Bayern – Bonus und Dusel? BVB-Bonus und Dusel!

Lahm_unglücklich

 

Seit vielen Jahrzehnten kursiert in Fußball-Deutschland das Märchen vom außergewöhnlichen Glück der Fußballmannschaften des FC Bayern, dem sog. „Bayern-Dusel“, und vom zusätzlichen „Bayern-Bonus“, einer Unterstützung vor allem durch die nationalen Schiedsrichter, wenn der Dusel alleine nicht ausreichend ist.

Wahrscheinlich bin selbst ich zu jung, um den Ursprung dieser unsinnigen Behauptungen zu kennen – oder vielleicht doch gerade alt genug: Denn wenn es jemals eine Bayern-Mannschaft gab, die wirklich Glück beanspruchte, dann waren es die Europapokalsieger um Franz Beckenbauer, Gerd Müller & Sepp Maier in den Jahren 1974 bis 1976. Bei diesen Highlights meiner Kindheit brauchte diese Weltklassetruppe tatsächlich speziell in den Endspielen eine gehörige Portion an Glück, um diesen Landesmeistercup als letzter Verein der Historie dreimal hintereinander zu gewinnen. Vorher gelang dieses Kunststück gerade zweimal: Real Madrid in den Anfangsjahren des Europapokals sogar fünfmal in Serie (1956-1960) und Johan Cruyffs Ajax Amsterdam als direkter Vorgänger der Bayern (1971-1973) – und ich bin mir sicher, dass auch diese beiden Clubs diese herausragende Leistung nicht völlig ohne Glück vollbracht hatten.

1974 erzielte Georg „Katsche“ Schwarzenbeck im Heysel-Stadion per Fernschuss in der 120. Minute gegen Atlético Madrid das 1:1 und ermöglichte damit das Wiederholungsspiel, welches die Bayern souverän mit 4:0 gewannen. 1975 mussten sich die Bayern im Pariser Prinzenpark über 70 Minuten absolut feldüberlegenen Engländern aus Leeds erwehren, um am Schluss per Konter die Tore zum letztendlich als glücklich zu bezeichnenden 2:0-Sieg zu erzielen. Es sollte jedoch auch erwähnt werden, dass die Spieler von Leeds United derart brutal zu Werke gingen, dass Bayern bereits in der 1. Halbzeit sein Wechselkontingent von damals zwei Spielern ausschöpfen musste. Uli Hoeneß und Björn Andersson mussten sehr früh mit schweren Verletzungen den Platz verlassen – diese wurden durch Attacken verursacht, bei welchen man heute durchaus Platzverweise aussprechen würde. Auch der 1:0-Finalsieg 1976 gegen AS St. Etienne in Glasgow wird heute in der Nachbetrachtung als „glücklich“ bezeichnet – Grund hierfür sind vor allem die beiden Lattentreffer der Franzosen. Dass Bayern früh im Spiel ein Tor wegen angeblichen Abseits zu Unrecht aberkannt wurde, kann da schon einmal vergessen werden 😉 .

Dass Bayern in den nachfolgenden Jahrzehnten jemals in besonderer Weise und vor allem permanent von der Glücksgöttin Fortuna geküsst worden wäre oder Schiedsrichter sie speziell bevorzugt hätten, daran kann ich mich aber ganz ehrlich – und ich versuche jegliche rote Vereinsbrille abzunehmen – überhaupt nicht erinnern. Wenn ich jetzt die Vereinsbrille doch wieder ein bisschen aufsetzen darf, dann würde ich sogar behaupten, dass gerade im letzten Jahrzehnt eher das Gegenteil der Fall war. Wann hatte der FCB zuletzt einen sog. „Heimschiedsrichter“? Und ich möchte nicht wissen, wie viele Elfmeter den Bayern, allen voran Thomas Müller und Robert Lewandowski, allein in dieser Saison verweigert wurden?

Und wenn die oben geschilderten Europapokal(final)siege wirklich glücklich waren, wie viel Pech hatten die Bayern bei den Finalniederlagen 1982, 1987, 1999 und 2012? 2010 wurde der zu dem Zeitpunkt überragende Franck Ribéry schon im Vorfeld des Finales von der UEFA eliminiert. Wenn man sich die Vorgehensweise bei ähnlichen Fällen vor Augen führt, dann kann man das Verhalten der UEFA 2010 durchaus als skandalös bezeichnen. Gerade bei internationalen Spielen konnte man in den letzten Jahren eher so etwas wie einen Bayern-Malus erkennen. Ein Malus, der zuletzt seinen traurigen Höhepunkt beim dramatischen Ausscheiden der Münchner in Madrid erfuhr.

Wenn man außen vor lässt, wie seltsam der „Bayern-Dusel“ überhaupt wiederholt beschrieben und definiert worden ist (als späte Siegtore), dann liefern gerade aktuelle Statistiken einen eindrucksvollen Beweis, wie viel Pech die Bayern gerade in der auslaufenden Bundesligasaison hatten. In den bisherigen 54 BL-Jahren ist das Bayer Leverkusen der Saison 2003/04 der traurige Rekordhalter, was Aluminiumtreffer (früher Holztreffer) betrifft: Satte 26 Mal passierte das vor 13 Jahren. Die aktuellen Bayern haben diesen Rekord bereits zwei Spieltage vor Saisonende eingestellt – Dusel ist doch ganz etwas anderes.

Und wenn man als Fußballfan über die Grenzen hinaus schaut, dann kann man erkennen, wie häufig die Spitzenteams in Spanien, England und Italien entscheidende Tore in der sechsten, siebten, achten Minute der Nachspielzeit oder sogar noch später erzielen. Dazu bedarf es Willen, Kampfkraft, Können – das besitzen all diese Spitzenteams, inklusive der Bayern, mit Glück oder Dusel hat das ganz wenig zu tun. Im Übrigen lassen die BL-Schiedsrichter den Bayern meist weit weniger Nachspielzeit für eine Ergebniskorrektur als ihren Kollegen in den anderen großen Ligen.

Im Schatten der „begünstigten Glücksritter“ aus München hat sich in den letzten knapp zehn Jahren Borussia Dortmund zum Liebling der Medien und vieler – auch auswärtiger – Fans gemausert. Der BVB erlangte nicht zuletzt auch deshalb diese großen Sympathiewerte, weil er als großer und auch erfolgreicher Gegenpol zu den duselnden und (deshalb?) bei vielen unbeliebten Bayern aufgebaut wurde. Und wenn die einen, die „Bösen“, immer so viel Glück und unverdiente Unterstützung erfahren, dann müssen die anderen, die „Guten“, ebenso Pech haben und Ungerechtigkeiten gegen sich ertragen.

Der BVB und vor allem seine Fangemeinde fühlten sich zusehends wohler in ihrer angedachten „Opferrolle“ – die „Echte Liebe“ identifizierte sich nahezu damit, gerade wenn es gegen Bayern ging und man ein entscheidendes Spiel bzw. Finale gegen die Münchner verlor. Die Sachlichkeit ging dabei meist vollkommen verloren – kein Wunder, wenn man eine Vereinsikone wie Norbert Dickel hat, der bei seiner Kritik auch jedes Mal zusätzlich komplett seine gute Kinderstube vergaß.

Der BVB als Opfer, die „Bonus-Bayern“ die Begünstigten – der Höhepunkt war in dieser Hinsicht wohl das Pokalfinale 2014 in Berlin, als der damals noch für Dortmund spielende Mats Hummels den vermeintlichen Führungstreffer für den BVB erzielte. Das Schiedsrichtergespann bemerkte damals fälschlicherweise nicht, dass Hummels Ball die Torlinie des Bayern-Tores  in vollem Umfang überquert hatte. Jedoch bemerkte der Schiedsrichterassistent bei derselben Szene auch nicht, dass Hummels das Tor aus Abseitsposition erzielt hätte. Und dass es überhaupt zu dieser Szene kommen konnte, verdankten alle Beteiligten Schiedsrichter Gagelmann, welcher vorher einen abenteuerlichen Freistoß pro Dortmund am Bayernstrafraum pfiff. In der Erinnerung aller blieb jedoch einzig und allein das nicht gegebene Tor, obwohl der Ball die Linie überschritten hatte – Bayern-Bonus eben.

Wer erinnert sich schon noch an die zahlreichen falschen Schiedsrichter-Entscheidungen in den letzten 10 Jahren beim „deutschen Klassiker“ gegen den FC Bayern? Und gerade unter der Spielleitung von Herrn Gagelmann gab es eine große Anzahl davon.

Die Augen der Fans vom FC Málaga funkeln übrigens immer noch, wenn sie an das entscheidende völlig irreguläre BVB-Tor beim 3:2 im Champions League Viertelfinalrückspiel 2013 denken – die Wut ist noch nicht verraucht.

Und dass man sich langsam vom Märchen des Bayern-Dusels und –Bonus lösen sollte und bei diesen Attributen aktuell eher Borussia Dortmund in Verdacht haben sollte, zeigen auch zwei wichtige Spiele der letzten zwei Wochen deutlich:

Das Halbfinale vor 12 Tagen in München fand beim 3:2 des BVB allenfalls einen sehr glücklichen, weniger einen verdienten Sieger. Von „Dusel-BVB“ war aber nach dem Spiel nichts zu hören. Eher – und natürlich auch zurecht – von den fahrlässigen Bayern, die den Sack einfach nicht zugemacht haben.

Wie viel Glück aber Dortmund tatsächlich hatte, davon wurde nicht gesprochen: Im Spiel gab es insgesamt vier Aluminiumtreffer: Zwei auf beiden Seiten – beide auf BVB-Seite führten zu Toren, beide auf Münchner Seite zu Frust.

Beim 0:1 trudelte der Ball an den linken Pfosten des Bayern-Tores, Philipp Lahm lief hinterher und war klar als erster am Ball. Weil dieser jedoch so unglücklich vom Pfosten abprallte, bekam er ihn nicht unter Kontrolle und Marco Reus konnte ihn aus einem Meter ins leere Tor einschieben.

Beim Stand von 1:1 köpft Javi Martinez ans Lattenkreuz des BVB-Tores, Keeper Bürki wäre absolut chancenlos gewesen.

Beim Stand von 2:1 für Bayern die wohl größte Chance des Spiels: Arjen Robbens Ball wird von Bender ebenso artistisch wie glücklich an den Pfosten des eigenen Tors gelenkt.

Dembeles Siegtreffer zum 3:2: Von der Unterkante der Latte – natürlich – ins Tor.

Vier spielentscheidende Situationen – viermal ist der Glückspendel Richtung Dortmund ausgeschlagen! „BVB-Dusel“?!

 

Allen Fußballfans außerdem in frischer Erinnerung: Das vorentscheidende Spiel um den dritten Platz in der Bundesliga, welcher mit der Direktqualifikation für die Champions League verbunden ist, im Signal Iduna Park zwischen dem BVB und der TSG Hoffenheim. Der Münchner(!) Schiedsrichter Dr. Brych und sein Team entscheiden in der 1. Halbzeit im Alleingang das Spiel zu Gunsten von Dortmund. Vier derart krasse Fehlentscheidungen in einem Spiel, ja sogar in einer Halbzeit, für ein Team – das ist ein trauriger Spitzenwert.

Bemerkenswert und gut fand ich nach dem Spiel den Kommentar von Dortmunds Trainer Tuchel, welcher ohne Einwände die krasse Schiedsrichter-Bevorzugung seiner Mannschaft zugab und gleichzeitig in diesem Kontext sein Plädoyer für den Videobeweis im Fußball zum Besten gab. Nach einer Saison – ob national oder international – mit einer nie zuvor dagewesenen Anzahl an spielentscheidenden Fehlentscheidungen, kann die Konsequenz im Fußball, wenn er denn auch technisch im 21. Jahrhundert ankommen möchte, nur der Videobeweis sein. Italien führt ihn schon in der nächsten Ligasaison ein und alle müssen nachziehen.

Wenn Brych & Co. schon am Samstag diese Hilfsmittel zur Verfügung gehabt hätten, dann würden sich auf Hoffenheimer Seite Nagelsmann & Co. nicht noch immer über diesen extremen „BVB-Bonus“ aufregen müssen und könnten stattdessen quasi schon die CL-Qualifikation feiern. Und das ehemalige „gefühlte Opfer“ BVB sollte sich dann auch nicht zu sehr darüber beschweren, dass es zukünftig so fair, wie es die Videobeweise ermöglichen, behandelt wird   😉

 

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9 Kommentare zu „Bayern – Bonus und Dusel? BVB-Bonus und Dusel!“

  1. Eine tolle Statistik zur Medienente Bayerndusel (die auflagengeil nur Bayernneider bedient) bietet:
    http://miasanrot.de/round-up-bayern-dusel-statistik/

    Über die Jahre 2001 bis 2017 wird hier grafisch die Spielminuten-Verteilung der Tore des FC Bayern mit den anderen Vereine der Liga verglichen. Fazit:

    „Die Münchner steigern ihre Torgefahr quasi durchgehend über das gesamte Spiel. Darüber hinaus steigern sich die Münchner besonders in den letzten zwanzig Minuten einer jeden Halbzeit. Dort erzielen sie im Schnitt mehr Tore als der Rest der Liga. Da absolut bei Bayern-Spielen zudem mehr Tore fallen, ist somit auch die Gesamtzahl der Tore in den letzten Minuten höher, als bei Spielen ohne die Bayern.
    Das mögen die einen nun Dusel nennen, spricht aber im Allgemeinen für die statistisch bewiesene Klasse der Bayern, in den letzten Minuten einer Partie in einen nochmals höheren Gang zu schalten.“

    Mea sog i ned 😉

    1. Danke für die Info bzw. Statistik.

      Wie ich ja schon im Ursprungsbeitrag angedeutet habe, hat für mich Glück und Dusel in einem Spiel eigentlich nicht ansatzweise etwas damit zu tun, wann die (entscheidenden) Tore fallen, sondern doch viel eher, WIE die Tore fallen. Nach der gängigen „Definition des Bayern-Dusels“ ist ein super herausgespieltes korrektes Tor in der Nachspielzeit viel mehr Dusel als ein irreguläres in den Anfangsminuten …

      Ich sage, wenn man das „Glück“ hat, ein frühes Tor zu erzielen, dann tut man (v.a die Bayern) sich im restlichen Spiel viel leichter … Aber wer hat schon jemals im Zusammenhang mit einem sehr früh im Spiel erzielten Tor von „Dusel“ gesprochen 😉 ?

  2. Sehr schöner Kommentar, der die alte Mär vom leidigen „Bayern-Dusel“ mit Fakten widerlegt. Manche Fehlentscheidungen, wie jene des Felix Brych samt seines Teams gehen mittlerweile nicht mehr auf die berühmte Kuhhaut. Klar ist das Spiel schneller und athletischer geworden, sich bei zwei ähnlich gelagerten Handspielen für das nachfolgende zu entscheiden und selbiges sogar noch mit Strafstoß zu sanktionieren, halte ich für mutig. Oder doch selektive Wahrnehmung? Auf jeden Fall ein Unding. Sandro Wagner wird gehalten, bis er beinahe Trikotfrei im Strafraum steht und es passiert nichts. Hanebüchen. Wenn das bei einem Spiel der Bayern zu deren Vorteil geschehen wäre, ein medialer Aufschrei ginge gellend die durch Republik.

    Ähnlich läuft es ja mit dem leidigen Thema, Bayern kaufe die Liga leer bzw. schwäche dadurch Mitkonkurrenten, was dem Niveau der Liga schade. Aha. Derselbe Stuss, welcher auch nach der x-ten Wiederholung nicht an Wahrheitsgehalt gewinnt. Selbst der kicker entblödete sich nicht, auf diesen Zug aufzuspringen und bediente sich, um im modernen Neusprech zu bleiben, einer postfaktischen Argumentation. Scheinen es wohl nötig zu haben. Traurig…

    1. Danke Florian!

      Ja, es ziehen aktuell schon ein paar Ligen nach. Die Portugiesen, die Holländer in 2018 …

      Die Bundesliga?

      Barca – PSG, Madrid – Bayern, BVB – Hoffenheim – mehr Werbung für den Videobeweis ging gar nicht!

      1. Der Videobeweis für die Bundesliga ist doch für kommende Saison angekündigt worden. (meiner Meinung nach sogar VOR den Italienern und Portugiesen)

        (übrigens : sehr guter und informativer Beitrag)

  3. Hervorragender Beitrag – wie von Petersgradmesser gewöhnt!

    Detailliert und einem Bayernfan aus tiefstem Herzen sprechend!

    (Immer) weiter so! Für mich die beste Seite dieser Art im Netz.

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