Die mentale Krise des FC Bayern

Choreographie CL HF Real
Choreographie CL HF Real

Nach dem fast schon brutalen Ausscheiden im CL-Halbfinale gegen Real Madrid war der Katzenjammer bei uns Bayernfans natürlich riesengroß. Diese Situation musste direkt im Anschluss an das Spiel vom harten Münchner Kern des FC Bayern-Fanclubs Red Lava– bei ein paar Weißbier und Caipirinhas – besprochen werden.

Unser Ansatz hat sich dabei doch ziemlich von dem unterschieden, was die Boulevardpresse nach dem „Debakel“ angeboten hat, aber auch vom Kern der Statements der Spieler und Verantwortlichen des FC Bayern.

Wie kann es sein, dass eine Mannschaft, die bis Ende März 2014 als nahezu unbesiegbar gegolten hat, deren Dominanz in den Augen vieler die Deutsche Bundesliga langweilig gemacht hat, in einem derart wichtigen Heimspiel in diesem Maße untergeht?

Wir waren uns schnell einig, dass es nicht die Stärke von Real Madrid war, die diejenige der Triple-Bayern 2013 und der in unseren Augen sogar spielerisch noch stärkeren Tiki-Taka-Bayern von 2014 im April 2014 getoppt hat, sondern eine in diesem Ausmaß kaum erklärbare Schwäche(phase) der Bayern. Wenn zwei Weltklassemannschaften wie der FC Bayern und Real Madrid aufeinandertreffen und sich eine von beiden Mannschaften dann mit einem Gesamtscore von 5:0 in zwei Spielen durchsetzt, dann kann dies nur das Resultat dessen sein, dass eines der beiden Teams zu dem Zeitpunkt in absoluter Höchstform war und sich das andere Team gerade auf dem niedrigsten eigenen Level befindet. Diese leidvolle Erfahrung musste 2013 im Halbfinale gegen den FC Bayern auch das damals als weltbestes Fußballteam eingeschätzte Barcelona machen (0:7!).

Sicherlich hat sich in den beiden Spielen das Fehlen des Schlüsselspielers des Pepschen Tiki Taka Systems, Thiago Alcántara, sehr negativ bemerkbar gemacht. Wahrscheinlich war auch die Wahl der Doppelsechs für das Rückspiel mit Basti Schweinsteiger und Toni Kroos nicht die allerbeste. Aber viele sehen schon das Tiki Taka von Pep Guardiola für immer decodiert, in den Augen der Boulevardpresse wurde dies gar von Ancelotti und Real lächerlich gemacht … Das sehen wir nicht so!

Dabei muss ich zugestehen, dass ich persönlich auch von meiner Meinung, dass der Druckabbau von Guardiola nach der frühesten Deutschen Meisterschaft aller Zeiten am 25.März 2014(!!) („die Meisterschaft ist damit beendet“, Radikalrotation in der Bundesliga) für den extremen Leistungsabfall verantwortlich war, etwas abgerückt bin. Es ist natürlich extrem bitter, dass dieser Leistungsabfall zum schlechtesten Zeitpunkt der Saison auf dem Weg zu einem historischen Double-Triple aufgetreten ist. Aber wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, wann er eintreten musste – die Mannschaft war wohl diesbezüglich eine Art Zeitbombe.

Wollen wir ein bisschen in die jüngere Bayernhistorie zurückblicken:
Am 19. Mai 2012, am Tag der historischen Niederlage im Finale dahoam, lag die Mannschaft des FC Bayern nicht nur sprichwörtlich am Boden – und das nach einer eigentlich herausragenden Saison mit drei zweiten Plätzen, die allerdings leider im Fußball im allgemeinen und im speziellen, wenn man das Wappen des FC Bayern auf der Brust trägt, nichts zählen. Ein paar Wochen später ist außerdem die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft im Halbfinale gegen Italien ausgeschieden. Dem Bundestrainer wurde danach vorgeworfen, dass er auf den großen Bayernblock gesetzt hätte, der aufgrund der Nachwirkungen der vorangegangenen Saison psychisch, aber auch physisch (v.a. Schweinsteiger und seine zahlreichen Verletzungen) nicht in bester Verfassung war. Arjen Robben und Franck Ribery haben zudem mit ihren jeweiligen Nationalmannschaften beim selben Turnier (sehr) negative Erfahrungen gesammelt.

Es gab schon große Fußballmannschaften, die nach einer derartigen Saison auseinandergebrochen sind – nicht so der FC Bayern: Zur Saison 2012/13 hat man sowohl die Mannschaft weiter verstärkt, als auch mit Matthias Sammer den absolut richtigen Mann als Sportvorstand verpflichtet. Jupp Heynckes sollte nach dem Gewinn des ersten Triples in der Vereinsgeschichte im Mai 2013 sagen, dass die Mannschaft, die „charakterstärkste“, die er je betreut hat, aus dem 2012 (Ergebnis-)Desaster die Stärke und Motivation gewonnen, um die unvergessliche Saison 2012/13 möglich zu machen. Aber auch rückwirkend kann man sich vorstellen, welche Kraftanstrengungen, auch mentaler Natur, davor wohl notwendig gewesen sind!

Man muss fast schon sagen leider steigt nach einer dermaßen erfolgreichen eigentlich einmaligen Saison 2012/13 das Anspruchsdenken und alle dem FC Bayern Wohlgesonnenen haben weiter geträumt und gehofft, dass diese Erfolgsserie weiter gehen möchte. Wenn man in die FC Bayern-Geschichtsbücher schaut, dann wird man dagegen feststellen müssen, dass auf die erfolgreichsten Jahre (1974, 2001) immer mindestens ein wesentlich schlechteres gefolgt ist. Damals ist man immer jeweils mit dem erfolgreichen Meistertrainer (Udo Lattek, Ottmar Hitzfeld) in die nachfolgende Saison gegangen. 2013 dagegen ist man mit einer fast einmaligen Konstellation in die neue Saison gegangen: die de facto weltbeste Mannschaft wurde zur neuen Saison vom für viele weltbesten und auf alle Fälle erfolgreichsten Trainer der letzten Jahre, Pep Guardiola, übernommen. Zusätzlich hat dieser – nicht überraschend, sondern geplant – sein beim FC Barcelona so erfolgreiches Tiki Taka beim FC Bayern eingeführt, ein sowohl taktisch sehr ausgereiftes, wie aber auch physisch wie mental extrem anstrengendes System.

Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass die spanischen und brasilianischen Nationalspieler des FC Bayern nach der langen anstrengenden Saison 2012/13 zusätzlich noch den ConFed-Cup gespielt haben und alle mit ihren Mannschaften im Endspiel im Juni 2013 standen. In der Folge sind diese Spieler trotz einer verkürzten Sommerpause verspätet wieder ins Training des FC Bayern eingestiegen – die einen waren anschließend schon früh in der Saison langfristig verletzt (Thiago, Martinez), während ein Spieler wie Dante nicht mehr an die überragenden Leistungen der Vorsaison anknüpfen konnte.

Die anfängliche Skepsis, ob Guardiolas Tiki Taka wirklich das beste System für den aktuellen Bayernkader ist, ist schnell einer zunehmenden Begeisterung für die Rekordbayern gewichen, die bis Ende März 2014 einen Rekord nach dem anderen sowohl national als auch international auf- oder eingestellt haben. So ganz nebenbei wurde aus dem Triple unter Heynckes ein Quintle – Ende August 2013 wurde in Prag zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte der Europäische Supercup in einem dramatischen Spiel nach Elfmeterschießen gegen das von Mourinho betreute Chelsea geholt und im Dezember wurde man zum Jahresabschluss in Marokko noch Clubweltmeister. Gerade beim Endspiel gegen Raja Casablanca konnte man aber schon beobachten, dass große Teile der Mannschaft sehr erschöpft gewirkt haben.

Nach einer ziemlich kurzen Winterpause und einem „Hallo-Wach-Erlebnis“ in Salzburg ging man dennoch gut vorbereitet in die Rückrunde, die man im Gegensatz zur restlichen Bundesliga gleich aufgrund des Nachholspiels in Stuttgart wegen der zusätzlichen Spiele bei der Club-WM mit einer englischen Woche begonnen hat. Die Testspielniederlage in Salzburg (0:3 gegen Redbull) kurz vor dem Bundesligarückrundenstart gewinnt im Nachhinein durchaus an Bedeutung. Natürlich fehlten eine größere Anzahl an Führungsspielern, aber Pep Guardiola wie auch ein Thomas Müller gaben anschließend deutlich zu bedenken, dass, wenn man nicht konzentriert auftritt, man gegen JEDEN Gegner verlieren kann.

In den anschließenden Wochen konnte man sich als Bayernfan an Traumfußball erfreuen. Viele Spiele waren von einer spielerischen Leichtigkeit geprägt, die man in diesem Maße und in dieser Häufigkeit vielleicht noch nie erleben konnte. Mit Thiago und Götze kristallisierte sich ein neues Traumduo heraus, in der Bundesliga wurden die Gegner z.T. innerhalb von kürzester Spielzeit in alle Bestandteile zerlegt, aber auch Arsenal im Auswärtsspiel des Championsleague-Achtelfinales vorgeführt.

Mit kleinen Abstrichen wurden diese größtenteils überragenden Leistungen Woche für Woche bis zum 25. März 2014, an dem Tag, als die Meisterschaft in Berlin gefeiert worden ist, fortgesetzt. An diesem Abend meinte Pep Guardiola, dass damit für ihn die Meisterschaft beendet sei, was von vielen als verhängnisvoller Fehler eingestuft worden ist und die viel diskutierte Rotation hat in den Bundesligaspielen gegen Hoffenheim und in Augsburg sämtliche Rekordserien beendet. Obwohl dies für viele bedauerlich war, hatten diese kleinen Negativerlebnisse in der Bundesliga – selbst die 0:3-Niederlage im Prestigeduell gegen Dortmund – keine wirklich Bedeutung. Erschreckender war schon die Tatsache, dass man im ganzen Fußballmonat April, vielleicht mit den Ausnahmen des Kraftakts gegen Manchester United nach dem 0:1-Rückstand und der Hoffnung gebenden zweiten Halbzeit gegen Werder Bremen nicht mehr ansatzweise zur spielerischen Klasse der Spiele davor zurück gefunden hat. Gerade die zweite Halbzeit gegen Bremen, wohlwissend, dass Werder nicht Real Madrid ist, hat dennoch große Hoffnungen genährt.

Man wollte konzentriert, fokussiert das Rückspiel erfolgreich gegen Real Madrid bestreiten. Die Fehler der vorangehenden Wochen, die man mit mangelnder Motivation und demfolgend mangelnder Konzentration begründet hat, sollten bei diesem Spiel, soweit das eine Weltklasse(konter)mannschaft wie Real Madrid möglich macht, ausgeschaltet werden. Mit dominantem Fußball wollte man den zu befürchtenden Konterfußball von Madrid im Keim ersticken. Nach einem passablen Beginn hat man dann aber aus zwei Standardsituationen (Eckball, Freistoß aus dem Halbfeld) in der 17. und 20. Minute zwei Kopfballgegentore durch denselben Innenverteidiger erhalten, und jeder im Stadion wusste zu dem Zeitpunkt, dass ein weiterer Finaleinzug absolut unmöglich ist – eine Bewertung des restlichen Spielverlaufs erübrigt sich. Was aber wirklich bezeichnend für die aktuelle Situation des FC Bayern ist, dass beide Gegentore aus zum einen vorab schon vermeidbaren Standards gefallen sind. Zum anderen waren bei den anschließenden Standardsituationen z.T. ganze Mannschaftsteile derart unkonzentriert, dass es Sergio Ramos nahezu als Einladung zum Torschießen sehen musste. Selbst wenn Götze in Madrid noch kurz vor Schluss das 1:1 erzielt hätte, und damit den Bayern eine gute Ausgangssituation für das Rückspiel verschafft hätte, wären die beiden Ramos-Gegentore in München der Genickbruch der mental angeschlagenen Bayern gewesen!

Am Tag nach dem Spiel habe ich mich noch mit einem Mediziner unterhalten, der auch Fußballinteressierter ist und natürlich das Bayernspiel gesehen hat: Er meinte sogar, dass der aktuelle Zustand vieler Bayernspieler mit einer Art „Burn-Out“ zu beschreiben ist. Die Mannschaft sei nach 20 höchst erfolgreichen Monaten und aufgrund des nur mit größter Konzentration erfolgreich zu spielenden Tiki-Taka-Systems definitiv (mental) ausgebrannt.

Dieser Auffassung folge ich auch: natürlich trifft dies für die Spieler aufgrund ihrer unterschiedlichen Charaktereigenschaften zwar in unterschiedlichem Maße zu, aber trotzdem muss man konstatieren, dass von diesem aktuellen Leistungstief mehr oder weniger alle Spieler betroffen sind.

Ob man das Ruder bis zum sehr prestigeträchtigen DFB-Pokalfinale in zwei Wochen noch herum reißen kann, ist die große Frage – wie lange dauert diese mentale Schwächeperiode an? Als Bayernfan bleibt eigentlich nur das Prinzip Hoffnung.

Welche Konsequenzen muss man aus der augenblicklich so schwierigen und durch das bittere Championsleague-Ausscheiden so schmerzhaften Situation ziehen? Kann man überhaupt dem entgegen wirken, dass man vor allem durch das konzentrationsaufwendige Tiki-Taka-System bei der riesigen Anzahl an Spielen der Spitzenmannschaften periodisch immer einmal wieder in ein mentales Loch fällt? Ist aber vielleicht sogar die aktuelle Situation eine Ausnahmesituation aufgrund der vorher dargestellten Ereignisabfolge der vergangenen 20 Monate und man muss sich diesbezüglich zukünftig sogar weniger Sorgen als Verantwortlicher wie Fan des FC Bayern machen?

Ist der aktuelle Kader des FC Bayern nicht vielleicht sogar für diese Mammutaufgaben zu klein? Wenn man die Mannschaftskaderstärken der anderen Bundesligisten mit der des FC Bayern vergleicht, fällt einem sofort auf, dass dieser – trotz des immer in den Medien verkündeten Luxuskaders – mit der kleinste ist. Der Jupp-Heynckes-Kader der Saison 2012/13 war zwar noch einmal um einen Spieler kleiner, aber all diese Spieler waren ohne Ausnahme auch gestandene Bundesligaprofis. Man erinnere sich an das Bundesliga-Heimspiel gegen den 1.FC Nürnberg: der FC Bayern hat sich drei Tage zuvor in Turin gegen Juventus souverän für das Championsleague-Halbfinale qualifiziert und gegen Nürnberg hat man mit elf(!) neuen Spielern 4:0 gewonnen. In dieser Saison füllen ein paar Talente den Kader auf, aber vor allem Mitchel Weiser und Patrick Weihrauch sind noch weit vom Niveau der anderen entfernt.

Soweit ich mich erinnere, war es aber vor allem der ausdrückliche Wunsch von Pep Guardiola, den Spielerkader in dieser Form auszudünnen. Sollte man auch dies neu bewerten und überdenken? Der FC Bayern hatte zudem in der laufende Saison nicht gerade wenige Verletzte zu beklagen.

Insgesamt sind das trotzdem Luxusprobleme, wenn auch aktuell stark schmerzende. Vor der Saison 2009/2010 waren viele Bayerfans in meinem Umfeld der Meinung, dass man gerne ein paar Doubles der vergangenen Jahre dafür eintauschen würde, wenn man endlich einmal wieder in ein Halbfinale der Championsleague einzuziehen würde. In den nun fünf anschließenden Jahren ist der FC Bayern viermal ins Championsleague-Halbfinale eingezogen, dreimal hat man sich anschließend sogar für das Finale qualifiziert und letztes Jahr dieses sogar gewonnen.

Aber: die Ansprüche sind wirklich extrem gestiegen, der FC Bayern ganz sicher in den Top 3 dieser Fußballwelt, sogar Jürgen Klopp meinte nach dem Championsleague-Ausscheiden gegen Madrid, dass Bayern immer noch die weltbeste Mannschaft sei 😉
Wenn man diese Ziele weiter verfolgt, und ich bin mir sicher, dass dies geschehen wird, dann muss man sich aber auch mit dem hier angeschnittenen Thema einer möglicherweise periodisch drohenden mentalen Krise aufgrund der permanent hohen Konzentrationsanspannung durch das Tiki-Taka-System von Pep Guardiola auseinander setzen …

Ein aktuell besorgter Bayernfan

6 Kommentare zu „Die mentale Krise des FC Bayern“

  1. Ich habe mir gerade noch einmal „interessiert“ 😉 meinen eigenen Artikel vom Mai letzten Jahres durchgelesen. Grund ist v.a., dass das Vermeiden einer derartigen Schwächephase beim FCB (Trainer, Spieler – zuletzt Ribéry) selbst zuletzt immer wieder Thema war. Nicht nur meiner Meinung nach läuft es in 2015 auf eine Art „Show down“ zwischen Bayern und Madrid hinaus. Viele Dinge sehe ich noch genauso. Nur eines verwundert mich im Nachhinein: Nämlich dass ich für das „Pepsche Spielsystem beim FCB“ so oft die Bezeichnung Tiki Taka verwendet habe …. Bayern spielt längst kein Tiki Taka mehr, hat jetzt ein ganz eigenes System – Pep und die Mannschaft sind noch mehr verschmolzen …. und meine Hoffnung auf das 2. Triple nach 2013 umso größer 😉 😉

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