Das verlorene Finale „dahoam“

Finale dahoam Ticket

Nachdem in diesem Sommer das Fußball-Sommerloch bislang besonders tief und schwarz erscheint, fast alle Fußballmeldungen eher als Ärgernis denn als nützliche Informationen dienen, dachte ich mir: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Du Dich wie jeder FC Bayern-Fan, der noch dazu Fußball-Blogger ist, dieser „Mammutaufgabe“ stellen musst – der Aufarbeitung des verlorenen Finale dahoam gegen Chelsea London am 19. Mai 2012!

Warum gerade jetzt – mitten im Sommer – wenig mehr als zwei Wochen vor dem Bundesliga-Saisonstart gegen den erklärten bayerischen Lieblingsgegner aus Hamburg?

Eben zum einen, weil trotz einer Vielzahl internationaler Turniere, u.a im Jugend-, Junioren- und Damenbereich, in den vergangenen Wochen die Anzahl der ärgerlichen Gerüchte- und Spekulationsthemen um Potenzen höher erscheint als die der wirklich wissenswerten Fußballmeldungen. Zum anderen weil offensichtlich sehr viele Bayernfans einen gewissen Blues aus der vergangenen Saison über den gesamten Sommer in die nächste Saison zu schleppen scheinen. Und speziell nach dem Weggang des FCB-„Fußballgottes“ Bastian Schweinsteiger scheint der Klub in den Augen zahlreicher eigener Anhänger aktuell wenig richtig machen zu können. Mich persönlich erinnert diese Stimmung – trotz sehr souveräner deutscher Meisterschaft – sehr stark an die im Sommer 2012, als der FC Bayern als Nachfolger von „Triple-Vizekusen“ verspottet worden ist. Damals kam noch erschwerend das Aus der Nationalmannschaft im EM Halbfinale gegen Italien dazu – allerdings hat so ein „Fußballgroßereignis“ in diesem Fall den Vorteil, dass die Sommerpause und damit auch das Sommerloch nicht so lang sind!

Als im Januar 2009 das Exekutivkomitee der UEFA in Nyon die Allianz Arena in München als Austragungsort des Endspiels der Champions-League-Saison 2011/12 bekannt gegeben hat, wagten nur die größten Optimisten unter den Bayernfans zu hoffen, dass die eigene Mannschaft in diesem Finale eine Rolle spielen könnte. Denn trotz zahlreicher deutscher Doubles in den vergangenen Jahren hatte seit dem gewonnenen Finale 2001 in Mailand gegen Valencia keine Bayern-Mannschaft mehr das Viertelfinale in der Champions League überstanden.

Eine erste Hoffnung keimte unter den Bayernfans zum Ende der Saison 2009/10 auf, als der FC Bayern erst an der letzten Hürde zum erstmaligen Triple in der Vereinsgeschichte, Inter Mailand, mit 0:2 im Champions League Finale in Madrid gescheitert ist. Ab diesem Zeitpunkt schien es wieder möglich zu sein, das Finale dahoam erreichen zu können.

In der darauffolgenden Saison, der zweiten unter Louis van Gaal, lief jedoch fast alles, was im Jahr zuvor noch funktioniert hatte, schief. Kurz vor Saisonende war selbst der dritte Platz in der Bundesliga, der damals für die Champions League Qualifikation benötigt worden ist, in Gefahr. So wurde van Gaal fünf Spieltage vor dem Saisonende entlassen: Der FCB stand zu diesem Zeitpunkt auf dem vierten Tabellenplatz – hinter Hannover 96! Van Gaals Co-Trainer Andries Jonker übernahm den Trainer-Chefposten und man konnte im Saisonendspurt Hannover noch hinter sich lassen! Die Katastrophe war glücklicherweise abgewendet, ein Champions League Finale (nach 15 Jahren einmal wieder) in München und der FC Bayern nicht für den Wettbewerb qualifiziert – undenkbar!

Jupp Heynckes kam im Sommer 2011 als Trainer wieder zurück an die Säbener Straße und im Sommer verstärkte sich der Verein u.a. mit Manuel Neuer und Jerome Boateng, um sich den Traum vom Finale dahoam zu erfüllen.

Und um sich diesem Traum auch selbst etwas näher zu fühlen, bewarben sich einige Fußballkumpels und ich bereits im frühen Sommer 2011 beim FC Bayern für die begehrten Finaltickets!! 😉

Nach einem etwas holprigen Bundesligastart, bei dem ausgerechnet die beiden Neuzugänge Boateng und Neuer die 0:1-Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach am ersten Spieltag „perfekt“ gemacht haben, kam der „FCB-Express“ in der Saison 2011/12 immer besser ins Rollen: Man überstand die CL-Quali-Runde gegen den FC Zürich mühelos, war in der BL bald – sogar souveräner – Tabellenführer und qualifizierte sich ebenso souverän als Gruppensieger in einer sogenannten „Todesgruppe vor Napoli, ManCity und Villarreal.

Im Achtelfinale wurde der FC Basel insgesamt klar mit 0:1 und 7:0(!) eliminiert. Olympique Marseille, welches in der Vorrunde den damaligen amtierenden deutschen Meister Borussia Dortmund (3:0; 3:2) ausgeschaltet hatte, stellte im CL-Viertelfinale bei den beiden 2:0-Siegen noch weniger ein Problem dar.

Aber im Halbfinale wartete mit den Königlichen aus Madrid ein ganz anderes Kaliber auf die Bayern: Nach einer wahren Schlacht über mehr als 210 Minuten (2:1 in München durch ein Tor von Gomez in der Nachspielzeit; 1:2 n.V. im Bernabeu) zeigten die Bayernspieler im Elfmeterschießen die etwas besseren Nerven: CR7 und Kaka scheiterten jeweils am glänzend reagierenden Manuel Neuer, während bei Bayern zunächst der damals blutjunge Alaba und Gomez trafen. Der Finaleinzug war zum Greifen nahe. Als jedoch Kroos und Lahm ihrerseits – bei einem sicher verwandelten Elfmeter von Xabi Alonso – scheiterten, schien das Halbfinale eine dramatische Wende zu erfahren. Jedoch verschwand Ramos´ nächster Elfmeter im Nachthimmel von Madrid und Schweinsteiger konnte mit seinem souverän verwandelten Elfmeter den so sehr herbei gesehnten Finaleinzug im eigenen Stadion perfekt machen: Die Spieler verwandelten sich auf dem Rasen des Bernabeu-Stadions in eine einzige Jubeltraube vor der Fankurve der mitgereisten Fans, während wir zu Hause in ähnlicher Besetzung wie beim WM-Finaleinzug 1982 über Frankreich (8:7 ebenfalls nach Elfmeterschießen) einen ähnlichen Jubeltanz wie 30 Jahre zuvor ablieferten 😉

Noch während der Jubelfeiern zu Hause in München habe ich die ersten Telefonate mitbekommen, bei welchen versucht wurde, alle vorhandenen „Connections“ hinsichtlich einer erhofften Finalkarte zu erreichen – nicht sehr erstaunlich waren die meisten telefonischen Anschlüsse an jenem Aprilabend dauerhaft besetzt! 😉

Als es wenige Tage später Meldungen seitens des FCB gab, dass es für die von der UEFA dem Verein zur Verfügung gestellten 17.500 Tickets in der Südkurve ca. 1,2 Millionen Bewerber gäbe, sah ich persönlich meine Chancen auf ein Minimum sinken, selbst an ein Ticket zu kommen. Umso glücklicher und nahezu sprachlos war ich, als ich genau zwei Wochen vor dem Finale per Email informiert worden bin, dass wir zu Viert nebeneinander Tickets für das Finale bekommen hatten – ein Wahnsinn!

Die Premiere meines neuen „Finale dahoam“ Shirts ging leider beim Pokalfinale gegen den BVB (2:5; dreimal Lewandowski!) eine Woche vor dem Spiel in München gründlich daneben. Dennoch war die Grundstimmung für das Finale gegen Chelsea London positiv – Endspiel zu Hause, anderes Spiel, anderer Gegner!

Wir vier glücklichen Kartenbesitzer hatten für den Finaltag vereinbart, dass wir uns schon am frühen Nachmittag im Augustiner-Biergarten treffen wollten und von dort wollten wir uns „peu à peu“ mit dem Fahrrad Richtung Allianz Arena, welche für diesen Abend in „Fußball Arena München“ umbenannt worden ist, bewegen. Nachdem ich selbst im Südwesten Münchens und zwar im Landkreis München wohne, hatte ich somit selbst meine kleine sportliche Herausforderung für diesen Tag!

Nach einem ausgiebigen Frühstück bin ich ca. um 11 Uhr jenes „geschichtsträchtigen“ 😉 19. Mai 2012 mit dem Fahrrad Richtung Münchner Innenstadt losgefahren – ich wollte „Atmosphäre pur“ schnuppern. Und als ich schon auf dem ersten kleinen Wegstück von mehreren Leuten, die eigentlich mit Fußball gar nicht so viel „am Hut haben“, angerufen worden bin, die mir alle „viel Spaß“, „viel Glück“, „viel Erfolg“ gewünscht haben, wusste ich definitiv: Das ist ein ganz besonderer Tag!

Als ich am späten Vormittag über die Theresienwiese gefahren bin, war noch nicht so viel davon zu bemerken, dass dort am Abend einige Zehntausende Fans beim Public Viewing mit den Bayern mitfiebern würden. Es war ein wunderschöner Frühsommertag – geradezu wie gemalt für das größte Fußballfest der Münchner Stadtgeschichte! Auf dem Weg von der Wiesn zum Stachus bin ich dann auch schon an den ersten Chelsea-Fans vorbei gekommen: Dem Wetter entsprechend frühstückten die meisten im Freien vor irgendwelchen Restaurants, Cafés, Kneipen – Bier floss da noch nicht! 😉

Bayern-Fans sah man natürlich in ganz anderen Massen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt (mittags) das Gefühl, dass sich alle in Richtung Fußgängerzone aufgemacht haben, wie ich selbst auch. Am Stachus habe ich dann mein Fahrrad abgestellt und bin dann für ca. 90 Minuten in die „rote Masse“ zwischen Stachus und Marienplatz eingetaucht. Die Stimmung war ausgelassen und friedlich. Von überall her kamen kleinere und größere Fanscharen, die meist schon quasi zum Einstand ihre Schlachtgesänge zum Besten gaben. Am meisten beeindruckt hat mich dabei eine Fangruppe, die – sich dem Marienplatz nähernd – mit „Niederbayern Niederbayern hey hey!“ auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Jungs hatten derart kräftige und tiefe Stimmen, dass man kurzzeitig das Gefühl hatte, eine ganze Stadionkurve würde gerade eintreffen. Tatsächlich waren es aber wohl nicht viel mehr als 50 junge Männer….

Meine Vorfreude auf das Finale am Abend stieg mehr und mehr. Die ganze Stadt schien sich in Rot und Weiß auf ein gigantisches Fußballfest vorzubereiten!

Aber wo waren eigentlich die englischen Fans? Hatten die so wenig Vertrauen in ihre eigenen Defensivkünstler, dass man nur vereinzelt nach München gekommen ist? In der Innenstadt waren es wirklich nur sehr wenige. Und die waren einzig und allein auf der Suche nach Endspieltickets, fast alle hätten sogar „Mondpreise“ für ein Ticket bezahlt. Einer hätte mir EUR 2000 für mein Ticket (in der Südkurve! 😉 ) gegeben – ich hätte meine Karte aber auch nicht für das 5-fache Angebot eingetauscht! Es war zwar nach 1993 und 1997 schon das 3. CL-Finale, welches ich live in einem Münchner Stadion sehen sollte, aber das erste mit „meinen Bayern“.

Und die Chelsea-Fans fand ich dann doch noch – und das noch dazu im Hofgarten, einem meiner absoluten Lieblingsplätze in München! Dort hatten sie wohl ihren vereinbarten Treffpunkt – und was für ein krasser Gegensatz: einer der schönsten Orte Münchens war proppenvoll mit Tausenden englischer Fans, bei deren Anblick einem der Ausdruck „attraktiv“ sicherlich als letztes eingefallen ist. Es war vielmehr eine massenhaft Bier konsumierende grölende Horde – die wahrscheinlich erst dann wieder aus meinem Gedächtnis verschwinden wird, wenn ich einmal wieder im Hofgarten sein werde, wenn der FCB sein nächstes „Finale dahoam“ gewonnen haben wird! 😉

Selbst bin ich dann zum vereinbarten Treffpunkt in den Augustiner Biergarten in der Arnulfstraße geradelt. Dort angekommen konnte ich meinen Augen kaum trauen: Der mir vertraute große Biergarten war von der Publikumszahl her wahrscheinlich auf das drei- bis vierfache angeschwollen im Vergleich zu „vollen Hochsommertagen“. Die Stimmung war gigantisch – Fangesänge im Minutentakt, an welchen fast immer der ganze Biergarten teilnahm. Die wenigen „Blues-Fans“, die eingetroffen sind, sind „vorsichtshalber“ sofort wieder abgezogen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass angesichts der wirklich komplett friedlichen Fröhlichkeit nur ansatzweise ein Gefahrenherd bestanden hat. Auch wenn der Gassenhauer „Who the fuck is Chelsea London?!“ zur Melodie von „Living next door to Alice“ war .. 😉

Wir haben an unserem Tisch einen brasilianischen Bayernfan kennengelernt, der – wenn ich mich richtig erinnere – extra mit einem Kumpel aus Köln gekommen ist, um das Spiel auf der Theresienwiese im Public Viewing sehen zu können. Nebenbei handelt er wohl mit alten (seltenen?) Bayerntrikots, für welche er eine eigene Website hat…

So gegen 17 Uhr sind wir dann mit dem Fahrrad Richtung Stadion losgefahren – überall Bayern Fans – Gänsehautgefühl! Ich würde schätzen, dass am 19. Mai 2012 mindestens eine halbe Million eindeutig zu erkennende 😉 Bayern Fans in der Münchner City waren. Auf dem Weg zum Stadion wurden wir permanent von allen Seiten „abgeklatscht“. Das personifizierte „Mia san mia“ machte sich in der Stadt breit. Wir kamen mit dem Fahrrad fast direkt am Hofgarten vorbei – das Aufeinandertreffen mit den Chelsea Anhängermassen verlief jedoch absolut friedlich … Ludwigstraße … überall abklatschen… Leopoldstraße – dasselbe Prozedere … Letzter Stopp vor dem Stadion war ein Biergarten, wo wir uns auch sonst häufiger vor „normalen Heimspielen“ treffen. Noch ein Weißbier – und dann ab zum „Tempel unserer Träume“! Kann, nein darf an so einem perfekten Tag für den Münchner Fußball (wenn man einmal von ein paar wenigen Außenseitern absieht 😉 ) überhaupt etwas schief gehen? Alles war bereit für eine gigantische Fußballparty!

Ungefähr zwei Stunden vor Spielbeginn waren wir am und kurz später im Stadion. Man merkte schon die gespannte Atmosphäre um und im Stadion, definitiv anders als bei einem Bundesligaspiel. Auf dem Weg zu unseren Plätzen in der Südkurve, welche den Bayern Fans natürlich zugeteilt worden ist, ist mir eine „gestylte“ junge Dame in hochhakigen Schuhen und kleinem Schwarzen aufgefallen – ja, auch so kann man zu einem CL-Finale – wohl in eine VIP-Loge – gehen! 😉

Wir waren noch nicht lange auf unseren Plätzen in der Südkurve angekommen, da kam der FCB-Stadionsprecher Stephan Lehmann zur Kurve und begann mit „Hier regiert…!!“ Natürlich von der bereits prall gefüllten Bayernkurve mit „…der FCBeee!“ beantwortet. Ab diesem Zeitpunkt hallten die Sprechchöre der Bayern Fans durch das Stadion. Diese sollten sich in den nächsten Stunden fast durchgängig mit kurzen Unterbrechungen (Halbzeitpause) bis zum letzten Elfmeter dieses denkwürdigen Abends fortsetzen. Zu diesem Zeitpunkt, vielleicht 90 Minuten vor Spielbeginn, waren in der Nordkurve vielleicht einmal eintausend(!) Londoner Fans. Die Chelsea-Kurve begann sich erst sehr spät ab ungefähr eine halbe Stunde vor Spielbeginn etwas mehr zu füllen! Als jedoch die Chelsea-Fans nach dem Spiel zur Stimmung im Stadion gefragt worden sind, meinten sie ehrlich, dass sie selbst noch nie einen derartigen „Support“ von Fans eines Vereins erlebt hätten, wie denjenigen der Bayernfans an jenem Abend! (Ist das ein kleiner Trost? 😉 )

Seit jenem Abend glaube ich noch mehr, dass man sich Nervosität und Anspannung „wegschreien und –klatschen“ kann. Wenn ich an diese Stimmung zurückdenke, bekomme ich immer noch Gänsehaut!

Zum Spiel selbst muss ich wohl nicht allzu viel sagen – es war ein einziger Sturmlauf der Bayern, der in der 2. Halbzeit noch einmal an Vehemenz zunahm. Wir selbst hatten unsere Plätze in der 10. Reihe, in der 2. Halbzeit direkt hinter dem Chelsea-Tor, welches leider von Petr Cech außergewöhnlich gut bewacht worden war. Die Bayern hatten unzählige Schusschancen, aber immer, wenn nur eine kleine Lücke zum Tor offen schien, warfen sich – direkt vor unseren Augen – gefühlt ein halbes Dutzend Chelsea-Spieler in die Schussbahn. Eine derart massive „lebendige Wand“ hatte ich zuvor noch nie in einem Fußballspiel erlebt!

Nie vergessen werde ich den Torjubel, als Thomas Müller in der 83. Minute per Kopfballaufsetzer den vermeintlichen Siegtreffer zum 1:0 erzielte. In der Bayernkurve, aber auch auf dem Rasen bei den Spielern wenige Meter vor unseren Augen- das war Ekstase pur! Die Spieler lagen auf dem Spielfeld aufeinander, nicht viel anders war es auf den Rängen bei den Fans. Lebhaft habe ich auch noch Thomas Müller vor Augen, als er sich aus der Jubelkurve mit weit aufgerissenem Mund Richtung Mittellinie verabschiedete. Die anschließenden fünf Minuten bis zum – hinsichtlich des Spielverlaufs – unfassbaren 1:1 durch Drogba habe ich wie in Trance erlebt. Ich weiß nicht mehr, ob das sehr lange oder sehr kurze fünf Minuten waren – sie waren aber von extremsten Emotionen geprägt.

Noch war nichts verloren – es ging in die Verlängerung. Als Ribéry ganz am Anfang der Verlängerung einen Elfmeter herausholte, er selbst minutenlang verletzt am Boden liegend behandelt und schließlich ausgetauscht werden musste, hatte ich selbst schon ein sehr mulmiges Gefühl. Die englischen Profis versuchten während der ganzen Zeit vor dem Elfmeter Arjen Robben, den vermeintlichen Schützen, mit zahlreichen Gesten und Aktionen zu provozieren und zu verunsichern, was ihnen leider auch gelang….

Dann das Elfmeterschießen: Konnte das überhaupt gut gehen? Müller mit Krämpfen ausgewechselt, Ribéry verletzt ausgewechselt, Robben hatte bereits verschossen, Alaba fehlte im Finale gelb-gesperrt, Kroos und Lahm hatten im Halbfinale verschossen!

Dennoch konnte das Elfmeterschießen nicht besser losgehen: Lahm und Gomez verwandelten, während Juan Mata an Manuel Neuer scheiterte – 2:0 für Bayern nach insgesamt drei Schützen! Als jedoch Neuer selbst beim Stand von 2:1 zum dritten Bayern-Elfmeter antrat, überkam mich ein ungutes Gefühl – er war zwar schon damals als hervorragender Fußballspieler bekannt, aber warum – um Himmels Willen – muss der Torwart schon so früh im Elfmeterschießen ran?! Er verwandelte, aber trotzdem …

Mein mieses Gefühl steigerte sich, als sich Olic als vierter Bayern-Schütze vom Mittelkreis zum Elfmeterpunkt aufmachte – und er fast zwangsläufig scheitern musste. Um es kurz zu machen: Schweinsteiger scheiterte an Cech und am Innenpfosten, der keine Gnade zeigte und den Ball nicht in die „richtige Richtung“ ins Tor ablenkte.

Als Didier Drogba – wirklich wenige Meter vor unseren Augen – zum letzten und entscheidenden Elfmeter antrat, war unser aller Hoffnung schon auf ein Minimum geschrumpft … Er schickte Neuer in die falsche Ecke … Chelsea feierte, die Bayernspieler und –fans – im Stadion wie wohl in der ganzen Stadt – waren dagegen im wahrsten Sinne des Wortes am Boden zerstört! Weltweit wurden wohl die Bilder der am Boden liegenden Bayernspieler mit weinenden Gesichtern gezeigt. Das Bild auf den Rängen war sicher nicht anders: die Bayernfans waren nicht einmal zu Flüchen oder Schimpftiraden fähig. Wenige gingen sofort, die meisten blieben einfach sprach- und regungslos auf ihren Plätzen, sitzend mit gesenktem Haupt nach vorne gebeugt oder erschöpft auf ihren Sitzen liegend. Erst jetzt bemerkte ich, wie anstrengend das Ganze auch für uns war: für Mai hohe Temperaturen, stundenlanges Anfeuern im Stehen, Nerven zerfetzendes Hoffen und Bangen. Bei der Siegerehrung für Chelsea waren wir noch körperlich anwesend im Stadion, mitbekommen davon habe aber zumindest ich nichts.

Gefühlt eine halbe Stunde nach dem Elfmeter von Drogba saßen wir auf unseren Fahrrädern und sind nach Schwabing gefahren, um dort Freunde zu treffen, mit denen wir jetzt eigentlich feiern wollten. Schon auf dem Weg dahin war alles fast schon gespenstig ruhig. Ich genehmigte mir ein, zwei Frustbier in einer Kneipe und erklärte dort einem Löwenfan, warum sein Statement, dass die Bayernfans nun auch wüssten, wie es sich jahrelang als Sechziganhänger anfühlt, eine aberwitzige Themaverfehlung ist …

Irgendwann in der frühen Nacht haben wir uns zunächst gemeinsam, dann peu à peu getrennt und einzeln mit dem Fahrrad nach Hause bewegt. Die Straßen waren auch zu dieser späten Stunde noch sehr voll, überall sah man schweigende Fußballleichen. Ca. um 3 Uhr in der Früh bin ich nach 16 Stunden „Fußballparty“ und geschätzten 80 km auf dem Fahrrad erschöpft, frustriert und traurig zu Hause angekommen.

Die Sprachlosigkeit zog sich dann noch mehr oder weniger den gesamten Sonntag hin, aber schon am Abend wurden erste Telefonate geführt und Emails geschrieben – das Wort „(trotzdem) Stolz“ kam dabei wohl mit am Häufigsten vor!

Unfassbar, dass Arjen Robben wenige Tage später beim Spiel der Bayern gegen die Niederlande in der Allianz Arena ausgepfiffen worden ist – ein wirklicher Bayernfan war damals sicher nicht dabei!

Ich muss zugeben, dass ich mich tatsächlich beim Schreiben dieses Beitrags zum Teil wieder schlecht gefühlt habe. Aber dann erinnere ich mich selbst, warum ich diesen Artikel gerade jetzt geschrieben habe: Denn schon 2012 war ich wohl einer der Ersten, der seinen Optimismus wieder gefunden hat – nach dem Motto „jetzt erst recht!“ – denn „Mia san mia“!!!

In diesem Sinne hoffe und glaube ich ganz fest an eine sehr erfolgreiche Bayern-Saison 2015/16!!! Ich hätte nichts dagegen, wenn es zu einer Wiederholung von 2012/13 kommen würde! Und über das Fußballsommerloch 2015 könnte man dann nachträglich nur noch schmunzeln … und sich bestens auf das von 2016 vorbereiten!! 😉 😉

PS: Übrigens hat unser Fußballkumpel Uwe, der aus Franken gekommen ist, um diesen Fußballtag mit uns zu erleben, tief in der Nacht bei einem Augustiner – trotz des großen Schmerzes – folgendes Fazit gezogen: „…das Größte, was ich jemals erlebt habe..!!!“

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7 Kommentare zu „Das verlorene Finale „dahoam““

  1. Gute Frage .. jedes CL Ausscheiden ist grausam .. viel grausamer als z.B. ein total in die Hose gegangenes Elferschießen, wie 2015 im Spiel gegen den BVB .. am Erträglichsten ist es im Halbfinale auswärts .. im Halbfinale zu Hause, wie die letzten zwei Male, ist vor allem dann blöd, wenn für das Rückspiel noch Hoffnung bestand.

    In Wien fehlte damals irgendwie der Biss. Das Tor von Wiggerl Kögl war ja eher „komisch“ („Kopfballungeheuer“ machen solche Tore jedenfalls nicht ..). Und dann hatte ich immer das Gefühl, dass wir es versäumten, den Sack zuzumachen. Wenn man sich mal überlegt, was das für ein Halbfinale war (incl. Messerwurf gegen Pfaff!), die unsägliche Rote gegen Augenthaler … und dann fehlte im Finale irgendwie der „Agressiive Leader“ und es kam zu diesen zwei Toren ..

    1. Ich war ja im Mai 1987 in Wien: nach Kögls Tor hatten eigentlich alle im Stadion (Spieler beider Teams; Fans beider Teams) bis zum 1:1 das Gefühl, dass das Spiel entscheiden sei …
      Portos einziges Mittel in der 2. Hz waren Frustfouls … es kam gar nichts von den Portugiesen.

      Bayern nicht brillant, aber bis zum 1:1 absolut souverän … aber auch nach dem 1:2 gelähmt und absolut willen- und wehrlos!

  2. Es gibt noch eine Gemeinsamkeit mit italieischen Mannschaften .. neben den Bayern hat auch der AS Rom ein Finale „dahoam“ gespielt, das haben die auch verloren. Auch im Elfmeterschießen. 1984 .. leider kenne ich keine Römer, die damals dabei waren ..

    Wie man es „richtig macht“, haben nur unsere „Freunde“ aus Madrid gezeigt. 1957 gegen den AC Florenz, ihr zweiter Titel ..

    1. An dieses 1984er Finale, das Liverpool im Elfmeterschießen gewonnen hat. kann ich mich sogar noch erinnern …. ein fürchterliches grausames Fußballspiel!!!

      1957 – zählt das überhaupt noch? 😉

      Übrigens: ist nun mit Schweini nach 2012 Olic der 2. Elfmeterschütze, der beim Finale dahoam vergeben hat, gegangen ….

  3. Das perverse ist, seit ich Bayern verfolge haben sie mehr Landesmeister/CL-Finals verloren als gewonnen. An mein erstes, das Spiel gegen St. Etienne kann ich mich kaum noch erinnern (und dass Bulle Roth sein insgesamt drittes (!) Finaltor geschossen hatte war mir damals auch nicht klar). Von den dann folgenden Finals war eines grausamer als das andere .. Rotterdamm war schon schlimm, Wien war schlimm und auch irgendwie ein Zeichen von Schwäche, und 1999 war dann einfach nur grausam. Als Bayern dann 2001 mit dem Glück des Tüchtigen gewonnen und 2010 erstmalig zu recht verloren hatte, dachte ich, diese Serie perverser Finalniederlagen sei endlich vorbei. Denkste, „dahoam“ war wie alle verlorenen Finals zusammen, das Ganze auch noch angereichert um die „neue“ Erfahrung verlorener Elfmeterschießen … (o.k., es fehlte das aberkannte reguläre Tor von 1982 – Güttler!).

    Wie Du es richtig sagst, wahrscheinlich stecken wir jetzt mitten in der „zweiten Dreierserie“, nämlich dass europäische Titel erst gewonnen werden, nachdem man kurz vorher ein Finale dramatisch und unverdient verloren hat. …

    Aber eine „gute“ Nachricht habe ich trotzdem – den Titel des „Rekord-CL-Finale-Verlierers sind wir los: Seit München 2012 waren wir mit Juventus Turin bei jeweils fünf Niederlagen – Juventus hat seit 2015 eine mehr ..

    1. Wie meinst Du das? – „Wien war…auch irgendwie ein Zeichen von Schwäche…“ ???
      Es war eines von 4 Finals, das Bayern unverdient und unglücklich verloren hat. Ich war damals in Wien und eigentlich haben sich alle schon auf die Siegesfeier gefreut, weil Bayern haushoch überlegen war … dann kam dieser Doppelschlag mit dem verdammten Hackentrick etwas mehr als 10 min. vor Schluss ….

      Ernstgemeinte Frage: würdest Du persönlich „lieber“ im Endspiel verlieren oder im CL-HF ausscheiden? Ich finde, dass sogar der Titel des „Rekord-CL-Finalverlierers“ etwas Ehrenhaftes hat …. Bei einer Bilanz von 5 Siegen und 5 Niederlagen ist es schon noch erträglich…

      Nachdem gerade Real Madrid und Milan derart positive Finalbilanzen haben, muss es auch einige Clubs mit sehr negativen Bilanzen geben … 😉

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