Carlo Ancelotti – eine Zwischenbilanz

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Als der FC Bayern kurz vor Weihnachten 2015 bekannt gegeben hat, dass Pep Guardiola nach der Saison den Verein verlassen würde und Carlo Ancelotti sein Nachfolger werden würde, begann die Zeit der Vergleiche zwischen den beiden Weltklassetrainern. Erwartungsgemäß spalteten sich die Fans des Rekordmeisters in zwei Lager – dieser Fanzwist dauert bis heute an, mit der kleinen Hoffnung, dass der souveräne 3:0-Sieg von „Carlos Bayern“ zum Jahresende gegen RB Leipzig diesen zumindest etwas eindämmen könnte.

Wie viele Diskussionen an den Fanstammtischen des Rekordmeisters und vor allem in den Boulevard-Medien über die Trainerbesetzung und –qualitäten hat es seit Dezember 2015 gegeben? Unzählige. Hauptverantwortlich dafür ist meiner Meinung nach aber immer noch der Medienhype um den Ex-Bayerntrainer Pep Guardiola (2013-16) – kein anderer Coach der Vereinsgeschichte hat derart polarisiert. Ancelottis Schaffensperiode fällt nun in eine „mediale Abkühlungsphase“, in welcher aber auch immer wieder neue und bestehende Brandherde auftauchen.

Ein kurzer Blick zurück zu Pep: Obwohl die Mannschaft des FCB mit ihrem dominanten Fußball in seiner Zeit die Bundesliga so wie noch keine andere deutsche Mannschaft zuvor beherrscht hat, gilt er unglaublicherweise bei vielen Bayernfans als gescheitert. Der bekannte vielfach diskutierte Grund ist der „Makel“, den Champions League Titel nicht erneut an die Säbener Straße geholt zu haben. Dreimal hintereinander im Halbfinale der CL ist für viele ein Indiz für sein Scheitern! Dass dieses Kunststück nur zweimal zuvor in der Vereinsgeschichte gelungen ist (1974-76; 1999-2001) besänftigt seine Kritiker nicht, zumal man in jenen Phasen den Titel drei- bzw. einmal gewann. Dass der FCB in Guardiolas Phase Rekord um Rekord aufgestellt hat, u.a. zusammen mit der Heynckes-Phase sogar fünfmal in Serie mindestens im CL-Halbfinale stand und dass es der Mannschaft gelang, als erstes deutsches Team viermal in Serie Deutscher Meister zu werden, verblasst für viele hinter dem genannten „Makel“. Jupp Heynckes´ Triple-Bayern 2013 sind seit jenem einmaligen Jahr der Maßstab!

Diese unfassbaren Siegesserien erzeugen – man muss sagen „leider“ – eine unglaubliche Erwartungshaltung. Die Tatsache, dass jede Wiederholung einer Meisterschaft bzw. der dazu notwendigen Leistungen eher schwerer als leichter wird, versinkt hinter dieser Haltung. Und wenn man wie Carlo Ancelotti eine Mannschaft in solch einer Phase übernimmt, dann ist es schon allein durch die Konstellation eine ungemein schwierige Aufgabe – so viel zu seiner Ausgangssituation. Wenn schon Pep´s gnadenloser Erfolgsfußball einen nicht unbeträchtlichen Teil der eigenen Anhängerschaft nicht zufrieden stellen konnte, was passiert, wenn ein eher pragmatischer italienischer Coach das Zepter übernimmt?

Die Medien hatte Carlo sehr schnell auf seiner Seite. Allerdings auch kein großes Kunststück, waren diese doch nie mit Pep´s Handhabung ihrer Zunft einverstanden gewesen. Fast jedes Lob für den sympathischen Gentleman vom Stiefel konnte man auch als Revanche am bei der Presse weniger beliebten Katalanen deuten – glücklicherweise lässt dieser Zustand langsam nach.

Aber wie würde Carlos Einstand auf dem Spielfeld verlaufen? Ein Großteil der FCB-Leistungsträger war bei der Europameisterschaft in Frankreich weniger erfolgreich als erhofft. Ein paar Spieler wurden sogar zu Sündenböcken ihrer jeweiligen Nationalteams gemacht (Alaba, Müller), andere schleppten noch Verletzungen aus der EM oder der Vorsaison mit. Die ersten Freundschaftsspiele auf der Amerikareise gaben erste Aufschlüsse: Obwohl mit Amateurspielern aufgefüllt und noch in der frühen Vorbereitungsphase waren es weniger die (unwichtigen) Ergebnisse als die Spielweise, welche zu Optimismus animierte. Im Vergleich zu seinem Vorgänger ließ Carlo wesentlich vertikaler spielen. Endlose Ballstafetten  wurden durch schnelle erfolgreiche Pässe in die Sturmspitze ersetzt.

Sehr lange hielt diese kleine Euphoriewelle jedoch nicht an. Als die Bayern Mitte August erstmals seit 2012 den Supercup beim Erzrivalen Borussia Dortmund gewannen – Pep´s Bayern hatten dies dreimal in Folge vergeblich versucht – erfreuten sich die meisten (Fans) weniger am 2:0-Sieg in der Höhle des Löwen, als dass sie sich über die destruktive Spielweise des FCB beklagten. Und auch wenn viele dem FC Bayern schon knapp zwei Wochen später nach dem 6:0 zum Bundesligaauftakt gegen schwache Bremer zum fünften Meistertitel in Folge gratulierten, wurde Ancelottis Rekordtrainereinstand mit acht Pflichtspielsiegen in Folge weniger gefeiert, als dass die zum Teil nicht so attraktive Spielweise dabei kritisiert worden wäre. Am 2. Spieltag der CL-Vorrunde verlor man bei Atlético Madrid, ebenso wie im Halbfinale 2015/16, mit 0:1. Die Kritik an der Mannschaftsleistung und am Trainer fiel sogar noch heftiger aus als gut vier Monate zuvor.

In diese Phase fielen auch zwei BL-Unentschieden in Frankfurt und gegen Köln, beide Teams sind bislang in dieser Saison im Spitzenfeld der Bundesliga vertreten. Anschließend wurden wettbewerbsübergreifend fünf Spiele in Folge gewonnen. Dann aber gab es nur ein 1:1 zuhause gegen Hoffenheim vor der November-Länderspielpause und danach verlor man 0:1 in Dortmund und sogar 2:3 in der CL beim krassen Außenseiter in Rostow, welchen man im September in der Allianz Arena noch ohne geringste Mühen mit 5:0 aus dem Stadion geschossen hatte. Folgen: Der von vielen Fans unbeliebte Aufsteiger RB Leipzig zog in der BL-Tabelle an den Bayern vorbei und in der CL hatte man schon vor dem „Vorrundenfinale“ gegen Atleti den Gruppensieg verspielt. Die Aufstellung von Ancelotti und die Einstellung eines Großteils des Teams in Rostow ließen sogar die Vermutung zu, dass man diesen Gruppensieg nicht unter allen Umständen wollte. So drohte auch nach dem 1:0-Sieg im letzten CL-Gruppenspiel gegen Atlético Madrid das Hammerlos FC Barcelona. Letztendlich wurde es – wie in den letzten Jahren so oft – Arsenal London, mit dem man bislang nur gute Erfahrungen gemacht hatte.

Auch in der Bundesliga wurden sämtliche Spiele nach der Dortmund-Pleite gewonnen, allerdings mit unterschiedlichen Leistungen. Das Auswärtsspiel in Darmstadt (1:0) war derart dürftig gewesen, dass viele Bayernfans beim „Final Countdown“ am 21. Dezember gegen RB Leipzig in der Arena das Schlimmste befürchteten, während so mancher „Bullen-Fan“ schon frohlockte. Als Ancelottis Startaufstellung bekannt war, in welcher u.a. Thomas Müller und Franck Ribéry fehlten, dagegen der von vielen für die pfeilschnellen Leipziger als zu langsam erachtete Xabi Alonso aufgestellt war, konnten man schon den einen oder anderen Fan vor und in der Arena fluchen hören. Carlos furiose „Weihnachts-Bayern“ belehrten die Skeptiker jedoch eines besseren. Mit der wohl besten Saisonleistung wurden dem Herausforderer aus Leipzig deutlich die Grenzen aufgezeigt. Der 3:0-Sieg, bei dem ausgerechnet auch noch Xabi zum 2:0 aus Mittelstürmerposition (!) traf, belegte nur schwach die gnadenlose Überlegenheit des Rekordmeisters in diesem an jenem kalten Dezemberabend ungleichen Duell. Nur die mangelnde Chancenverwertung in der 2. Halbzeit und zweimal Aluminium bewahrten die Bullen vor einem Debakel. Großer Gewinner des Abends war vor allem Carlo Ancelotti.

In der Tat konnte sich der verwöhnte Bayernfan – ich schließe mich da ausdrücklich mit ein – in der Vorrunde über einige doch ziemlich durchwachsene Leistungen der Mannschaft echauffieren, zwischenzeitlich musste man sogar die Schmach erleiden, „Bullenjäger“ zu sein. Es gab durchaus auch Phasen, in welchen man am Masterplan Ancelottis – „ab Februar müssen alle topfit sein, dann gilt es“ – wohl auch berechtigte Zweifel haben konnte. Aber dieses grandiose 3:0 gegen Leipzig genau zum richtigen Zeitpunkt vor der Winterpause gibt einem das gute Gefühl, dass dieser Plan wirklich aufgehen könnte. Pep´s Ballbesitzmonster haben zu diesem Zeitpunkt meistens schon geschwächelt, dies auch verletzungsbedingt. Ähnliches musste man leider auch immer in der Saisonendphase konstatieren.

Bei Carlo scheint nun tatsächlich das Gegenteil der Fall zu sein. So zweikampfstark und fokussiert wie gegen RB hat man die Truppe während der gesamten Vorrunde nicht gesehen – und dies ist doch sehr beruhigend, nachdem kurz zuvor noch einige sog. Experten den Fitnesszustand des Teams anzweifelten und bemängelten.

Es bleibt sehr spannend in der Rückrunde: Carlo Ancelotti ist ein „Spezialist“ für die großen internationalen Titel: Die Champions League (bzw. den Vorgängerwettbewerb Landesmeistercup) gewann er als Spieler und Trainer insgesamt sagenhafte fünfmal. Nationale Meisterschaften dagegen „nur“ sechsmal. Und interessanterweise holte er nie einen nationalen und einen internationalen Titel im selben Jahr. Selbst die Supertruppe von Milan, die 1990 als letztes Team den CL-Titel (damals noch Europapokal der Landesmeister) verteidigte, musste sich in der Serie A 1989 dem Lokalrivalen Inter (mit den Ex-Bayern Matthäus und Brehme) und 1990 Maradonas Napoli national geschlagen geben.

Kann Carlo – mit Bayern – Double (die „internationale Version“) oder gar Triple? Bislang war er international immer dann erfolgreich, wenn er vorher die Bayern aus dem Wettbewerb geworfen hatte (1990 Halbfinale, 2002 CL-Vorrunde, 2007 CL-Viertelfinale, 2014 CL-Halbfinale). Ich war bei all diesen Spielen live im Stadion dabei – die Play-Off K.O.s waren immer in München. 2017 möchte ich es andersherum MIT Carlo auf der Bayernbank erleben.  Spielsystem – ob 4-3-3 oder 4-2-3-1 oder ganz anders … völlig egal. Und ich vertraue dabei auf seinen bekannt guten, von vielen als „väterlich“ bezeichneten, Umgang mit der Mannschaft.

Mit einem fitten Team „kann Carlo sogar Triple“ – da bin ich mir sicher. Aber dieses kann man nie und nimmer von einer Mannschaft fordern – es müssen wie 2013 alle positiven Faktoren zusammen kommen. Und anders als 2013 werden Madrid, Barca & Co. wohl in 2017 nicht schwächeln – was einem FC Bayern mit dieser Mannschaft trotzdem nicht den Optimismus rauben sollte. Nur die zu erfolgsverwöhnten Fans „justieren“ …. 😉

Auf ein gutes Neues Jahr 2017!

 

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9 Kommentare zu „Carlo Ancelotti – eine Zwischenbilanz“

  1. Ist der „väterliche“ Umgang mit der Mannschaft vielleicht auch „ressourcenschonender“? Kaum beachtet wurde in der Carlo Diskussion bisher der Verletzungsverlauf:

    „Stark verbessert zeigt sich der FC Bayern: Der Verlierer der vergangenen Saison ist unter Trainer Carlo Ancelotti deutlich geklettert und liegt nun mit Fehltagen 27,54 Tagen pro Spieler im unteren Mittelfeld (Platz 12).“

    http://fussballverletzungen.com/2016/12/22/die-verletzungstabelle-zur-winterpause-201617/

    Auf ein gutes neues Jahr, Peter. Weiter so mit Deinem Blog 😉

    1. Vielen Dank für den Link, Gerald!

      Ja, trotz Thiago ist die Tendenz bei den Verletzungen bei Bayern eindeutig positiv – Carlo Ancelotti hat zuletzt diese Thematik auch mehrmals angesprochen: Mit voller Power und möglichst weitgehend verletzungsfrei in die Rückrunde. Das war 2013 auch das Erfolgsrezept von Jupp Heynckes.

      Interessant: Real Madrid legt aktuell (2016/17) eine Siegesserie hin wie Bayern im ersten Guardiola-Jahr … das Ende ist bekannt.

      Auch Dir ein gutes Neues Jahr, Gerald – ich strenge mich weiterhin an 😉

  2. Hervorragend analysiert – die beste Seite im Netz! 🙂

    @ GÜNO: Als Bayernfan darf man, meine ich, schon das T-Wort in den Mund legen, wenn es, wie hier, keine Forderung ist … So viel Selbstbewusstsein sei erlaubt! 😉

    1. Danke Erich!

      Das T-Wort taucht ja auch hauptsächlich in Fan-TRÄUMEN auf 😉

      Wie viele Triples gab es denn schon im europäischen Vereinsfußball (seit 1956)?

      1967 Celtic
      1972 Ajax
      1988 PSV
      1999 ManUnited
      2009 Barca
      2010 Inter
      2013 Bayern
      2015 Barca

      Ganze acht, Barca 2x innerhalb von sechs Jahren …

    2. Ich kann das T-Wort einfach nicht mehr hören/lesen. Lasst uns vom CL-Triumph reden. Das alleine reicht mir. 😉
      Der (liebe) Rest ist Nebensache. Und sollte man das „T“ nicht erreichen, weil man im DFB-Pokal ausscheidet, ist das doch jedem egal.

      1. Also ich persönlich würde es sofort unterzeichnen, wenn der FC Bayern eine Garantie erhielte, 2017 „nur“ Meisterschaft und CL zu gewinnen. 🙂

        Allerdings ist das Berlin-Wochenende anlässlich des Pokalfinales auch immer ein schönes …

        2017 Cardiff anstelle von Berlin – OK!! 😉

  3. Schöne Sache. Nur das T-Wort in den letzten beiden Absätzen hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht. 😉

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