Mentales Übertrainingssymptom – Eine mögliche Ursache für Leistungsabfall bei Hochleistungsprofis im Fußball

Gastbeitrag Dr. Nikolaus Netzer

Als ich mit meinem Freund und FCB Fan Peter Grad vor einigen Tagen die möglichen Ursachen für die Bayern Niederlagen gegen Real diskutierte, kamen wir natürlich auch auf trainingsmethodische und sportmedizinische Aspekte zu sprechen. Ein Mediziner darf sich natürlich nur indirekt über medizinische Ursachen für einen Leistungsabfall bei Sportlern äußern, die er nicht persönlich kennt und untersucht hat. Dennoch kann man natürlich allgemein gewisse Szenarien ansprechen, die so bei den Bayern Profis zugetroffen haben können, aber natürlich nicht müssen.

Unter dem Begriff Übertraining versteht der Laie, dass jemand soviel Ausdauer trainiert hat, dass er im Wettkampf dann keine Leistung mehr abrufen kann und total schlapp ist, da einfach noch vom Training erschöpft. Dabei denkt man natürlich zuerst an müde Muskeln, schwere Beine. Also an den Marathonläufer, der schon zwei Marathons in einem Monat gelaufen hat und dann nicht mehr kann.

In der Sportmedizin sieht man den Begriff etwas anders: auf Grund einer hohen Stressbelastung über einen längeren Zeitraum, die mental oder körperlich bedingt sein kann, kommt es zu einer konstant hohen Ausschüttung von adrenergen Überträgerstoffen wie Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Serotonin, usw. Damit diese Signale in den Nervenzellen verarbeitet werden können und die Leistung des Hirns und des Körpers hochgeschraubt, entstehen mehr Andockstellen, Rezeptoren für diese Stoffe. Nach dem Andocken und der entfalteten Wirkung löst der Rezeptor auch den Abbau des Überträgerstoffes ein. Das gilt für jedes höhere Lebewesen und in unserer täglichen Alltagswelt für Büroarbeiter wie für Profisportler, Schüler ua, die unter Stress stehen können. Dieser Prozess geht bis zu einem gewissen Maximum, dann fährt der Körper die Bildung von Rezeptoren runter um nicht im übertragenen Sinn „zu überhitzen“. Eine weitere Ausschüttung von Adrenalinen durch noch mehr Stress hat also keine Wirkung mehr. Man spricht im Fachterminus von Down-Regulation (Runterfahren) der Rezeptoren. Normalerweise signalisiert einem der Körper dies und man muss sich ausruhen, die Ausschüttung von adrenergen Substanzen passt sich der Zahl der Rezeptoren an. Setzt die Stressbelastung jedoch trotz dieses Signales weiter fort, steigen die frei zirkulierenden Adrenaline weiter an, weil sie keine Andockstellen mehr finden, ohne dass sie eine Wirkung entfalten können und auch nicht mehr abgebaut werden. Der Mechanismus der Down-Regulation betrifft nur die Rezeptoren, das verbindende Element zur Produktion der Adrenaline fehlt. Man kann dann in einem über 24 Stunden gesammelten Urin statt der normalen bis zu einigen 100ng Adrenalin, über 1000ng messen. Die Zahl der Rezeptoren geht dann immer weiter runter, ist gegenläufig zur immer stärker ansteigenden Produktion der Stresshormone und die Person gerät in den Zustand einer totalen geistigen und körperlichen Erschöpfung, auch weil bei einer zu hohen Adrenalinkonzentration im Nervensystem keine Tief- und Traumschlaf mehr möglich ist. Da man sich in diesem Zustand auch öfters depressiv fühlt, sollte man eigentlich von reaktiver Depression sprechen. Der Begriff Burnout ist etwas unglücklich, lässt sich als Modebegriff z.Zt. aber fast nicht unterkriegen.

Der Gleichklang zwischen Rezeptorbildung und Überträgerstoffausschüttung kann dabei besonders gestört sein, wenn bei einer zu kurzen Pause ein Rezeptorabbau auf einen gerade wieder ansteigenden Stress und Adrenalinausstoß trifft. Dies könnte evtl. tatsächlich der Fall gewesen sein nach dem kurzfristigen Druck-/Stressabfall bei den Bayern nach der so früh gewonnenen Meisterschaft.

Dass das extrem schnelle Kurzpassspiel eine hohe Konzentration = mentaler Stress von allen Spielern fordert ist jedem eingängig. Vor allem dann, wenn es auch im täglichen Training zum Tragen kommt.

Die Trainingssteuerung ist im Profisport auf eine Vermeidung von Übertrainingssymptomen ausgerichtet. Dazu werden in der Regel Trainings- und Wettkampfpausen so platziert, dass eine hohe Stresshormonausschüttung nicht auf eine Rezeptor Downregulation trifft, ggf. versuchen Psychologen und Mentaltrainer zu hohe Stresshormonausschüttung dadurch zu vermeiden, dass sie dem Sportler beibringen wie er den psychischen Stress klein halten kann. In den olympischen Disziplinen, die nur alle paar Monate die volle Leistungsfähigkeit erfordern, ist dies natürlich leichter als in Profisportarten, die sich praktisch übers ganze Jahr durchziehen.

Die regelmäßige Messung der Stresshormone z.B. im 24 Stunden Urin ist aufwendig und eigentlich müsste man dann auch die Rezeptoren messen, um genaue Aussagen zu einem Missverhältnis treffen zu können. Aus diesem Grund behelfen sich professionelle Trainer und Betreuerstäbe heute oft mit der regelmäßigen Messung der Herzfrequenzvariabilität (HRV), die sich leicht über eine höherwertige Pulsmessuhr und Brustgurt bestimmen lässt. Je mehr Stresshormone im Körperkreislauf sind, desto regelmäßiger wird der Zeitabstand zwischen den einzelnen Herzschlägen, Das Herz schlägt bei Stress voll im Takt. Umgekehrt je weniger Stresshormonbelastung, desto unregelmäßiger werden die Zeitabstände zwischen den Schlägen. Dies bewegt sich allerdings im Millisekundenbereich und daher kann man es mit bloßem Pulsfühlen nicht feststellen.

Trainer lassen sich also von den Sportlern die täglich gemessenen Werte per elektronischem Tagebuch übermitteln und reagieren dann mit Trainings- oder Wettkampfreduktion, wenn die HRV über einen Zeitraum von mehreren Tagen außerhalb eines Wettkampfes zu niedrig ist, sprich der Herzschlag zu starr im festen Rhythmus.

Wie das bei den Bayern alles läuft, weiß ich nicht, allerdings haben wir an der Uni Ulm doch erhebliche Unterschiede bei Stressmessungen der Spieler hinsichtlich der Trainingssteuerungen verschiedener Trainer nach einem Trainerwechsel bei den Erstligaprofis des SSV Ulm damals feststellen können.

 

Der Autor ist Universitätsprofessor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck und Fußballfan. Der 52jährige Internist, Lungenfacharzt, Sportmediziner und Schlafmediziner hat sich mit seinem sportmedizinischen Mentor, dem 2001 verstorbenen Freiburger und Ulmer Sportmediziner Prof. Manfred Lehmann, viel mit dem Übertrainingssyndrom beschäftigt, vor allem in Hinsicht auf Auswirkungen auf den Schlaf und diese Arbeit in seinem eigenen Forschungsinstitut, dem Hermann Buhl Institut in Bad Aibling, später mit verschiedenen Trainern von Spitzensportlern fortgesetzt. Er hat zu diesem Thema in englischsprachigen Fachzeitschriften und Büchern veröffentlicht. Während seiner Zeit an den sportmedizinischen Instituten der Unis Freiburg und Ulm war er in die internistische Betreuung der Bundesligaprofis vom SC Freiburg und SSV Ulm unter den Trainern Finke und Rangnick mit involviert.

 

 

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