Charakter- und willensstarke Bayern

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Es gibt im deutschen Fußball – gefühlt seit den Pionierjahren vor über einem Jahrhundert – eine grundsätzliche Wahrnehmung: Der FC Bayern kann sich „immer“ auf sein unverschämtes, unverdientes Glück, den sog. „Bayern-Dusel“, verlassen. Und wenn dieser Bayern-Dusel alleine nicht ausreicht, dann wird er durch den „Bayern-Bonus“ mit einseitigen Schiedsrichterentscheidungen zu Gunsten des deutschen Rekordmeisters verstärkt.

Am vergangenen Wochenende wurde dieser Klassiker nach dem Spiel der Bayern bei der Hertha in Berlin wieder ausgepackt: Das – in meinen Augen trotz mäßiger Leistung absolut verdiente – 1:1 durch Robert Lewandowski in der 96. Minute (= „Bayern-Dusel“) war nur möglich, weil Schiedsrichter Pattrick Ittrich derart lange nachspielen ließ (= „Bayern-Bonus“).

In seinem Frust nach dem Spiel ließ sich leider auch der sonst eher besonnene Hertha-Trainer Pal Dardai zu völlig deplatzierten Aussagen über den angeblichen „Bayern-Bonus“ hinreißen.  Dabei hatte er wohl vergessen, dass dem Führungstor seiner Hertha eine klare Schiedsrichterfehlentscheidung vorausgegangen war und sich auch sonst im Spielverlauf viel eher die Bayern über Ittrich hätten beschweren können als die Hauptstädter – warum das Foul an Robben in aussichtsreichster Freistoßposition zum Beispiel keinen Freistoß nach sich zog, bleibt Ittrichs Geheimnis.

Warum warf Dardai dem Schiedsrichter dennoch einen Bayern-Bonus vor?

Anders als in vielen anderen Bundesliga- aber auch Champions League Spielen der letzten Jahre hat mit Herrn Ittrich endlich einmal ein Schiedsrichter ansatzweise die Regeln eingehalten. Denn wenn man gegen überlegene Gegner wie Bayern mit einem Unentschieden oder gar einer knappen Führung in die Schlussphase des Spiels kommt, werden seit Jahren wirklich alle erlaubten und unerlaubten Register gezogen, um das Spiel zu unterbrechen und zu verzögern. Dazu auch https://petersgradmesser.wordpress.com/2016/10/02/fifa-regeln-versus-attraktiver-offensivfussball/

Es gab in den letzten Jahren Spiele in der Allianz Arena, nach welchen sich viele einig waren, dass eine Nachspielzeit von zehn bis 15 Minuten eigentlich vertretbar gewesen wäre. Unverständlicherweise gab es aber fast immer die in der Bundesliga mittlerweile standardmäßigen drei Minuten Nachspielzeit, wenn der Spielstand nicht vollkommen klar ist. Nicht regelkonform sollte es übrigens aber auch sein, dass von den Bayern klar dominierte und gewonnene Spiele immer nach exakt 90 Minuten abgepfiffen werden.

Nachdem die Hertha-Spieler das Spiel in der zweiten Halbzeit immer häufiger vor allem aufgrund von angeblichen Krämpfen verzögert hatten, packte der Schiedsrichter auf die 90 Minuten ursprünglich noch einmal fünf Minuten drauf. Weil sonst einheitlich immer nur drei Minuten nachgespielt werden, verärgerte wohl schon diese Entscheidung die Berliner. Wenn Ittrich aber wirklich konsequent gewesen wäre, hätten auf der Tafel auch schon sieben oder acht Minuten Nachspielzeit angezeigt werden können. In diesen fünf Nachspielminuten wechselte Dardai noch zweimal – die Auswechslungszeremonien dauern mittlerweile in dieser späten Spielphase meist jeweils über eine Minute, die nochmals nachgespielt werden müssen. Das Foul an Coman, welches zum Tor bringenden Freistoß führte, war dagegen nach nur 95 Minuten und ein paar Sekunden. Bis zur Ausführung des Freistoßes dauerte es wiederum fast eine Dreiviertel-Minute.

Ich stelle mir gerade das Szenario vor, dass das Spiel nach dem 1:1 noch einmal zwei Minuten weiter läuft und Bayern das 2:1 erzielt…. Dann wäre Dardai nicht nur verbal Amok gelaufen 😉

Für mich persönlich gibt es nicht den geringsten Zweifel, dass die nachgespielte Zeit eher das Minimum dargestellt hat – also von wegen „Bayern-Bonus“.

Und was hat das mit „unverschämten Glück, dem sog. Bayern-Dusel“ zu tun? Keine deutsche Mannschaft geht bei einem knappen Spielstand wie die Bayern mit derart viel Risiko und Willen in die Schlussminuten. Die Jungs wollen bis zur letzten Sekunde die bis dahin verlorenen Punkte zurück gewinnen. Das funktionierte zuletzt ziemlich häufig (u.a. in Freiburg und Ingolstadt), aber auch nicht immer: Anfang Oktober vergaben die Spieler von Ancelotti beim 1:1 gegen Köln am Ende im Minutentakt hochkarätige Chancen und scheiterten satte dreimal am Aluminium – ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Bayern wegen ihres riesigen Pechs in jenem Spiel bedauert worden wären. Eine permanent von der Glücksgöttin Fortuna geküsste Mannschaft ist auch bei den Aluminiumtreffern nicht so weit vorne wie die Bayern.

Und es bedarf auch großer mentaler Willensstärke, wenn man, wie zuletzt geschehen permanent bei wichtigen Schiedsrichterentscheidungen benachteiligt wird. Während in Spanien den Großen – Madrid und Barcelona – fast schon inflationär Elfmeter zugesprochen werden, passiert dies in München bestenfalls nach jedem fünften Strafraumfoul gegen einen Bayernstürmer. Die 2017er Quote ist nahezu beängstigend. Seit Jahren sollte man bei solchen Situationen viel eher von einem Bayern-Malus sprechen.

Übrigens sind die Bayernspieler aus München einen „Bundesliga-würdigen“ Rasen gewöhnt. Diesen konnte man im Berliner Olympiastadion wohlwollend allenfalls als „Kartoffelacker“ bezeichnen. Hertha ist aber zuletzt beileibe nicht der erste Verein gewesen, der ein derartiges unwürdiges Geläuf als Spielfläche angeboten hat. Jeder interpretiert seinen „Heimvorteil“ eben anders – aber auch in dieser Hinsicht sieht ein „Bayern-Bonus“ doch ganz anders aus.

All dies sollte man nicht unbeachtet lassen, wenn man die Bayernleistungen der letzten Wochen, manche tun dies bereits seit Saisonbeginn, kritisiert. Das Bayernspiel ist sicher nicht mehr so dominant und spektakulär wie unter Ancelottis Vorgänger Pep Guardiola. Aber ich würde gerne Bayerndusel und – bonus durch „bayerische Mentalitätsmonster“ ersetzt sehen – bei der aktuellen Mannschaft mehr denn je.

Am vergangenen Wochenende ging übrigens auch die Partie Borussia Mönchengladbach gegen RB Leipzig in die 97. Minute – vielleicht unbemerkt, weil die Fohlenelf das 2:2 nicht mehr erzielen konnte. Aber ich finde, dass dies aus genannten Gründen ein guter Trend ist.

Und gestern Abend gewann der große CF Barcelona 2:1 gegen CD Leganes durch einen Elfmeter von Messi in der 90. Minute!

 

Das Bonus-Dusel-Gerede langweilt leider wirklich, wird aber auch in den nächsten Fußball-Jahr(zehnt)en ein Wegbegleiter sein, zumal es medial immer wieder Topquoten bringen wird.

 

Petersgradmesser hat dieses Thema in den letzten Jahren zur Genüge abgearbeitet:

https://petersgradmesser.wordpress.com/2015/09/14/bayern-bonus-und-dusel/

https://petersgradmesser.wordpress.com/2016/01/23/rueckrundenstart-dusel-sieg-der-bayern-in-hamburg/

 

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12 Kommentare zu „Charakter- und willensstarke Bayern“

  1. „Charakter-und willensstarke Bayern“ bringt‘s auf den Punkt!

    Wer nun – wie so viele bei „Mia san Rot“– nostalgisch die dauerdominante und astral schöne Spielweise unter Guardiola glorifiziert (auch ich weine ihr ein bisschen nach), sollte nicht vergessen, dass sich auch schon unter Pep die Gegner mit mauernden und zeitschindenden „11er Riegeln“ darauf „eingestellt“ haben und auch diese so immer unattraktiver wurde.

    Und überhaupt, wäre sie im absichtlich kultivierten Berliner Sumpfrasen überhaupt möglich gewesen?

    Apropos Zeitschinderei und gerechtfertigte Nachspielzeit: Der Jahrstein wollte da wohl Eier ausbrüten? Das habe ich so noch nie gesehen und hätte trotz dramaturgisch überzeugender B-Note noch 2 Minuten zusätzlicher Brutpauschale verdient gehabt.

    Übrigens noch, im Nachhinein noch ein großes Lob für Deine Beiträge „Freundschaft zu Manchester“ und „Shalom“ 😉

    In diesem Sinn …

    1. Ich war (und bin es eigentlich immer noch) absoluter Fan von Pep Guardiola und seiner Vorstellung, Fußball zu zelebrieren.

      Und am liebsten wäre es mir, wenn die Mannschaft diesen in Topform (inkl. Sommer- und Winterpause) in jedem Spiel abliefern könnte. Auf die Fragen in jener Phase, ob für mich die Bayern-Dominanz nicht auch schon langweilig wäre, habe ich immer nur mit einem ehrlichen Kopfschütteln geantwortet. Motto: So lange genießen wie nur möglich – und akzeptieren, dass auch wieder andere (schlechtere) Phasen kommen (müssen).

      Und ich sehe es wie du: Es gab auch unter Pep (leider vor allem in den Rückrunden) Phasen, in welchen es keineswegs so gut lief, wie jetzt immer getan wird. Ganz einfach: Die Jungs sind – glücklicherweise – keine Maschinen bzw. Roboter. Nichts ist selbstverständlich.

      So sehr ich im Dezember 2015 über den Abgang von Pep enttäuscht war, so sehr bin ich jetzt davon überzeugt, dass es unter ihm auch 2017 nichts in der CL geworden wäre (vlt. nicht einmal in der BL) – ich denke, er selbst hatte auch dieses Gefühl. Mit Carlo könnte es funktionieren – ich schwanke dabei allerdings selbst immer zwischen Hoffen und Bangen.

      Zum Zeitschinden und der dadurch gerechtfertigten Nachspielzeit: Ich hoffe, dass das vergangene Wochenende da einen Trend eingeleitet hat. Diese langen Nachspielzeiten gibt es übrigens in Spanien, Italien und England schon lange.

      Herzlichen Dank für das Lob hinsichtlich der „Shalom“- und Manchester United Beiträge – wirklich zwei bewegende Geschichten.

      1. Nachschlag Zeitschinden:“Dostlukspor Bottrop gegen Blau-Weiß Wesel; in der ersten Halbzeit gab es 15 Minuten obendrauf, in der zweiten 13. Interessant ist die Rechtfertigung des Schiedsrichters: Die Zuschauer hätten für 90 Minuten bezahlt, also sollten sie 90 Minuten haben.“ (aus: SZ)

        1. Unterbinden von Zeitschinden: Wie wär’s mit der hierzulande kaum beachteten „griechischen Methode“ ?
          😉

        2. Halte ich sehr sehr viel davon 😉

          Interessant wäre auch gewesen, zu sehen, wie schnell die anschließende „Wunderheilung“ erfolgt ist …

  2. Wie ich immer gerne sage. Es sind solche Spiele, die dich zu großen Titel führen! Was bringt es dir, Gegner aus den Station zu fegen, wenn man in den wichtigen spielen versagt… Du musst aus knappen spielen alles heraus holen können, wenn du den großen Preis haben willst! Das man bei der Sr. Leistung und diesen Zeitspiel noch den einen Punkt geholt hat (in letzter Sekunde). Ist mehr Wert wie ein 5 zu 1. Denn das zeigt, dass Bayern auch in der Lage ist, ein Spiel in letzter Sekund ezu kippen!

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