Carlos Bayern auf dem richtigen Weg

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Obwohl Carlo Ancelottis Pflichtspielstart mit Bayern der ergebnistechnisch beste der Vereinshistorie war, waren viele Anhänger des Rekordmeisters mit der Art und Weise, wie diese acht Siege in Folge erzielt worden sind , nicht einverstanden – trotz der dabei erzielten 27:1 Tore! Hauptargument: Man kann die Dominanz, die das Team drei Jahre lang unter Pep Guardiola ausgestrahlt hat, nicht mehr erkennen. Als dann auf das 0:1 bei Atlético Madrid zwei Unentschieden in der Bundesliga folgten, sprachen die Medien und auch viele Fans von einer (Mini-)Krise.

In der Tat waren – auch schon bei den vorherigen Siegen – einige mit „bayerischen Maßstäben gemessen“ ungewohnt unsouveräne Leistungen dabei. Als Schuldiger wurde von nicht wenigen der neue Trainer Carlo Ancelotti ausgemacht, der als Nachfolger des detailversessenen und taktisch strengen Guardiola die Zügel zu locker gelassen haben soll. Es sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich erwähnt, dass diese Lockerheit  – nicht zuletzt um dem bei den Medien wenig beliebten Guardiola eins auszuwischen – vorher noch als Ancelottis große Stärke angepriesen worden war. Auch die Spieler zeigten sich ohne Ausnahme selbstkritisch und gestanden reumütig, dass ihnen, vor allem beim ob der Spielentwicklung ärgerlichen 2:2 in Frankfurt, die „richtige Einstellung“ gefehlt hätte.

Für die kommenden Aufgaben wurden von allen Seiten eine Steigerung und eine bessere Einstellung von der Mannschaft erwartet. Und das Team des FC Bayern lieferte diese auch sowohl beim 4:1 in der Champions League gegen den niederländischen Meister PSV Eindhoven als auch beim 2:0 in der Bundesliga gegen den „Angstgegner“ Borussia Mönchengladbach ab.

Eindhoven wurde in den ersten 30 Minuten nahezu an die Wand gespielt – das Ergebnis zu diesem Zeitpunkt (2:0) spiegelte den wahren Spielverlauf nur unzulänglich wider, ein 5:0 wäre korrekter gewesen. Dass das Spiel gegen die Holländer anstelle von 4:1 auch 9:3 hätte ausgehen können, deutet die (immer) noch oder wieder auftretenden Probleme der Münchner an, welche sich gegen die absoluten Spitzenteams als fatal erweisen könnten.

Die Leistung gegen die Gladbacher Borussen fasst der Meister – Carlo Ancelotti – selbst absolut passend zusammen: „In der ersten Halbzeit war es eine richtig gute Vorstellung mit hoher Intensität, die beste in dieser Saison. Damit bin ich sehr zufrieden. Die zweite Hälfte war nicht so gut wie die erste. Gladbach war da auch besser, hat uns mehr Probleme bereitet. Dennoch hatten wir eine gute Kontrolle und Balance und haben gut verteidigt.“

Viele sahen jetzt als Begründung für das Zurückfinden in die Erfolgsspur eine Rückkehr zu Pep Guardiolas Fußball, dem dominanten Ballbesitzfußball. Ich selbst sehe das ein bisschen anders und differenzierter: Gerade bei den Heimspielen dieser Saison traten die Bayern bislang ähnlich dominant wie unter Guardiola auf. Obwohl die „Pep´sche Handschrift“ immer noch deutlich zu erkennen ist, kann man aber auch schon den Einfluss von Ancelotti erkennen. Die defensiven Außen (Alaba und Bernat auf der linken Seite; Lahm, Rafinha und auch Kimmich rechts) treten wesentlich offensiver als unter Guardiola auf. Dagegen rücken die offensiven Außen (Robbery; CoCo) wesentlich häufiger ein, halten nur selten die Außenpositionen, was manchmal auch negative Auswirkungen hat. Denn wenn das dazu nötige Tempo fehlt, dann verdichten sich dabei die Räume extrem („Fußball-Neudeutsch“: Die Räume werden „überladen“ 😉  ). Dass zusätzlich Robbens Spielweise nicht zu hundert Prozent mit der von Lewandowski kompatibel ist, ist nicht neu. Eine erfolgreichere Patentlösung scheint bislang auch noch nicht gefunden zu sein.

Zudem werden gerade vom Neuzugang Mats Hummels, aber auch von Jerome Boateng häufiger als unter Guardiola lange vertikale Pässe in die Spitze gespielt. D.h. dass das Bayernspiel insgesamt seinen dominanten Charakter nicht verloren hat, aber das daran einige kosmetische „Carlo-Korrekturen“ vorgenommen worden sind.

Gänzlich neu für die aktuelle Bayern-Mannschaft sind die Phasen, in welchen sie wesentlich tiefer als unter Guardiola steht und nicht ins aggressive Gegenpressing geht. Perspektivisch gesehen, vor allem was das Kräftehaushalten während einer langen Saison betrifft, sicher eine sinnvolle Taktik bzw. sogar Strategie. Meiner Meinung nach steckt die Mannschaft aktuell aber noch mitten im Übergangsprozess, so dass gerade auch diese taktisch geprägteren „Durchschnaufphasen“ noch nicht von allen hundertprozentig verstanden und umgesetzt werden. Wie in vielen anderen Dingen des Lebens auch, ist bei solchen taktischen Varianten eines Mannschaftsgefüges die Gesamtheit nur so stark wie das „schwächste Glied“ – so auch aktuell bei den Bayern. Douglas Costa z.B. hat gegen Gladbach ein sehr ansprechendes Comeback gegeben. Als die Bayern jedoch Mitte der 2. Halbzeit – wie oben angesprochen – tiefer standen, hat er seine Rolle nicht angenommen. Daraus resultierten auch die wenigen gefährlichen Aktionen der Borussen. Keine Ahnung, ob dies an der noch nicht völlig wieder hergestellten Fitness – nach langer Pause durchaus nachvollziehbar – lag oder ob er in dieser Phase die taktischen Vorgaben nicht verstanden hat und damit nicht erfüllen konnte. Als Thomas Müller 20 Minuten vor Schluss für ihn eingewechselt worden ist, ergaben sich diese Freiräume für die Borussen jedenfalls nicht mehr.

Vielleicht sind solche taktischen Varianten, wie eben auch einmal den großen Druck aus dem Kessel zu nehmen, auch ein geeignetes Rezept, um die Verletzungen im Bayernkader im Vergleich zu den Vorjahren zu reduzieren?

Einem „Meistercoach“ wie Carlo Ancelotti Unzulänglichkeiten vorzuwerfen, wie zuletzt medial und unter den Fans geschehen, ist ein schlechter Witz. Ich denke, dass die Bayernfans auch in dieser Saison wieder optimistisch nach vorne schauen können. Wenn nicht so euphorisch wie in den letzten Jahren, dann kann dies auch seine Vorteile haben.

Ein Blick in die anderen „großen Ligen“ sollte den Bayernanhängern jedoch noch mehr Zuversicht geben: Die gewaltige Dominanz von PSG und Juve in ihren Ligen scheint vorbei zu sein. Und von den vielen Topteams in Spanien und England haben auch alle schon einige Male gepatzt. Vielleicht wird die Fußball-Saison 2016/17 auch eine Saison, in welcher es in nahezu allen wichtigen Wettbewerben spannende Entscheidungen gibt – es gibt Schlimmeres!  😉

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Ein Gedanke zu „Carlos Bayern auf dem richtigen Weg“

  1. PGM-Update – aus negativem Anlass – nur einen Monat nach dem ursprünglichen Beitrag.

    PGM auf Facebook nach der saftigen Blamage in Rostov:

    „We are not amused, Mr. Ancelotti!

    Ganz ehrlich hatte ich nach der bitteren BL-Niederlage in Dortmund auf eine positive Trotzreaktion gehofft.
    Die Vorzeichen in Rostov waren nach den Ausfällen von Neuer, Martinez, Robben, Vidal und Coman natürlich von vorneherein nicht die allerbesten.
    Dass dann aber Carlo Ancelotti auch noch auf Kimmich, Hummels und Alaba verzichtet – und stattdessen mit einer Abwehr mit Ulreich, Rafinha, Badstuber (Startelfdebüt seit gefühlten Ewigkeiten!), einem sichtlich indisponierten und unfitten Boateng und einem defensiv schwachen Bernat beginnt, ist aus meiner Sicht fahrlässig und unverständlich.
    Eine erstaunlicherweise komplett verunsicherte Mannschaft (bislang gab es dafür noch keine wirklichen Gründe), bei der aktuell kein einziger(!) Spieler Bestform hat, sollte durch Erfolgserlebnisse wieder zurück in die richtige – mentale – Spur gebracht werden.
    Ancelottis abenteuerliche Aufstellung hat aber mit dazu beigetragen, dass genau das Gegenteil eingetreten ist. Nun brennt der (Vor-)Weihnachtsbaum, eine Krise kann nicht mehr geleugnet werden und auch in mir kommen erhebliche Zweifel am italienischen Coach auf – das hätte ich mir vor einem Monat nicht in Ansätzen vorstellen können.
    Weitere negative Folge dieser größten Bayern-Blamage nach Bate Borissow 2012 – ok danach holte man den Henkelpott, aber auch dennoch noch den Vorrunden-Gruppensieg vor Valencia: Das letzte Gruppenspiel gegen Atletico am 6.12. geht nur noch um die Goldene Ananas – der Gruppensieg wurde bereits gestern gegen biederste Südrussen fahrlässig verschenkt.“

    Carlo, Du stehst ab sofort unter Beobachtung! Wenn sich nicht bald etwas Positives tut, muss PGM den ursprünglichen Beitrag widerrufen und einen neuen wesentlich kritischeren hinterher schicken! 😉

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