Vor dem EM-Halbfinale – welche Serie hält?

Weigl EM HF

 

Kaum haben sich die Nerven der deutschen Fans nach dem 7:6 nach Elfmeterschießen gegen den – nun ehemaligen – Angstgegner Italien einigermaßen beruhigt, schon droht die nächste Nervenschlacht gegen den Gastgeber Frankreich, welcher das bisherige Überraschungsteam dieser EM, Island, mit einem souveränen 5:2 nach Hause geschickt hat. Die deutschen „Fußball-Nerven“ werden zusätzlich belastet durch die Tatsache, dass das Team des amtierenden Weltmeisters im anstehenden Halbfinale in Marseille zahlreiche schmerzhafte Ausfälle zu beklagen haben wird: Mats Hummels völlig unberechtigt gesperrt nach einer zweifelhaften und einer völlig unberechtigten gelben Karte. Zudem werden Mario Gomez und Sami Khedira verletzungsbedingt sicher ausfallen, Bastian Schweinsteiger „womöglich“.

Keine guten Voraussetzungen für das zu erwartende enge Match gegen die Equipe Tricolore, dessen Sieger für die Sportwettanbieter der große Endspielfavorit ist: Weltmeister Deutschland ist vor den Halbfinals der Topfavorit auf den Titel – Quote 2,50 – dicht gefolgt von Frankreich mit einer Quote von 3,00 – Portugal 4,50 – Wales als klarer Außenseiter mit 9,00. Allerdings scheint sich Wales in seiner Rolle als Außenseiter sehr wohl zu fühlen, auch gegen den klaren Favoriten Belgien ging man als Underdog ins Spiel, um es dann souverän und verdient mit 3:1 für sich zu entscheiden. Halbfinalgegner Portugal hat sich zudem bislang nicht mit Ruhm bekleckert: Den drei Unentschieden in der Vorrunde gegen Island, Österreich und Ungarn folgten ein glückliches 1:0 n.V. (Siegtreffer Quaresma in der 117. Minute) gegen Kroatien und ein Sieg im Elfmeterschießen gegen Polen, nach einem vorher sehr mauen Spiel. Sporthistoriker wie –kritiker rechnen vor, dass es bislang noch keiner Mannschaft bei einer EM gelungen ist, bis ins Halbfinale vorzudringen, welche keinen einzigen Sieg nach 90 Minuten erzielt hat.

Kommen wir zurück zum Klassiker Deutschland gegen Frankreich: Wer wird die verletzten Leistungsträger ersetzen? Am schwerwiegendsten ist wohl der Ausfall von Hummels: Zusammen mit dem immer wieder leicht angeschlagenen Jerome Boateng sicher das beste Innenverteidiger-Duo dieser EM. Die beiden Hünen (Boateng 1,92m; Hummels 1,91m) wären auch sicher die passende Antwort auf die gleichgroßen Paul Pogba und Olivier Giroud, die im isländischen Strafraum mit ihrer Wucht und Sprungkraft Angst und Schrecken verbreitet haben. Wird / werden gegen Frankreich Mustafi und / oder Höwedes auflaufen? Der Schalker ist mit 1,87m drei Zentimeter größer.

Im Mittelfeld würde ich persönlich den spielstarken Julian Weigl  dem wuchtigeren Emre Can vorziehen, sollte Schweinsteiger nicht – ausreichend – fit zum Spiel werden. Auch hier orientiert man sich an Pogba. Wäre es ein Risiko den wesentlich leicht(füßig)eren  Weigl gegen Pogba spielen zu lassen? Kann der junge BVBler den als nicht allzu laufstark bekannten Franzosen mit seiner wuseligen Art nerven? Der lief gegen die Isländer lediglich 10,5km – ein Wert, der von jedem deutschen Mittelfeldspieler überboten wird.

Der Ausfall vom einzigen deutschen Stoßstürmer bei diesem Turnier, Mario Gomez, erweckt die von vielen kritisierte Variante der sog. „falschen Neun“ erneut zum Leben. Ich rechne mit Thomas Müller an der vordersten Front – und hoffentlich seinem ersten Turniertor. Feiert dahinter Mario Götze sein „Play-Off-Debüt“ bei dieser EM und sein Comeback, nachdem er nach den drei Vorrundenspielen nicht mehr zum Einsatz kam? Auch wenn Draxler gegen die Slowakei sehr stark war und trotzdem aufgrund von taktischen Erwägungen nicht in der Startelf gegen Italien stand, hätte ich nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Gomez eher den auf dieser Position erfahreneren Götze als Draxler gebracht. Der Wolfsburger blieb auch die knapp 50 Minuten, in welchen er spielte, eher wirkungslos.

Muss man sich um die Deutschen zusätzlich Sorgen machen, weil das nervenaufreibende Spiel gegen die Italiener zudem sehr viele Körner gekostet hat? In diesem Match kamen die Italiener auf eine fast schon sagenhafte Laufleistung von 153,1km – die Deutschen immer noch auf ganz starke 145,7km, obwohl man auf die extrem laufstarken Götze und lange Draxler – zugunsten von Gomez und Höwedes – verzichtete. Diese taktische Umstellung verhinderte zum einen wohl eine noch größere deutsche Dominanz im Spiel, zum anderen könnten diese exorbitanten Laufleistungen (z.B. Müller 15,2km!) als Grund für dieses „legendäre Elfmeterschießen“ sein, weil schlichtweg mit der Kraft und Kondition auch die Konzentration verloren ging!

Persönlich glaube ich nicht, dass sich das kräftezehrende Match gegen Italien negativ bemerkbar machen wird – fünf Tage Erholung sollten ausreichend sein. Interessant übrigens auch, dass Frankreich zu den „lauffaulsten“ Turniermannschaften zählt. Von allen Vorrundenteams, welche das Achtelfinale erreicht haben, lediglich an 14. Stelle in dieser Statistik (durchschnittlich 106km pro Partie). Exakt diese Laufleistung erbrachten die Franzosen auch gegen Island, nur das gegen Wales ausgeschiedene Belgien lief weniger (105km).

Statistischer Vergleich der Teams, die über 120 Minuten gehen mussten: Italien 153,1km – Deutschland 145,7km – Portugal 140,6km – Polen 139,9km. Wobei man feststellen kann, dass der Unterschied in der Gesamtlaufleistung zwischen Deutschland und Portugal fast schon alleine durch die Differenz zwischen Thomas Müller (15,2km) und Cristiano Ronaldo (11,9km) zu erklären ist 😉

Teams über 90 Minuten: Wales 109,8km – Island 108,8km – Frankreich 106km – Belgien 105km.

Interessant wird auf alle Fälle sein, wie die Franzosen mit der Situation zurecht kommen werden, zum ersten Mal in diesem Turnier gegen ein spieldominantes Team antreten zu müssen. Rumänien, Albanien, Schweiz, Nordirland, Island waren da bislang gar kein Maßstab. Bixente Lizarazu hat heute vollkommen richtig festgestellt, dass Frankreich bislang extremes Losglück hatte – dieses sollte mit der Partie gegen den Weltmeister beendet sein.

Beim Halbfinale am Donnerstag in Marseille geht es auch darum, dass sich erstaunliche Serien fortsetzen werden bzw. könnten oder aber auch beendet werden.

So konnten die Franzosen als einziges europäisches Team nach dem 2. Weltkrieg immer das Heimrecht ausnützen und den Titel gewinnen: EM 1984 mit Michel Platini, WM 1998 mit Zinedine Zidane. Bei der Heim-WM 1938 schied man im Viertelfinale gegen den Titelverteidiger und späteren Weltmeister Italien mit 1:3 aus.

Deutschland dagegen hat seit dem verlorenen WM-Finale 1966 in Wembley gegen England eine sensationelle 50-jährige Erfolgsgeschichte gegen die jeweiligen Gastgeber von WM und EM hingelegt: In neun Duellen schied der Gastgeber seit 1966 immer gegen Deutschland aus:

1972 EM-HF Belgien 2:1 – 1976 EM-HF Jugoslawien 4:2 n.V. – 1982 WM-Zwischenrunde Spanien 2:1 – 1986 WM-VF Mexico 4:1 n.E. – 1992 EM-HF Schweden 3:2 – 1996 EM-HF England 6:5 n.E. – 2002 WM-HF Südkorea 1:0 – 2008 EM-Vorrunde Österreich 1:0 – 2014 WM-HF Brasilien 7:1.

Mit einer Ausnahme 😉 immer knapp und meist im Halbfinale, davon viermal bei Europameisterschaften, wurde der Gastgeber eliminiert. Am Donnerstag würde ein deutscher Sieg ein sagenhaftes Jubiläum bedeuten: 10 Mal in 50 Jahren gegen den Gastgeber unbesiegt!

Zudem hat Frankreich noch nie in einem wichtigen KO-Runden-Spiel gegen Deutschland gewonnen: 1982 und 1986 scheiterte man jeweils bei den Weltmeisterschaften im Halbfinale(!), 2014 in Brasilien im Viertelfinale. Bei Weltmeisterschaften gewann man lediglich das eher unbedeutende Spiel um den dritten Platz – 1958 in Schweden mit 6:3.

Welche Serie wird halten?

Wie schon anfangs erwähnt, ist derzeit der Sieger dieser Partie Gastgeber – Weltmeister klarer Favorit auf den EM-Titel. Die Quote dafür ist 1,35 : 3,20.

Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass es bei dieser EM schon einige gewaltige Überraschungen gab. Erstaunlicherweise vor allem von zwei Teams, die in den 10 Spielen vor dem Turnier die mit Abstand schlechtesten Serien hatten: Ich spreche von Island, aber auch von Wales!

Es gab bei Europameisterschaften schon durchaus einige Sensationssieger: 1992 Dänemark – zwölf Jahre später 2004 Griechenland – 2016 … weitere 12 Jahre später?

Wenn die Halbfinalbegegnung zwischen Frankreich und Deutschland, welche einen Tag später und lediglich drei Tage vor dem Finale stattfindet, und dies zusätzlich im „klimatisch ungünstigeren“, sprich heißeren Marseille, in eine kräfteraubende Verlängerung gehen sollte und zeitgleich Wales auf seinen Endspielgegner warten sollte, dann …..

1982 und Sevilla lassen grüßen – die Älteren werden sich daran erinnern!

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2 Kommentare zu „Vor dem EM-Halbfinale – welche Serie hält?“

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