Vielleicht hätte Lewy nicht jeden Elfmeter geschossen und wahrscheinlich bei der großen Anzahl auch nicht jeden verwandelt, aber eine zweistellige Anzahl an zusätzlichen Toren hätte dadurch schon hinzukommen können.

Zusätzlich kommt hinzu, dass Lewandowski – sich gerade in überragender Form befindend – durch das schwere Foul des BVB-Keepers Bürki am 28. BL-Spieltag und seine nachfolgende Schulterverletzung im Saisonendspurt erheblich geschwächt war. Bitter für ihn und das Team: Mit einem fitten Lewandowski wären die Chancen sogar auf das Triple nicht so klein gewesen – und die Torjägerkanone hätte er auch trotz 10 Alu-Treffern und 16 nicht gegebenen Elfmetern „locker“ gewonnen.

Wenn man all diese Fakten zusammen trägt, dann kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass der aktuelle bayerische Goalgetter aus Polen nicht nur die BL-Torjägerkanone verdient gehabt hätte, sondern sogar den Goldenen Schuh als bester europäischer Torjäger hätte gewinnen können. Diesen hat einmal mehr Leo Messi mit 37 Toren gewonnen – die spanische Liga hat allerdings auch vier Spieltage mehr, die Teams der unteren Spielhälfte sind dort wesentlich schwächer als in der Bundesliga und er kommt – ebenso wie sein Dauerrivale um den Titel des besten Spielers, CR7, auf eine Unmenge an Elfmetertoren. Man frage bei den spanischen Fußballfans nach, ob diese immer berechtigt waren. 😉

Als kleiner Junge habe ich den BL-Rekord von Gerd Müller in der Saison 1971/72 miterlebt: Satte 40 Buden hat der Gerd den gegnerischen Torhütern reingemacht – eine Zahl, die für Lewy in dieser Saison, wenn einiges glücklicher gelaufen wäre, sogar möglich gewesen wäre. Was ich aber an dem sympathischen eher ruhigen Polen sehr schätze, ist, dass er bescheiden und als Teamplayer auftritt – ganz sicher würde er einen Champions League Sieg mit dem Team weit vor dem Goldenen Schuh einordnen.

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8 Kommentare zu „Robert Lewandowski – mit Abstand bester BL-Stürmer der Saison 2016/17“

  1. Klasse Blick hinter den Medienhype! Überraschend und sehr überzeugend auch Deine Argumente für den „eigentlichen Torschützenkönig“.

    Was mich an Lewy stark beeindruckt ist, dass er nicht ständig im Rampenlicht stehen muss. Er ist „einfach nur“ Sportsmann durch und durch. Unprätentiös. Wie auch sein Abschied von Dortmund, den ihn keiner übel nahm.

    Neben dem von Spielanalysen chronisch unterschlagenen Manuel Neuer ist Lewy der für die Spielarchitektur wichtigste Spieler.

    Mit ihm hätten wir Real im ersten Spiel geputzt.
    Aber holla die Waldfee!

  2. Lewandowski ist für mich der kompletteste unter den europäischen Top-Stürmern, da er nicht nur viele Treffer erzielt, sondern aufgrund seiner technischen Fähigkeiten Bälle vorne behauptet und für nachrückende Mitspieler ablegt. Anders als ein klassischer „Wandspieler“ lässt er Bälle wenn überhaupt, nur gezielt prallen, meist jedoch folgt ein passgenaues Zuspiel zum eigenen Mann, häufig unter Bedrängnis von zwei oder mehreren Kontrahenten. Lewas „Spiel-Wertigkeit“ für das eigene Team dürfte daher ungleich höher sein, als jene von Aubameyang.

    Im Bericht ist wunderbar dargelegt, welche Möglichkeiten sich für Lewa eröffnet hätten, Gerd Müllers Fabelmarke von 40 Toren in einer Saison zu erreichen. Was Herr Simon wohl dazu gesagt hätte?

    FAZ-Autor Michael Hanfeld findet jedenfalls folgenden Worte für diesen Herrn: „Steffen Simon ist Sportchef des WDR. Und er kommentiert im Ersten den Fußball. Leider, muss man sagen. Denn er macht diesen Job nicht gut. Er macht ihn gar nicht gut. Er macht ihn so schlecht, dass es eine Zumutung und Unverschämtheit ist. (…)
    Dass Simon vom Spiel keine Ahnung hat, weiß man ja (da gesellt er sich zu Béla Réthy im ZDF). (…) Dieser Mann versteht nichts von seinem Beruf und dessen professionellen Maßstäben. Da hilft nur eins: Simon muss vom Platz. Rote Karte. Sperre für immer“. FAZ, Feuilleton, 29.05.2013.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

    1. Danke Christian – und Zustimmung in allen Bereichen 🙂

      Es gibt, wie ich schon bei der Antwort an Erich angedeutet habe, sogar Statistiken, die den doch beachtlichen Unterschied zwischen Lewy und Auba in vielen Spielbereichen dokumentieren.

      Der der FAZ-Artikel ist auch vier Jahre nach Veröffentlichung so etwas von aktuell und zutreffend 😉

  3. Danke Erich!

    „BVB-Wahnsinn“ 😉 – ja, da ist leider etwas dran. Und mich hat es außerordentlich gestört, dass diese herausragenden Saisondaten von Lewy bislang medial so sehr unter den Tisch gekehrt wurden

    Es gibt übrigens noch exaktere Vergleiche der Saisondaten zwischen dem Dortmunder und dem Bayern-Stürmer, die ganz klar dokumentieren, dass Lewy viel besser, weil auch „wertvoller“ für sein eigenes Team ist.

  4. Einmal mehr hervorragende recherchiert!

    Lewandowski ist überragend – auf einer Stufe mit Gerd Müller.

    In Zeiten des BVB-Wahnsinns hat man es aber leider als Bayernstürmer verdammt schwer!

      1. Ja, er ist definitiv nicht nur ein „Torjäger“, sondern bringt sich, indem er sich häufig tief fallen lässt, auch stark ins Bayern(aufbau)spiel ein – das unterscheidet ihn extrem von einem CR7 oder Aubameyang.

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