Vor dem EM-Viertelfinale gegen „Angstgegner“ Italien

Boateng_Jogi

 

Deutschland, früher das Land der Denker und Lenker, heute im Lieblingssport Fußball aber eher das Land der Zweifler und Nörgler. Im Land des Weltmeisters nimmt man von Medien- und Fanseite nicht selten die Haltung ein, die man bei dieser EM eher beim Außenseiter Island vermuten würde. Natürlich ist jedem Fußballfan die scheinbar niederschmetternde Bilanz gegen den sog. Angstgegner aus Italien bekannt (dazu später mehr): Aber dass viele deutsche „Fans“ nun die Weltmeisterkicker, die sich außerdem immer stärker präsentieren, aufgrund der Fußballhistorie gegen die Azzurri als – krassen – Außenseiter sehen, ist schon ziemlich aberwitzig.  

Da gefällt mir die Einstellung von Jogi Löw, welcher sich trotzdem der großen Qualität der Italiener bewusst ist, schon wesentlich besser: „Wir haben kein Italien-Trauma. Die Vergangenheit ist kalter Kaffee. Ein frischer Espresso ist uns lieber. Und der soll uns am Samstag möglichst gut schmecken.“

Tatsächlich ist die bisher sehr starke Turnierleistung der Italiener erstaunlich – die beiden 2:0-Siege gegen allerdings jeweils maßlos enttäuschende Belgier (Weltranglistenzweiter) und Spanier (Titelverteidiger) überraschten schon sehr. Und dies sogar noch mehr, wenn man bedenkt, dass es im italienischen Kader keine Auffrischung nach dem desaströsen WM-Vorrunden-Ausscheiden 2014 gegeben hat. Im Gegenteil: Im Spiel gegen Belgien lief auf italienischer Seite mit einem Durchschnittsalter von 31,5 Jahren das älteste Team auf, welches jemals bei einer EM-Endrunde gespielt hat.

Dabei ist es wohl noch erstaunlicher, dass diese Oldie-Truppe ihre Spiele vor allem über eine immense Laufbereitschaft bestreitet, vielleicht der Schlüssel zum bisherigen italienischen Erfolg. Witzigerweise zählten sämtliche bisherigen italienischen Gegner zu den „lauffaulsten“ dieser EURO. Von den 16 für das Achtelfinale qualifizierten Teams war Italien tatsächlich das „laufintensivste“: 337,2km insgesamt entsprechen durchschnittlich 112,4km pro Partie. Ihre Gruppengegner Belgien (311,8km / 103,9km) und Irland (308,1km / 102,7km) belegen die beiden letzten Plätze bei den Achtelfinalisten in dieser Statistik. Und auch der AF-Gegner Spanien war mit 311.8km / 103,9km keine laufstarke Vorrundenmannschaft – Platz 11 unter 16.

Genauso kam es bei der gestrigen Partie zum nicht erwarteten Spielverlauf: In der ersten Halbzeit dominierten nicht die favorisierten spanischen Ballbesitzmonster, sondern die extrem laufstarken Italiener. Diese Spielweise funktionierte eine gute Stunde perfekt, dann ließen die Kräfte der italienischen Oldies immer mehr nach. Spanien wurde immer dominanter und der Ausgleich – nach dem 1:0 durch Chiellini in der 33. Min. nach Patzer von De Gea – schien nur noch eine Frage der Zeit. Italien taumelte gewaltig, was den italienischen Coach Conte zu wiederholten Wutausbrüchen trieb. Aber die gestrige spanische Mannschaft hatte nicht ansatzweise die Qualität der Seriensieger von 2008, 2010, 2012 – ein italienischer Konter, der nicht mehr konsequent verteidigt wurde, setzte den Schlussakkord.

Laut Statistik lief Italien gestern 117,9km, davon sicher die meisten in der 1. Halbzeit – bisheriger Rekord bei dieser EM. Spanien dagegen lediglich 110km.

Aber nun kommen wir zu dem Punkt, der die Deutschen sehr hoffnungsfroh stimmen sollte. Nach den Italienern waren nämlich die Deutschen in der Vorrunde das zweitlaufstärkste Team – die Laufleistung des gesamten Teams pro Spiel war durchschnittlich lediglich einen  Kilometer weniger als bei den Italienern. Gegen die Slowakei steigerten die Deutschen diesen Wert noch einmal, ohne ansatzweise – wie bei den Italienern der Fall – an ihre Grenzen gehen zu müssen.

So bin ich mir sicher, dass die Italiener gegen die Deutschen, die noch Ballbesitz-dominanter als die Spanier sind, zusätzlich selbst aber noch wesentlich laufstärker sind, eine unglaublich aufwendige Spielweise an den Tag legen werden müssen, welche sie – siehe gestern 2. Halbzeit gegen Spanien nie und nimmer durchhalten werden. Die italienischen Oldies werden leiden müssen. Dabei erinnere ich mich auch an ein Interview von Buffon nach dem EM-Halbfinale 2012 in einer Schweizer Tageszeitung. Die sympathische italienische Torwartlegende erklärte dem Reporter, warum es bei den Italienern in den letzten Spielminuten (nach dem 1:2 Anschlusstor von Özil) so laut geworden war. Buffon erklärte, dass man Angst hatte, von den Deutschen noch überrollt zu werden. In einer Verlängerung hätte man wohl gegen wesentlich konditionsstärkere Deutsche mit 2:5 verloren. Auch damals taumelte Italien in den Schlussminuten dem Sieg entgegen.

Bei den Wettanbietern ist übrigens Deutschland sowohl im Viertelfinale gegen Italien (Quote 1,55 : 2,40) als auch auf den Turniersieg (Quote 3,75) Favorit – letzteres vor Frankreich 4,50 – Belgien 5,50 – Italien 6,00.

Interessant auch die bisherigen Statistiken beider Mannschaften im Turnier: Deutschland – die pure Dominanz: 83:21 Schüsse in vier Partien, durchschnittlich 69,1% Ballbesitz. Italien – die pure Effizienz: 36:48 Schüsse und durchschnittlich 46,3% Ballbeitz, nur bei der Niederlage gegen Irland hatte man ein bisschen mehr Ballbesitz als der Gegner (51,7%) und nur gegen Schweden ein positives Schussverhältnis (8:4). Übrigens konnte auch Spanien bei Weitem nicht mit den deutschen Werten mithalten: 65:38 Schüsse und 65,2% Ballbesitz  und – wohl mitentscheidend – wesentlich schwächere Laufleistungen.

Nun zu der schlechten Länderspielbilanz der Deutschen gegen Italien, die sehr vielen deutschen Fans die meisten Kopfschmerzen bereitet: Bei einer Gesamtbilanz von 33 Spielen gegeneinander hat Deutschland lediglich 8 Spiele gewonnen, 10 endeten unentschieden und 15 verlor man.

Die Turnierbilanz ist bekanntermaßen noch schlechter, wenn auch nicht derart schlecht wie von vielen behauptet und befürchtet. (Heute hat jemand zu mir von 13 Niederlagen in Folge gesprochen … 😉  ). In der Tat hat Deutschland seit 1962 (bis 2012) in acht Turnieraufeinandertreffen nie gegen Italien gewonnen. Vier Unentschieden und vier Niederlagen stehen zu Buche.

In schmerzlicher Erinnerung geblieben sind vor allem die WM-Halbfinalniederlagen von 1970 (3:4 n.V.) und 2006 (0:2 n.V.). Das 1970er Spiel gilt noch heute als „Jahrhundertspiel“, aber auch als eines derjenigen Spiele, die von einem Schiedsrichter einseitigst  ge- bis verpfiffen worden sind. In meinem WM-Buch von 1970 – diese Bücher waren damals mehr als sachlich und nüchtern – gibt es eine riesige Auflistung der falschen Pfiffe des Herrn  Yamasaki aus Peru – alle ausschließlich gegen Deutschland. 2006 bereiteten sich alle bereits auf ein Elfmeterschießen vor – dann schlug Italien in der 119. und 120. Minute zu.

Deutschland verlor auch das WM Finale 1982 gegen Italien mit 1:3, war aufgrund der Vorgeschichte zum Finale aber praktisch schon vorab chancenlos. Dazu erinnere ich mich an eine Erzählung von Paul Breitner, der im Finale den einzigen deutschen Treffer erzielte. Der Paul erzählte, wie die deutsche Mannschaft bis zum frühen Freitagmorgen auf den Flug von Sevilla nach Madrid wartete. Während Italien sich damals mühelos im Halbfinale am Mittwochabend gegen Polen qualifizierte, musste Deutschland einen Tag später im glühend heißen Sevilla gegen Frankreich in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen. Aufgrund der unterschiedlichen Spielverläufe hatte man quasi zwei Tage weniger Spielvorbereitung – die Italiener konnten sich nach einem weniger schweren Spiel vier Tage erholen und vorbereiten, die Deutschen nach jener Schlacht quasi nur zwei Tage.

Natürlich erinnern sich die deutschen Fans auch noch mit Grausen an das EM Halbfinal-Aus 2012 – auch damals ging Deutschland als Favorit in die Partie und Jogi Löw vercoachte sich damals, wie er heute fair zugibt. Er meint aber auch, gerade aus jenen Fehlern gelernt zu haben. Erstes positives Resultat war der WM Sieg 2014!  😉

In Endrundengruppenspielen konnten die Italiener übrigens die Deutschen noch nie besiegen. Im Gegenteil: bei der WM 1962 in Chile und bei der EM 1996 in England scheiterte Italien zweimal nach einem 0:0 gegen Deutschland in der Gruppenphase, während sich Deutschland beide Male als Gruppensieger für die nächste Runde qualifizierte. 1978 bei der WM in Argentinien scheiterten beide Mannschaften nach dem 0:0 in der Zwischenrunde. 1988 bei der EM in Deutschland kamen beide Mannschaften nach einem 1:1 im Gruppenspiel ins Halbfinale – Deutschland als Gruppensieger, Italien als Zweiter.

Sieben von acht Turnierspiele der beiden großen Fußballnationen waren also extrem eng (sechsmal unentschieden nach 90 Minuten) – nur das WM Finale 1982 war eine eindeutige Angelegenheit – die Gründe dafür sind bekannt. Deutschland scheiterte viermal an Italien, Italien zweimal an Deutschland, einmal kamen beide weiter, einmal scheiterte man gemeinsam – derart aufgearbeitet hört sich die Bilanz schon gar nicht mehr so dramatisch schlecht an.

Übrigens spielten in den Jahren der deutschen Turniersiege: WM 1954, 1974, 1990, 2014; EM 1972, 1980, 1996 die Italiener (selbst 1980 und 1990 im eigenen Land) keine große Rolle. Wäre man sich in jenen Turnieren begegnet, würden wahrscheinlich auch schon ein paar deutsche Endturniersiege zu Buche stehen.

Wen das alles noch nicht überzeugt, den erinnere ich gerne an die noch schlechtere deutsche Länderspielbilanz gegen Brasilien vor dem Halbfinale 2014: Bis dahin gewann Deutschland lediglich vier von 21 Spielen gegen Brasilien, spielte fünfmal unentschieden und verlor 12 Mal, darunter das WM-Finale von 2002. In Brasilien konnte man von acht Partien keine einzige gewinnen: 3 Unentschieden – 5 Niederlagen. Zudem galt bis dahin das ungeschriebene Gesetz, dass Europäer in Südamerika keinen Titel holen können  – es folgte der legendäre Mineirazo, die 7:1 Demütigung der Selecao und der deutsche WM-Sieg. Übrigens hatte Deutschland selbst vor dem WM-Achtelfinal-Spiel gegen Algerien, den vermeintlichen Fußballzwerg aus Nordafrika, eine klar negative Bilanz: 2 Spiele – 2 Niederlagen, darunter auch das deutsche WM-Eröffnungsspiel 1982.

Länderspielhistorien zählen gar nichts am Samstagabend beim Viertelfinal-Klassiker der beiden viermaligen Weltmeister – es zählt die spielerische Klasse, die Mentalität, die Einstellung und die Tagesform und all dies wird in meinen Augen klar für den aktuellen deutschen Weltmeister, dem jüngsten Team bei dieser EM, sprechen – im Duell gegen das älteste Team des Turniers.

 

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11 Kommentare zu „Vor dem EM-Viertelfinale gegen „Angstgegner“ Italien“

  1. „Italien-Fluch“ – per Elfmeterschießen (aber wie! 😉 ) beendet.
    Die Deutschen haben es sich unnötig schwer gemacht … Jogis Aufstellung, der Aussetzer vom überragenden Boateng und 3 vergebene Elfmeter!
    Egal – Halbfiiinale!! 😉

  2. Du, ich muss leider was berichtigen .. das Tor von Breitner zum 1:3 im Finale 1982 war ein Weitschuss von der Strafraumkante. Habst mir grad nochmal angesehen. Wobei ich an das Tor kaum noch Erinnerungen hatte.

    Ich denke, es wird entweder eine klare Sache für die Deutschen, oder wieder ein knapper italienischer Sieg. Die Italiener spielen nun mal die Taktik, die Ballbesitzmannschaften die größten Probleme bereitet. Ich denke auch, dass Italien stärker ist als 2012 .. damals hätte Deutschland mit etwas mehr Mut gewinnen müssen.

    1. Danke – passt und von mir korrigiert.
      Dieses 1:3 (nach 0:3-Rückstand) ist bei mir erstaunlicherweise (oder auch nicht) gar nicht abgespeichert, obwohl es ein deutscher WM-Finaltreffer war … Das Tor war nur noch Ergebniskosmetik … interessanter war eigentlich Breitners spätere Erklärung zu der Final-Geschichte. 1982 wurde darüber gar nicht debattiert. Ich kann mich nur an die BILD-Überschrift vom Freitag nach dem Frankreich-Krimi erinnern: JAAAAAAAAAAA – Finale!!

      Sagen alle, dass Italien stärker als 2012 ist – mag stimmen. Ich sage aber auch: Deutschland ist 2016 viiiel stärker als 2012! Mein Tipp: 3:0 für Deutschland!

    1. Danke für den wirklich interessanten Beitrag!

      Aber genau dieser bremst – zumindest bei mir – weniger die „Euphorie“, sondern kräftigt eher den Optimismus. „Euphorisch“ bin ich persönlich nicht.

      Der 2. Juli 2016 wird für die Deutschland-Fans ein Tag wie der 23. Mai 2001 und 25. Mai 2013 für die Bayern-Fans … lange erhofft, optimistisch daran geglaubt, geschafft!! 😉

      Du schreibst ja auch selbst: „no fear, irgendwann ist jede Serie am Ende angelangt…“

      Es gibt ganz andere, größere und erstaunlichere Serien im Fußball: Von 1968 bis 2015 hat immer die Mannschaft das europäische Finale gewonnen, die im Halbfinale gegen die Bayern gewonnen hat: 13 Mal!! So hätte dieses Jahr Atlético gegen den Stadtrivalen gewinnen müssen … hat es aber nicht! 😉 Was sind da schon „lächerliche“ vier italienische Siege in 42 Jahren, garniert von Unentschieden, die für Italien wie Niederlagen schmeckten … 😉

      Die einzige Passage im Beitrag, mit der ich persönlich nicht einverstanden bin: „Wenigstens(!!???) drei Niederlagen waren hoch verdient, eine hingegen sehr unglücklich für Deutschland….“

      Für mich war nur die 1982er Niederlage „hoch verdient“ – hatte aber wie geschrieben ihren Grund im dämlichen Turnierplan der Spanier … Ein HF im Juli in Sevilla, nicht einmal drei Tage vor dem Finale … unfassbar!!!

      Vor dem Mineirazo 2014 habe ich übrigens „offiziell“ auf einen 3:0-Sieg der Deutschen getippt, hinter vorgehaltener Hand auf einen „Kantersieg“ für den Fall, dass Deutschland ein frühes Tor schießt …. es gibt Zeugen 😉 😉

  3. …. wirklich die mit Abstand beste und orientierendste Vorschau, die ich gelesen habe! Respekt und weiter so!

    Auch weil Deine „Donquichotterie“ gegen diesen ewigen Weltuntergangspessimismus äußerst fundiert begründet ist.

    Also: Lasst die blaue Ü-30 – Combo dahinhecheln, bis sie zwangsfoult (und versenkt die Standards) 😉

    Dass ein Müller, ein Gomez, ein Kedhira, ein Boateng oder ein premierleaguegestählter Özil sich von abgewixten italienischen Oldies den Schneid abkaufen lassen und „belgienisieren“ lassen, halte ich eher für unwahrscheinlich.

    Und ein Manuel Neuer ist auch kein De Gea (Hier liegen nicht nur Präsenzgalaxien dazwischen. Das Aufbauspiel entscheidend zu stören dürfte bei einem Libero- Torwart den Italienern viel schwerer fallen als gegen Spanien. Lasst sie rennen!)

    1. Gerne – damit habe ich wohl mein Ziel erreicht: die „Angst“ vor dem „Angstgegner“ nehmen.
      Denn die heutige Mannschaft interessiert es sicher nicht mehr, was 1970, 1982, selbst 2006 passiert ist. Und 2012 sollte für einige Ansporn sein 😉

  4. Die Italienischen Oldies werden in der 2.Halbzeit von den Deutschen niedergerungen. Deutschland gewinnt in der regulären Spielzeit!
    Bernd

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