Atlético – der „ekligste“ Bayerngegner aller Zeiten?

Simeone_CR7

 

Als sich die Bayern vor zwei Wochen mit einem 2:2 bei Benfica Lissabon für das Halbfinale der Champions League qualifiziert haben, formulierte der ZDF-Fußballexperte Oliver Kahn seinen Wunsch für das Halbfinallos des FCB mit „alles – nur nicht Atlético!“ Und bis zur Auslosung, die ungefähr 36 Stunden später stattfand, wiederholte sich dieses Statement weltweit an fast allen „Bayernfan-Lagerfeuern“. Fast schon selbstverständlich brachte die Losfee diese beiden Kontrahenten tatsächlich zusammen.

Kurz nach der Auslosung bekam ich aus Madrid von einem Atleti-Fan folgende Whatsapp-Message: „Jajaja, lo siento por el Bayern. Ganaremos seguro.“ – „Hahaha, tut mir leid für Bayern, aber wir werden ganz sicher weiterkommen.“ Was für ein sympathisches respektvolles Statement!  😉

Dagegen schienen die Fans des „Mia san mia“ Clubs nahezu in Ehrfurcht zu erstarren und eine Mehrheit schien sich darauf geeinigt zu haben, dass „uns ein Team mit so einer Taktik nicht liegt“. Und „so eine Taktik“ wurde vor allem mit „eklig“ beschrieben. Stellvertretend für diese Mannschaft mit der „ekligen Taktik“ konnte man im Internet ein Bild von Atléticos argentinischem Trainer Diego Simeone bestaunen, auf dem er im Hintergrund Cristiano Ronaldo verhöhnt, indem er sich an sein Gemächt greift.

Obwohl Atlético Madrid im Viertelfinale den CL-Favoriten Barcelona aus dem Wettbewerb geworfen hat (1:2; 2:0), nahm Bayern anschließend dessen Favoritenstellung bei den Wettbüros ein. Warum also diese Furcht auf Seiten der Fans des designierten Favoriten und gleichzeitig dieses etwas übersteigerte Selbstvertrauen auf der anderen Seite? Wieso dieser fast schon übergroße Respekt auf FCB-Seiten?

Sicher, Atleti hat den CL-Favoriten aus Barcelona eliminiert und hat nun punktemäßig auch in der Primera División mit ihm gleichgezogen. Meiner Meinung nach liegen die Gründe hierfür aber vor allem in einer nahezu unerklärlichen Schwächephase der Katalanen im April 2016. Nach der Heimniederlage im Clásico gegen Real Madrid hat man auch noch die nachfolgenden beiden Partien in der Liga verloren und das CL-Ausscheiden fiel ebenso in diese Phase.

Betrachtet man den Spielerkader von Atlético Madrid, wird selten ein Fußballliebhaber derart mit der Zunge schnalzen, als würde er denjenigen von Barca, Bayern, Real Madrid, oder selbst Juventus Turin und Paris St. Germain überfliegen. Wirkliches Starpotenzial hat lediglich der 25-Jährige französische Nationalspieler Antoine Griezmann, den die Sportjournalisten schon mehrmals auf der Wunschliste des FC Bayern wähnten.

Diego Godin? Der 30-jährige 97-fache uruguayische Nationalspieler ist doch den meisten vor allem deswegen bekannt, weil er wahrscheinlich für das Hinspiel ausfallen wird. Wer kannte den 30-Jährigen vor dem 2014er CL-Finale? Wer weiß noch, dass Godin bei der WM 2014 Uruguays 1:0 gegen dezimierte Italiener geschossen hat? Jeder erinnert sich bei diesem Spiel nur an Suarez´ Beißattacke gegen Chiellini. Fairerweise muss man sagen, dass Innenverteidiger wie Godin selten in großartiger Erinnerung bleiben. Wenn, dann erfahren sie maximal die Wertschöpfung der eigenen Fans.

Zudem ist Koke spanischer Nationalspieler, Juanfran gehörte zur spanischen 2012er Europameistermannschaft.

Und ein gewisser Fernando Torres ist noch zu erwähnen. Allerdings hat meiner Meinung nach der mittlerweile 32-Jährige Ex „El Niño“ seinen Karrierehöhepunkt hinter sich bzw. stieg nie so weit auf, wie er es sich wohl selbst nach seinem 1:0 im EM-Finale 2008 gegen Deutschland in Wien erhofft hätte. Torres hat eine „einschlägige FC Bayern-Vergangenheit“, war u.a.  in der 2012er Chelsea-Mannschaft, die dem FCB den Traum vom Sieg im „Finale dahoam“ geraubt hat. Er wurde in der 84. Minute unmittelbar nach Müllers 1:0 eingewechselt. Somit könnte man behaupten, dass er mitentscheidend für den kurz darauf gefallenen Ausgleich und den Sieg von Chelsea gewesen wäre. Dem möchte ich aber ausdrücklich widersprechen:  El Niño blieb völlig unauffällig, schoss keinen Elfmeter und erhielt lediglich in der 120. Minute eine gelbe Karte. Das Europäische Supercup Finale Ende August 2013 in Prag war übrigens sein letztes Spiel für Chelsea. Damals brachte er die Londoner früh mit 1:0 in Führung, erhielt in der 90. Minute abermals eine gelbe Karte und wurde in der 98. Minute für Romelu Lukaku ausgewechselt, welcher im Elfmeterschießen mit dem entscheidenden Schuss an Manuel Neuer scheiterte.

Apropos Ein- und Auswechslungen: Im 2012er Finale wurde Torres für jenen Salomon Kalou eingewechselt, welcher am vergangenen Wochenende mit seinem neuen Verein Hertha BSC zuhause gegen den FC Bayern mit 0:2 unterlegen ist. Übrigens wurde in der CL-Vorrunde 2015/16 mit Petr Cech auch ein anderer Chelsea-Final-Held von 2012 von den Bayern mit Arsenal aus der Allianz Arena geschossen: 5:1 – nie zuvor musste Cech in einem CL-Spiel so oft wie Anfang November 2015 hinter sich greifen. „Alte Rechnungen“ werden in dieser Saison beglichen!  😉

Wenn ich allerdings von „alten Rechnungen begleichen“ spreche, dann hoffe ich weniger auf diejenige von 1974: Der FC Bayern besiegte damals in seinem ersten Landesmeistercup-Finale im Wiederholungsspiel Atlético mit 4:0 – nach „Katsche“ Schwarzenbecks 1:1 in der 120. Minute im ersten Finalspiel im Brüsseler Heysel-Stadion, welches elf Jahre später zu einer sehr traurigen Berühmtheit gelangen sollte. Übrigens waren damals alle vier Bayerntore im Wiederholungsspiel Kontertore (je zweimal Hoeneß und Müller). Aber auch Atlético verdankte dem FC Bayern damals einen seiner größten internationalen Triumphe: Weil der FC Bayern 1974 nicht zu den zwei Vergleichen mit dem Südamerikameister antreten wollte, sprangen die Madrilenen ein und gewannen zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer Vereinsgeschichte den Weltpokal für Fußballvereinsmannschaften. Der FCB trat übrigens erst nach seinem dritten Landesmeistercup-Sieg 1976 zum ersten Mal in jenem Wettbewerb an und gewann gegen Cruzeiro Belo Holizonte (2:0; 0:0). Gegen Atleti dagegen gab es bis zum morgigen CL-Halbfinal-Hinspiel keinen einzigen Vergleich mehr in einem internationalen Wettbewerb.

Weder der nicht allzu spektakuläre Spielerkader noch die Vereinshistorie oder der direkte Vergleich geben Aufschluss, warum man vor diesem Atlético Madrid derart viel Respekt haben muss. Denn fast alle sind sich darüber einig, dass dafür vor allem der seit 2011 verantwortliche 46-jährige argentinische Trainer und 106-fache Nationalspieler Diego Simeone verantwortlich ist.

Wohl selten hat ein Trainer ein Team in den letzten Jahren derart geprägt wie Simeone Atlético. Dabei spreche ich weniger von einem auffälligen Spielsystem wie bei Guardiolas Bayern, sondern vielmehr von einer „mentalen Prägung“ – am ehesten vergleichbar mit Jürgen Klopps BVB 2010-2014. Atléticos taktisches Konzept ist der nahezu unbeirrbare Glaube an die eigene Stärke, auch durch eine extreme Physis unterstützt bzw. dokumentiert. Diese sehr robuste Spielweise, aus einer kompakten Abwehr den Gegner permanent anlaufend, dabei auch gerne einmal ein schmutziges Foul einbauend („im Vorübergehen“ landet eine Hand im Gesicht des Gegenspielers) entspricht dem Selbstverständnis des Gauchos Simeone. Dieser „Rio de la Plata Kampfstil“ wird nicht zuletzt von vier Argentiniern und zwei Uruguayern im Team umgesetzt. Wer sich an den Stil von südamerikanischen Mannschaften – bis vor Kurzem mit Ausnahme von Brasilien – bei Weltmeisterschaften erinnert, weiß, von was ich spreche. Und genau dieser Stil Simeones und die entsprechende Einstellung seiner „Kampftruppe“ treffen bei den Colchoneros, den Fans von Atlético Madrid, auf fruchtbaren Boden. Im Gegensatz zum verhassten Lokalrivalen gilt Atleti als Arbeiterverein und so ist es für die Colchoneros wohl das Höchste der Gefühle den „arroganten“ Madrilenen auf dem Spielfeld die Grenzen mit den eigenen Mitteln „Blut und Schweiß“ aufzuzeigen. Hier wird „Klassenkampf pur“ angedeutet und auch ausgetragen. Von Atleti-Fans weiß ich übrigens, dass man auch den FC Bayern in der „Kategorie Real Madrid & Barca“ sieht, welche angeblich von den Medien und dem Verband immer dem Arbeiterverein Atlético Madrid vorgezogen werden. Auf die spanischen Verhältnisse mag davon einiges sogar zutreffen, vieles ist aber auch reine Legendenbildung …

Ich persönlich halte nicht so viel davon, wenn Fußball größtenteils bzw. ausschließlich auf Taktik reduziert wird. Fußball ist neben spielerischer – individueller – Klasse mindestens ebenso viel Emotion, Mentalität, Willen. Auch das erklärt erfolgreichen Fußball – speziell den von Simeones Atlético. Allerdings sollten die Fans der Münchner spätestens seit dem 4:2 n.V. gegen Juventus Turin wissen, dass die Bayern diese Eigenschaften genauso in die Waagschale werfen können. Wenn den Bayernspielern das schon im ersten Spiel vor einem angekündigt fanatischen  Publikum in Madrid gelingt, dann dürfte Atlético vielleicht wesentlich weniger „eklig“ als befürchtet zu bespielen sein … es sei denn, Simeone lässt bei einem erfolgsversprechenden Bayernangriff wieder einmal einen weiteren störenden Ball aufs Spielfeld werfen…. 😉

 

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3 Kommentare zu „Atlético – der „ekligste“ Bayerngegner aller Zeiten?“

  1. Ich denke, dass die Einschätzung hier zum Spiel nicht so falsch war. Ich fand Atlético nicht so eklig. Und es war auch wirklich nicht so sehr die Taktik, welche das Spiel geprägt hat, wie viele vorher vermutet haben…

    Und manchmal sind so einfache Sätze wie die von einst Franz Beckenbauer auch viel zutreffender als zu große „Überladungen“ mit Taktik: „Geht´s raus und spielt´s Fußball“!!
    Und ich bin mir sicher, dass der Franz auch gesagt hat „…und schießt´s Tore“! Denn wenn man wie Bayern gestern eine derart große Anzahl an Torchancen in so einem wichtigen Spiel hat, dann muss man auch das eine oder andere Tor machen…

    Ein Unentschieden wäre mehr als verdient gewesen!

    1. Auf der Facebook-Seite ist ein bisschen mehr Traffic.
      Aber an CL-Spieltagen ist in der Tat auch dort sehr wenig los. Muss ich mal etwas über „zu verkrampfte Bayernfans“ schreiben ….??!! 😉
      Viele haben sich jetzt durch tagelanges Nörgeln in einen „Mia san Sch…“ Zustand gebracht und verkriechen sich nun folgerichtig …
      Oh mei – hoffentlich haben die Spieler mehr von dem „Mia san mia“-Gen als diese z.T. doch sehr traurige Fanschar 😉 Eigentlich bin ich mir da ziemlich sicher!!

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