Ein Plädoyer für Pep Guardiola

… wenn er es denn überhaupt nötig hat …

Nichts ist so vergänglich wie Ruhm – sicherlich keine neue Erkenntnis oder gar Weisheit!

Als Pep Guardiola Ende Juni 2013 das Training als Chefcoach des FC Bayern aufgenommen hat, war das gerade zu dem Zeitpunkt – wegen des Bayern-Triples unter Jupp Heynckes – wohl mit die undankbarste Aufgabe, die man sich als Übungsleiter nur vorstellen kann.

Ganz im Gegensatz zu den jahrelangen Erkenntnissen, dass Fußballmannschaften, Sportmannschaften im Allgemeinen nach einem derartigen Ausnahmetriumph, meist in der darauf folgenden Saison in ein Leistungsloch fallen würden, war die Erwartungshaltung an den neuen Bayerntrainer unendlich hoch: Was sollte denn auch passieren? Der „weltbeste Trainer“ (14 Titel mit Barcelona in vier Jahren) übernimmt das Kommando beim amtierenden Championsleaguesieger und somit bei der de facto besten Fußballmannschaft auf diesem Planeten!

Die einzige Sorge, das einzige vielleicht kleine Hindernis schien die Neuausrichtung des Spielsystems – vom Bayerischen Powerfußball zum Tiki Taka à la Barca. Würde Guardiola exakt dasselbe System spielen lassen wie beim FC Barcelona, obwohl die Fähigkeiten der Protagonisten bei den beiden Clubs doch durchaus anders gelagert sind? Sind denn gar die Bayernspieler intelligent genug, willig, um dieses neue System zu adaptieren? Zieht ein Pep Guardiola wie ein paar Jahre zuvor Luis van Gaal stur seine Linie durch, mehr oder weniger ohne Rücksicht auf Verluste? Von der Boulevardpresse ist man solche provokativen Fragespielchen gewöhnt – aber nicht wenige Bayernfans und –sympathisanten ließen sich davon verunsichern.

Aber es kam glücklicherweise anders – wenn auch logischerweise nicht komplett reibungslos, aber doch sehr schnell wurde Peps Tiki Taka angenommen und verinnerlicht – Guardiola wurde in Anlehnung an den spanischen Sprachgebrauch immer häufiger zitiert, dass er super super Spieler habe, die alle sehr sehr intelligent seien. Ende August hat man zusammen den ersten Titel gewonnen: in einem dramatischen Spiel über 120 Minuten und Elfmeterschießen besiegte man in Prag im Europäischen Supercupfinale den FC Chelsea von Jose Mourinho. Gerade bei Franck Ribérys Torjubel beim zwischenzeitlichen 1:1 hat man gemerkt, wie sehr Mannschaft und Trainer in zwei Monaten schon zusammen gewachsen waren.

Anfang Oktober 2013 hat man beim Auswärtssieg in Manchester gegen City (3:1) das erste richtige Tiki Taka Highlight gesetzt – auf Youtube konnte man unendlich lange und atemberaubend schnelle Ballstafetten aus diesem Spiel bewundern. Die Siegesserie, die unter Jupp Heynckes begonnen hatte, wurde auf beeindruckende Art und Weise fortgesetzt, Rekord um Rekord gebrochen, quasi im Vorübergehen die Clubweltmeisterschaft in Marokko eingefahren, und nach der Winterpause wurde – auch dank der Neuzugänge Thiago und Götze – die Spielkultur (wir sprechen von Tiki Taka!) auf ein schier unfassbares Niveau gesteigert!

Und dann passierte etwas ebenso normales (siehe  Die mentale Krise des FC Bayern) wie auch für viele unfassbares: nach der frühesten Meisterschaft der Fußball-Bundesliga-Geschichte am 27. Spieltag, Datum 25. März 2014, hat das gerade von den Medien als „Übermannschaft“ ausgerufene Team des FC Bayern seine überragende Form ebenso rasch wie dramatisch verloren. Nachdem das Guardiola-Team vom August 2013 bis Ende März 2014 wettbewerbsübergreifend gerademal ein Pflichtspiel (und das noch dazu völlig unnötig im CL-Rückspiel gegen Manchester City) verloren hat, verlor man im April 2014 nahezu unglaubliche VIER Pflichtspiele in einem Monat – darunter unglücklicherweise die beiden CL-Halbfinalspiele gegen Real Madrid. Die Regel „der FC Bayern schießt immer mindestens ein Tor“ (wenn nicht eher zwei, drei oder mehr!) galt urplötzlich nicht mehr, alle Niederlagen musste man – ohne einziges Tor selbst geschossen zu haben – ertragen.

Noch dramatischer und drastischer wurden die Niederlagen des FC Bayern in der nationalen wie internationalen Presse dargestellt – neben einigen üblichen absolut respektlosen Kommentaren wurde vor allem das Tiki Taka System von Pep Guardiola zu Grabe getragen. Carlo Ancelottis Madrid hätte es dechiffriert und vernichtet! Und auch viele nervös gewordene Bayernfans ließen sich spontan von den Todgesängen anstecken: Pep Guardiola hatte in den Augen vieler (wahrscheinlich genau derjenigen, denen die Siegesserie vorher schon zu langweilig geworden ist) aus dem FC Bayern ein zweites, nur wesentlich schwächeres Barca geformt und alles Bayerische aus der Mannschaft fast schon ausgesaugt!

Das ist ebenso brutal wie schlichtweg falsch!

Tatsache ist, dass die Mannschaft des FC Bayern acht Monate lang fantastisch mit ihrem neuen Trainer zusammen gearbeitet hat – gerade wenn man die schwierige bereits geschilderte Situation zu Beginn der Zusammenarbeit sieht. Mitnichten wurde ein Barca Tiki Taka 2 als Kopie erschaffen, denn – und gerade auf das waren „wir Bayern“ doch immer so stolz – Peps Tiki Taka Bayern hatten – im Gegensatz zu Barca – bis zum April (sogar eigentlich inkl. dem ManUnited-Heimspiel im April) immer einen sogenannten Plan B: nicht zu wenige Kopfballtore sind und waren immer fester Bestandteil im Bayernspiel!

Und jetzt werfen wir einmal einen näheren Blick auf das entscheidende Rückspiel gegen Real Madrid: die beiden frühen alles entscheidenden und für Bayern alle Hoffnung auf das Triple beendenden Gegentore sind nicht durch die gefürchteten Konter Reals als wirksamstes Gegenmittel gegen den bayerischen Ballbesitzfußball gefallen, sondern schlicht und einfach durch zwei Kopfballtore bei Standardsituationen! Das hat rein gar nichts mit dem Spielsystem zu tun, sondern war in beiden Fällen einzig und allein auf die mangelnde Konzentration(sfähigkeit) einzelner Spieler zurückzuführen.

Das Tiki Taka System von Guardiola ist weniger an der genialen Taktik des Herrn Ancelotti gescheitert, sondern vielmehr daran, dass die beim Aufeinandertreffen zweier Weltklassemannschaften entscheidende Tagesform einzig und allein bei Real gestimmt hat: Während bei Bayern seit Wochen die Formkurve rasant nach unten gezeigt hat, ist dieselbe von Real Madrid zuletzt steil nach oben gegangen.

Lassen wir uns (positiv) überraschen, sollten beide Mannschaften sich in der nächsten Saison im gleichen Wettbewerb wieder treffen – vielleicht treffen sich dann zwei Mannschaften zwar mit denselben taktischen Grundsystemen wie 2014, aber unter völlig unterschiedlichen Grundvoraussetzungen und dann lassen wir uns überraschen, wie das ausgehen wird!

Übrigens: Der ebenfalls bis zum letzten Mittwoch hochgelobte Taktikfuchs Jose Mourinho ist mit Chelsea ebenfalls im CL-Halbfinale ausgeschieden, obwohl man ihm und seiner Mannschaft vorher zwar einen hässlichen aber höchst effektiven und folglich erfolgreichen Spielstil attestiert hat – er musste ähnliche Häme wie Pep Guardiola ertragen!

Ich bin mir sicher, dass der FC Bayern mit Pep Guardiola und seinem Tiki Taka System in der nächsten Saison (bzw. hoffentlich vorher schon beim Pokalfinale am 17. Mai!) wieder in die absolute Erfolgsspur finden wird, was dann sehr vielen wieder überhaupt nicht gefallen wird. Und eigentlich sollten die Grundvoraussetzungen für 2014/15 sogar wesentlich besser sein als für 2013/14 (wenn die WM in Brasilien gut verdaut worden sein wird)!

Was mich persönlich neben dem überragenden Spielerkader des FC Bayern so optimistisch stimmt? Pep Guardiola ist ein sehr intelligenter und ehrgeiziger Trainer, ein sympathischer und stolzer Katalane, der aber im Gegensatz zu einem Luis van Gaal nicht beratungsresistent ist und meiner bescheidenen Meinung nach durchaus die Fähigkeit besitzt, aus begangenen Fehlern zu lernen. Einstweilen nimmt er sogar Fehler auf sich, die er nicht einmal wirklich begangen hat ….

Aber ich will die Erwartungshaltung nicht schon wieder in unermessliche Höhen treiben…. 😉

 

2 Kommentare zu „Ein Plädoyer für Pep Guardiola“

  1. Übrigens waren wir uns am Samstag im Stadion alle einig: der Grund, warum aktuell der Bayernmotor stottert, ist nicht das „Tiki-Taka-System“ von Pep, sondern vielmehr weil es die Mannschaft derzeit nicht wirklich umsetzen kann …

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