Nach der EM: Anmaßende Sportjournalisten als Oberlehrer

La Mannschaft

 

War das äußerst unglückliche Ausscheiden der deutschen Fußball-Weltmeister gegen Frankreich an sich schon mehr als ärgerlich, konnte einen die bereits wenige Stunden danach  einsetzende Aufarbeitung durch diverse Sportjournalisten eigentlich nur noch die Zornesröte ins Gesicht treiben. Am dreistesten fand ich persönlich jene Versuche, die den Spielern „EM-Zeugnisse“ angehängt haben.

Schon immer haben mich die Benotungen von Spitzenfußballern durch Medienvertreter, ob in sog. Fachzeitschriften oder lokalen Tageszeitungen, früher eher als Printversionen, heute eher im Internet oder Videotext, verwundert. Ich habe mich schon als Junge gefragt, warum z.B. die Spieltagsnoten der Kicker des Lokalrivalen, im Mittelfeld der 2. Liga angesiedelt, besser waren als jene der Spieler des FC Bayern in einer Spitzenposition in der 1. Bundesliga.

Was war der Maßstab, an dem man die Spielleistungen gemessen hat? Dass in den unteren Ligen eine weniger starke Leistung ausgereicht hat, um eine „gute“ Bewertung zu bekommen, als wenn man weiter oben gespielt hat, war mir schnell klar. Aber musste nicht jeder Erstligaspieler, ob als Mitglied des souveränen Spitzenreiters oder als Spieler des Tabellenletzten eigentlich nach denselben Maßstäben gemessen werden?

Ich hatte immer schon das Gefühl, dass diesbezüglich die besten der besten benachteiligt werden. Denn je perfekter das Fußballspiel insgesamt über die Jahrzehnte geworden ist, umso kritischer wurde die Benotung durch die Journalisten. Je mehr sich der Sport zum atemberaubenden Hochgeschwindigkeitsfußball auf technisch höchstem Niveau entwickelt hat, umso schwächer kamen die Spieler bei den Benotungen weg.

Besonders krass ist mir das bei „meinen Teams“, dem FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft, aufgefallen. Als Beispiel wird mir wohl dauerhaft das Champions League Halbfinal-Rückspiel des FC Bayern gegen Atlético Madrid am 3. Mai 2016 in Erinnerung bleiben. Eines der legendärsten Fußballspiele, welches ich jemals live im Stadion erleben durfte. Die Bayern lieferten eine außergewöhnlich gute Leistung ab, welche Atléticos Trainer Diego Simeone das Kompliment abrang, dass die Leistung der Bayern vor allem in der 1. Halbzeit die beste war, die er selbst in seinem Fußballerleben gesehen hatte. Trotzdem schied Bayern nach dem 2:1-Sieg aufgrund der Auswärtstorregel aus und die Madrilenen zogen ins CL-Finale ein. Reaktion der Medien: Einige Bayernspieler wurden scharf kritisiert, es gab einige „Vierer“ nach dem Schulnotensystem und der gesamte Notenschnitt für jene sensationelle Mannschaftsleistung lag bei knapp unter 3 – in Worten „befriedigend“ – übersetzt: „war ganz nett, hat für Euch Durchschnittskicker aber nicht gereicht!“

Seit jenem Mai 2016-CL-Spiel betrachte ich Spielerbewertungen in Notenform noch argwöhnischer, mit noch mehr Kopfschütteln bzw. ignoriere ich sie noch mehr.

Nach dem Halbfinal-Aus der deutschen Kicker bei der EM gegen Gastgeber Frankreich kam es aber aus meiner Sicht zu einer neuen Dimension an Auswüchsen. Eine Reihe von „sportjournalistischen Hinterwäldlern“ (sorry, ein höflicherer Ausdruck, der es korrekt beschrieben hätte, ist mir nicht eingefallen) hat sich angemaßt, den ausgeschiedenen Weltmeistern Zeugnisse für die gesamte Europameisterschaft zu verpassen – die meisten derartigen Versuche waren nahezu grotesk und aberwitzig.

Ich möchte nur noch einmal darauf hinweisen, dass die Spieler des Teams zum Teil nahezu abgewatscht worden sind, welches es absolut verdient gehabt hätte, diesen Titel mit nach Hause zu nehmen. Eine Mannschaft, welche jedes Spiel fast durchgängig dominiert hat, zum ersten Mal bei einem großen Turnier Italien in einer KO-Runde eliminiert hat. Ein Team, welches z.T. stärker gespielt hat  als beim WM-Titel-Gewinn 2014, wie u.a. Rudi Völler bemerkte. Dieses Team hatte schon vor dem Turnier einige Nackenschläge aufgrund von verletzt ausgefallenen Spielern hinnehmen müssen, andere quälten sich, um bis zum Turnierstart bzw. während des Turniers nach z.T. langwierigen Verletzungen fit zu werden. Zum Frankreich-Halbfinale kamen eine ganze Anzahl an neuen schwerwiegenden Verletzungen hinzu, außerdem eine ungerechtfertigte Gelbsperre für Mats Hummels. Im Halbfinale spielte man eine bärenstarke erste Halbzeit, um doch äußerst unglücklich mit Rückstand in die Halbzeitpause zu gehen. Kurz nach der Halbzeit musste das zweite Mitglied der deutschen „Twin Towers“, Jerome Boateng, verletzt passen – was vielleicht einigen Medienvertretern nicht so aufgefallen ist wie bei Ronaldo im Finale, weil Boateng nicht minutenlang weinend auf dem Rasen saß und sich – auf hochdramatische Weise – auf der Trage vom Platz hat tragen lassen. Irgendjemand sagte den nicht so falschen Satz: Alles was gegen Deutschland schief laufen konnte, ist auch schief gelaufen.

Und diesem Team wird dann von einigen „Spezialisten“ ein „EM-Abschlusszeugnis“ vorgelegt, als wäre es gerade aus dem Profifußball in die Niederungen des Amateurbereichs abgestürzt. Beteiligt daran haben sich auch einige Profifußballer, welche nie ansatzweise das Niveau der heutigen Kicker erreicht haben, Sportjournalisten aus anderen Bereichen wie Basketball, sog. „Fußballphilosophen“ – letzteres ist doppelt dreist, weil doch jeder, der einmal ein Fußballspiel gesehen hat, sowieso meint, zum „Fußballphilosophen“ geeignet zu sein. Von Kritik verschont blieb von den deutschen Spielern fast keiner, vor allem nicht die Kicker des deutschen Doublesiegers nach einer verdammt langen Saison. Thomas Müller bekam sein Fett ab, obwohl er sich Spiel für Spiel in den Dienst der Mannschaft stellte und ein gewaltiges Laufpensum herunter spulte – zählt für viele Experten nicht. Deren permanentes Argument ging so: WM-Müller = 10 Tore; EM-Müller = Null Komma Null Tore. Selbst der unbestritten weltbeste Torhüter Manuel Neuer bekam nach dem Halbfinal-Aus nur noch ein mäßiges Zeugnis. Über Götze müssen wir gar nicht reden. Der Fußballphilosoph Eilenberger hatte plötzlich Kimmich im Visier seiner Kritik. Der „Irgendwann-einmal-war-ich-Capitano“ Michael Ballack riet Bastian Schweinsteiger seine Nationalmannschaftskarriere zu beenden. Vielleicht sollte man Ballack daran erinnern, dass er selbst diesen Absprung nach dem verlorenen EM-Finale 2008 verpasst hat, als er fast gleich alt wie Schweinsteiger heute gewesen war. Hätte er das damals getan oder hätte er irgendwann einmal einen eigenen diesbezüglichen Fehler eingeräumt, könnte man mit seinem öffentlichen Appell etwas besser umgehen. Fast 34-jährig hatte ihn 2010 erst eine Verletzung von der WM-Endrunde abgehalten – und was gab es anschließend noch für einen Zirkus mit dem beleidigten Alpha-Tierchen, das seinen Platz nicht räumen wollte.

Ich möchte hiermit das Ausscheiden der deutschen Weltmeister nicht schön reden, ich war auch wütend und enttäuscht, aber im Gegensatz zu 2012 dieses Mal keineswegs auf das Team, sondern vielmehr wegen zahlreicher „unglücklicher Begleitumstände“. Nach der höchst unglücklichen und in meinen Augen nach wie vor unverdienten Niederlage gegen den Gastgeber Frankreich meinten einige besonders Schlaue, dass man sich fast alles von den Franzosen abschauen müsse – Pogba, Griezmann & Co. wurden schnell in den Fußball-Olymp gehoben. Und nun haben die „Superfranzosen“ das EM-Finale gegen die wegen ihres unattraktiven Fußballs extrem kritisierten Portugiesen in einem mäßigen Finale verloren. Der Europameister von 2016 spielte ungefähr so attraktiv wie der von 2004, Griechenland. Um wie viel besser fallen nun die EM-Abschlusszeugnisse der Portugiesen und Franzosen durch die Sportjournalisten aus?

Übrigens begründete der französische Nationaltrainer Didier Deschamps die Finalniederlage auch mit dem gewaltigen Kraftakt des Deutschlandspiels – nicht viel anders war das 2012 nach dem 0:4-Final-Debakel der Italiener. Auch die wurden schon im Halbfinale von den „unterlegenen Deutschen“ „weich geklopft“. Sollten solche Statements nicht auch noch Berücksichtigung in den Abschlusszeugnissen finden, anstelle dass man so schnell als nur möglich einige knackige Statements in den Umlauf bringt?

Manche Bewertungen von Spitzensportlern durch Journalisten kommen mir so vor, als ob Uni-Erstsemester ihre Professoren fachlich abqualifizieren würden – nicht sehr sinnvoll, dafür umso oberlehrerhafter!

 

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3 Kommentare zu „Nach der EM: Anmaßende Sportjournalisten als Oberlehrer“

  1. Weiß nicht. Für mich sah es schon nach absicht aus. Die Art und weiße wie er da in den Zweikampf gegangen ist, war schon sehr hart.
    Ich hatte das Gefühl, das sie Ronaldo mit Härte stoppen sollten. (ob sie ihn verletzen sollten, kann man natürlich nicht festellen) Aber auf den Gifs und Bildern die ich gesehen habe, sah es für mich durchaus so aus, als hätte Payet Bewusst noch gegen das Schienbein gezielt. In vollen tempo schwer zu sehen… Aber denke durch aus, das es zumindest Gelb für gefährliches Spiel war!

    Genau so wie Italien auf den Fuß von Khedira gezielt haben!
    wenn man sich mal genauer die Zeitlupen ansieht…

    Noch so eine Atletico unsitte die jetzt International seine Runden zieht..

  2. Denke ich auch…
    Wenn zumindest Gomez oder Humels. dabei gewesen wären, dann hätte es eventuell gereicht.
    Doch wenn halt auf sämmtlichen Positionen Schlüssekspieler wegbrechen ( und Müller auch noch Lade hemmung hat). Dann kann man wirklich nicht mehr viel machen:( Aber Hauptsachen Ronaldo in den Himmel loben ( der an den Sieg in Finale, nicht beteiligt war)

    Und ja ich war auch für Portugal, ab den Moment als Frankreich gezielt Mr Unterhosen Model ausgeschaltet hat. (absichtlich verletzen geht garnicht)
    Aber was Bela Rethy da geleistet hat, war einfach nur noch Parteisch.
    Noch mehr als Ronaldo fanboy, kann man sich nicht outen!

    1. Mir fehlt einfach zum einen der Respekt vor der Leistung der Deutschen, die in Anbetracht vieler unglücklicher Umstände ein wirklich gutes Turnier gespielt haben – und für mich nach wie vor insgesamt das beste Team der EM dargestellt haben. Zum anderen fehlt mir häufig auch die zu erwartende Fachkompetenz der schreibenden Zunft. Mainstream ist nicht gleich Kompetenz!

      Als lange lange Zeit aktiver Fußballspieler denke ich persönlich keineswegs, dass Payet CR7 mit Absicht verletzen wollte. Das war eine ungestüme Zweikampfführung. Clattenburg hat diese nicht einmal als Foul bewertet. Ich hätte Freistoß gegeben, aber auch nicht einmal gelb. Das Problem war der Kontakt mit dem Knie – das ist schmerzhaft und eben auch eine empfindliche Stelle. Zudem scheint die Verletzung auch nicht wirklich schlimm zu sein. Wenn es nicht CR7 betroffen hätte, wäre es nur eine Randnotiz gewesen.

      Der Reporter war wohl Herr Gottlob und alle mir bekannten Kommentare haben ihn einseitig pro Frankreich gesehen – ja, und „Fanboy-mäßig“ bzgl. CR7 …. ziemlich peinlich – aber als Reporter der absolut passende Schlussakkord zu dieser „daneben geratenen“ EM!!!

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