FC Bayern – Schalke 04 3:0 (0:0) – absurde Statistiken

FCB-S04

 

Nach dem kräfteraubenden Champions League Halbfinal Einzug in Lissabon gegen Benfica (2:2) befürchteten bereits viele Bayernfans, dass das knapp drei Tage später stattfindende Bundesliga-Heimspiel gegen das ausgeruhte Schalke 04 eine nicht ganz so einfach zu bewältigende Aufgabe werden würde. Pep Guardiola warf dazu kräftig den Rotationsmotor an und in seiner Startformation fanden sich im Vergleich zum Benficaspiel insgesamt sechs neue Spieler in der Startformation wieder. Allerdings konnte man diese Elf keineswegs als B-Elf bezeichnen, denn hießen diese Spieler Lewandowski, Götze, Coman, Bernat, Benatia und Rafinha.

Die Bayern fanden trotzdem in der 1. Halbzeit nur schwer bis gar nicht zu ihrem Spiel. Schalke verbarrikadierte sich in einer 5-4-1 Formation, die zum Teil sogar zu einem 5-5-0 mutierte, geschickt in seiner eigenen Hälfte und stellte die Passwege sehr gut zu. Gut gespielte Flankenwechsel verpufften zudem einige Male aufgrund von unkonzentrierten Ballannahmen – diese hatte man vor allem bei Costa und Coman schon wesentlich besser gesehen. So ging eine ziemlich ereignisarme erste Halbzeit mit einem folgerichtigen 0:0 zu Ende. Costa hatte nach einer Unachtsamkeit in der Schalker Hintermannschaft schon nach zwei Minuten die beste Chance der gesamten Halbzeit etwas fahrlässig vergeben. Auf der Gegenseite grätschte Benatia den einzig wirklich gefährlichen Schalker Konter gekonnt ab.

In der Halbzeit verspürte man im Stadion unter den Zuschauern, welche mit den Bayern sympathisierten, eine gewisse Ratlosigkeit bis Verunsicherung. Die Hoffnung auf einen „dreckigen 1:0-Sieg, der her muss“ machte die Runde. Jedoch konnte man schon in den ersten fünf Minuten nach der Pause erfreut feststellen, dass ein ganz anderer Zug im Bayernspiel drin war, obwohl Guardiola dasselbe Personal auflaufen ließ. Das Aufbauspiel lief viel schneller und flüssiger und das in Halbzeit 1 scheinbar gelähmte Duo auf den Außenbahnen, CoCo, warf in erhoffter Manier endlich den Turbo an. Nachdem Lewandowski seine – ihm hauptsächlich angedichtete – Torflaute mit einem grandiosen Treffer beendet hatte und er wenig später auch noch seinen 27. BL-Treffer, dieses Mal per Kopf, nachlegte, war das Spiel vorentschieden. Vidals 3:0 eine gute Viertelstunde vor Spielschluss machte endgültig sämtliche S04-Hoffnungen zunichte. Auch wenn Schalke in den letzten Minuten noch einmal seine Angriffsbemühungen merklich, aber erfolglos verstärkte, war diese 2. Halbzeit sicherlich eine der besten der Bayern der gesamten Rückrunde. Die bayerischen Fans wanderten ausnahmslos zufrieden aus der Arena und schwärmten von einer sehr guten zweiten Halbzeit gegen einen Gegner, der eigentlich ein Aspirant auf einen Champions League Platz in der Bundesliga sein sollte und wohl auch trotz der Niederlage noch ist.

Die erste Überraschung nach der Partie waren dann Pep Guardiolas Unmutsbekundungen auf der Pressekonferenz nach dem Spiel, mit welchen er sich nahezu bei den eigenen Fans für die Leistung seiner Mannschaft entschuldigte. Insgesamt wirklich verwunderlich, nachdem er zuletzt doch eher „taktische Langweiler“ wie die CL-Partie zuhause gegen Lissabon (1:0) schön geredet hatte und das Spiel gegen Schalke in der 2. Halbzeit einen sehr positiven Verlauf nahm – ergebnistechnisch und spielerisch. Das nennt man dann wohl die „Spieler fokussieren“, damit sie auf keinen Fall bei zukünftigen Aufgaben in ihrer Konzentration nachlassen.

Eine noch größere Überraschung waren aber – zumindest für mich – die zum Spiel angebotenen Statistiken. Dabei spreche ich weniger von dem für Bayernverhältnisse bescheidenen Ballbesitz von lediglich 66,5%, den 14:7 Schüssen gesamt, von denen auf Bayernseite sieben und auf Schalker Seite vier den Weg aufs Tor gefunden hatten (bei Bayern auch natürlich drei ins Tor). Das Eckenverhältnis zu Gunsten der Bayern lautete 6:2 und selbst die Foulstatistik „gewann“ der FCB mit 10:7, ohne dass es ein einziges böses Foul im Spiel gegeben hätte, welches mit einer Karte zu ahnden gewesen wäre.

Was mich an den Statistiken verwunderte, war die aus Bayernsicht mehr als mäßige Zweikampfbilanz des Spiels: 62% gewonnene Zweikämpfe auf Schalker Seite, lediglich 38% der Bayern. Nachdem ich einmal mehr einen speziellen Fokus auf den aus meiner Sicht völlig zu Unrecht häufig kritisierten Benatia geworfen hatte, interessierte mich speziell seine Zweikampfquote, welche ich im Videotext von ZDF auch fand. Gefühlt hat Benatia sämtliche seiner Zweikämpfe gewonnen, in der Halbzeit unterhielten wir uns über seine „bärenstarke“ Leistung – wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt nur Vidal und eben Benatia in ansprechender Form gesehen. Dann der Hammer: Zweikampfquote Benatia laut ZDF-Statistik: lediglich 44%.! Er soll nur vier von neun Zweikämpfen gewonnen haben. Wie ging das denn bitte? Kopfballduelle hat er ganz gewiss alle ohne Ausnahme gewonnen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob diese in die „normale Zweikampfquote“ mit einfließen. Insgesamt gewannen die Bayern auch nur 45% ihrer Kopfballduelle – ist dies eine getrennte Statistik zur gesamten Zweikampfstatistik oder auch eine Teilstatistik dieser? Erstaunlich auch, dass der FCB in den Statistiken 84,6% seiner „Tackles“ gewonnen hat, S04 dagegen „nur“ 78,3% – wie passt das mit den anderen Zweikampfwerten zusammen? Gehören „Tackles“ etwa nicht zu den Zweikämpfen?

Natürlich habe ich mir auch die Werte der anderen Bayernspieler angeschaut: Lediglich drei der insgesamt eingesetzten 13 Feldspieler hatten eine ausgeglichene bis leicht positive Zweikampfbilanz. Das „Zweikampfmonster“ des FC Bayern am Samstagabend war Mario Götze, welcher 10 seiner 19 Zweikämpfe erfolgreich bestritt – zudem war er einmal mehr der laufstärkste Spieler der gesamten Partie mit einer Laufleistung von 11,9km (vor Lahm 11,6km). Gab es nicht nach dem Spiel im Forum einige Leute, die gefragt haben, ob Götze überhaupt mitgespielt hat? 😉  Er spielte in der Tat eher unauffällig, öffnete aber seinen Mitspielern durch seine intelligenten Laufwege die Räume.

Die anderen beiden Bayernspieler mit einer vernünftigen Zweikampfbilanz waren übrigens Bernat mit ebenfalls 53% gewonnenen Zweikämpfen (9/17) und Costa mit 50% (9/18). Eigentlich sind alle drei Werte eine gewisse Überraschung. Speziell Costa hatte eine sehr mäßige erste Halbzeit, obwohl auch er sich ganz erheblich in der zweiten Halbzeit gesteigert hat. „Gefühlt“ war Costas Wert etwas schwächer als der seines Partners auf dem anderen Flügel, Coman – aber: der junge Franzose hatte sogar den schwächsten Wert aller Spieler der Startelf: 19%! (3/16). Der „Krieger“ Arturo Vidal, welcher von den Fans mit einem donnernden Applaus bei seiner Auswechslung verabschiedet worden war, gewann auch nur 42% (5/12) seiner Zweikämpfe.

Ohne die Werte seiner drei „Samstag-Zweikampfmonster“ Götze, Bernat und Costa hätte die Bayernquote gegen Schalke einen unterirdischen Wert von unter 30% gehabt!

Folglich waren die entsprechenden Werte der Schalker Spieler sehr gut: Choupo-Moting hatte dabei einen für einen Stürmer wirklich abenteuerlich guten Wert von 82% (14/17), ebenso seine später eingewechselten Sturmkollegen Meyer und Schöpf mit jeweils 75%. Neustädter ebenso 75%, die Bayernleihgabe Hojbjerg gar 79% … Frage: wieso hat man von diesen Spielern während des Spiels bei diesen fantastischen Zweikampfwerten so wenig gesehen? Dagegen zeigte der in der  68. Minute für Costa eingewechselte Ribéry einige gute Aktionen, darunter die heruasragende Vorarbeit zum 3:0 von Vidal. Schon in dieser einzelnen Aktion hätte ich zwei bis drei gewonnene Zweikämpfe vom flinken Franzosen gesehen. Ribérys offizielle Zweikampfbilanz nach Spielschluss lautete aber: 0% (0/6)  😉

Natürlich habe ich mich nach diesen für mich so verwirrenden wie überraschenden Daten auf die Suche nach Erklärungen gemacht und bin auf folgenden Beitrag gestoßen:  http://www.hna.de/sport/fussball/millionen-daten-spiel-werden-fussball-statistiken-erfasst-4483893.html

In diesem Beitrag wird erklärt, auf welche Weise die Spieldaten erfasst werden:

„Bei einem Bundesligaspiel sind vier Leute vor Ort. Ein Scout und drei Tracker. Der Scout beobachtet die Partie. Er kommentiert per Mikrofon das Spiel stichwortartig. Die Beschreibung eines Spielzugs der Bayern könnte lauten: Schweinsteiger – Flanke – Alonso – Kopfball – Tor.

Einer der Tracker hört per Kopfhörer mit. Er erfasst die Daten und speist sie in einen Computer ein. Der dritte Mann trägt zusätzliche Informationen zusammen. Der vierte Mitarbeiter des Teams kümmert sich nur um die Videosoftware für Trackingdaten. Obendrein kontrolliert ein sogenannter Supervisor die Daten stichprobenartig. Während das Tracking ein vollautomatisches Verfahren ist, wird beim Scouting noch viel Handarbeit verlangt, etwa beim Eingeben der einzelnen Spielereignisse. Tracking- und Scoutingdaten werden anschließend zusammengeführt. Sie landen in Live-Datenbanken, in denen automatisch Statistiken erstellt werden. Diese aktualisieren sich in Echtzeit.“

Zusammenfassend würde ich sagen, dass es jeweils ein Team aus vier „Fußballfreaks“ ist, welches derartige „weiche Daten“ erstellt. Da sollten sehr viele subjektive Eindrücke und nicht zuletzt Sympathien eine Rolle spielen. An Ballbesitz, Torschüssen, Ecken, Fouls, Laufleistung – für mich „harte Daten“ – kann man wenig manipulieren. Aber – sorry – mit diesem Wissen und noch unter dem Eindruck, dass dieses Wertungssystem bei Bayern – Schalke am Samstag wohl völlig versagt hat, erspare ich mir zukünftig lieber die Statistiken über die Zweikämpfe, oder vielleicht noch besser: schmunzle darüber, wenn sie mir wieder derart absurd vorkommen!  😉

 

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4 Kommentare zu „FC Bayern – Schalke 04 3:0 (0:0) – absurde Statistiken“

  1. Ist mir aber lieber, wenn S04 fair spielt, als wenn ein übermotivierter BVB („Mitch Langerack“) unserem Mittelstürmer die Gesichtsknochen bricht.

  2. Hervorragender Beitrag!
    Endlich einer, der sich dieser Sache annimmt .. hatte auch immer meine Zweifel!
    Danke!

  3. Übrigens sehr witzig dazu die gestrige Spieltagsanalyse mit Helmer, Thon und Berthold: Diese haben gerade das körperlose Spiel (Helmer hat sogar nur 6 Schalker Fouls genannt) und die Zweikampfschwäche der Schalker als Grund für die Niederlage der Gelsenkirchner gesehen … 😉 😉

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